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08.06.2012 09:46  | Folker Hellmeyer

Eine kurze Entspannung weicht stärkerer Risikoaversion

Der Euro eröffnet heute (07.22 Uhr) bei 1.2525, nachdem im Verlauf der letzten 24 Handelsstunden Tiefstkurse im asiatischen Handel bei 1.2515 markiert wurden. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 79.30. In der Folge notiert EUR-JPY bei 99.30, während EUR-CHF bei 1.2010 oszilliert.

Gestern konnte der Euro einmal kurz im europäischen Markt über die Marke von 1.26 lugen und 1.2625 erreichen, um dann an Boden zu verlieren. Es gab eine Reihe positiver Nachrichten, die Zuversicht schürten, allen voran die Zinssenkung in China von 6,56% auf 6,31%, die zum aktuellen Zeitpunkt überraschend war und damit Traktion bei den Risikoaktiva entwickelte. Auch die Ergebnisse der Auktionen Spaniens und Frankreichs am Kapitalmarkt waren erfolgreich und setzten positive Akzente.

Dieses Potpourri positiver Nachrichten war jedoch gestört über die Einlassungen seitens des chinesischen Staatsfonds CIC, der laut Wall Street Journal seine europäischen Engagements reduzierte und gegenüber möglichen Eurobonds kein Interesse zeigt. Derartige Einlassungen sind ernst zu nehmen. Bei CIC handelt es sich um höchste Kapitalmarktpotenz. Die Ohren sollten den verantwortlichen Politikern der Eurozone klingen. Das ist Alarmstufe "tieforange“.

Wir bewegen uns in einem Finanzsystem, dass solitär vom Vertrauen abhängt. Märkte können dank Misstrauen eigene Realitäten produzieren (siehe Irland), die nichts mit den bisherigen Reformerfolgen (weitgehende Neutralisierung der strukturellen Haushaltsdefizite, massive Reduktion der Waren- und Dienstleistungsdefizite der Reformländer) zu tun haben (die deutsche Politik spricht ja auch nicht darüber, dann wird’s halt auch nicht diskontiert am Markt!).

Die Halbherzigkeiten in den Maßnahmen (eher minimalistisch als überdimensioniert w/D) und ideologischen Ausprägungen massiver Ordnungspolitik (Merkel-Doktrin), die in der Grundtendenz im europäischen Krisenmanagement vorherrschen, fordern ihren Preis, der in der Tat schlussendlich das Scheitern der Eurozone mit sich bringen kann. Dann würde sich übrigens zeigen, ob binnenwirtschaftlich organisierte Länder wie Frankreich oder Italien oder exportseitig aufgestellte Länder wie Deutschland besser klar kämen. 2009 gab dazu einen eindeutigen Prolog .

Die gesamten Planungen einer politischen Union als auch die anvisierten strukturellen Wachstumspolitiken, die jetzt die mediale Runde machen, bedingen eben auch, da es hier um langfristige Projekte geht, dass über sinnvolle kurzfristige Maßnahmen an der Konjunkturfront mit dem Ziel der gesellschaftspolitischen Stabilisierung der Reformländer Brücken gebaut werden, die tragfähig sind. Mit anderen Worten bedarf es eines Quantums an konsumtiver Wachstumspolitik wie bereits 2008/2010.

Gerade wir in Deutschland labten uns an einer derartigen Überbrückung in der Krise 2008 - 2010, unter anderem durch die Abwrackprämie und Kurzarbeitergeld in nie dagewesener Ausprägung, die sich unter anderem stabilisierend auf den Automobilabsatz auf den gesamten Bereich der Metallindustrie und schlußendlich der deutschen Beschäftigung auswirkten.

Brücken zu der mittel- bis langfristig wirkenden strukturellen Wachstumspolitik sind derzeit zwingend notwendig. Das stringente "Nein“ aus Berlin ist ideologisch geprägt und vergisst die eigene jüngste Vergangenheit. Mehr noch vergisst das "Nein“ auch unsere gesamte Vergangenheit. Ideologien haben Deutschland nie gut getan. Pragmatismus gepaart mit sinnvoller Diplomatie sind die Schlüssel des Erfolgs.

Fraglos ist die Ausrichtung der deutschen Politik grundsätzlich richtig, da damit nachhaltig Wachstumspotentiale entstehen. Es gilt aber auch, die Volkswirtschaften der Reformländer nicht auf dem Weg austrocknen zu lassen. Wie in der Medizin kommt es auf die richtige Dosierung an. Eine richtige Medizin kann in der falschen Dosierung einen Patienten umbringen!

Fakt ist, dass die Risikoaversion wieder voll in der Blüte steht - die Risiken für die Integrität der Eurozone nehmen zu. Die Risken für die EU nehmen zu. Die Risiken für das Weltfinanzsystem nehmen zu. Gleiches gilt für die Weltkonjunktur.

Hintergrund ist das Staatsverschuldungsproblem Griechenlands in Höhe von 280 Mrd. Euro und das Rekapitalisierungsproblem der Banken Spaniens, dass maximal bei 100 Mrd. Euro (unsere Schätzung 70 Mrd.) liegen dürfte. Wir reden über Probleme in einem Volumen von 380 Mrd. Euro. Diese Größe ist im Verhältnis zu den Folgen auf globaler Ebene recht überschaubar. Diese Größe wird noch überschaubarer, wenn man sich die Neuverschuldung konsumtiver Natur in den USA anschaut. In sechs Monaten waren das sportliche 628 Mrd. Euro.

Wissen wir in der Eurozone eigentlich, welche Verantwortung wir gegenüber unseren Reformländern, der EU, dem Weltfinanzsystem und der Weltkonjunktur haben oder sind wir lediglich auf der Spur der reinen Lehre der Nationalökonomie in einer Zeit der stärksten internationalen Arbeitsteilung und finanziellen Inegration? Haben wir nicht aus den Fehlern 1929/32 gelernt?

Ich verzichte heute bewusst auf die Kommentierung der gestrigen Wirtschaftsdaten, um diesen Kommentar nicht ansatzweise zu verwässern.

Fakt ist, dass die Zeit knapp wird. Da liegt Herr Soros absolut richtig. Die Fieberkurve geht nach oben.

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem EUR favorisiert. Ein nachhaltiges Überwinden des Widerstandsfelds bei 1.2820 - 50 neutralisiert den negativen Bias des Euros.

Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank



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