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03.03.2013 07:45  | Manfred Gburek

An der Börse spielen macht süchtig

Die Zitterpartie um die Ausgabenkürzungen im US-Haushalt gilt zwar offiziell als beendet, aber die möglichen Konsequenzen werfen Fragen auf: Wo wird gekürzt, wie wirkt sich das auf die Konjunktur aus und ruft Präsident Barack Obama sogar eine Art Notstand aus? Keine Frage, den Börsen - nicht nur in den USA - stehen deshalb besonders unruhige Zeiten bevor. Grund genug, sich dem Thema mal ganz anders zu nähern, nämlich von der menschlichen Seite.

Wie hypernervös Anleger weltweit auch auf andere Informationen reagieren, belegt die folgende Episode vom Freitag: Der chinesische Einkaufsmanager-Index für das verarbeitende Gewerbe - den gibt es tatsächlich - fiel im Februar auf 50,1 Prozent nach 50,4 Prozent im Januar. Werte über 50 Prozent bestätigen das chinesische Wirtschaftswachstum, das 2012 zwar "nur“ bei 7,8 Prozent lag, dem niedrigsten Wert seit 1999, aber ein Vielfaches des europäischen und amerikanischen Wachstums ausmachte. Prompt schickten Börsianer die deutschen Aktienkurse in den Keller, weil Deutschland und China wirtschaftlich eng verbandelt sind; erst am Freitagnachmittag kamen sie zur Besinnung und ließen die Kurse wieder ein wenig steigen.

Alles in allem handelte es sich um Wasser auf die Mühlen der Banken, die ihre Wertpapierkunden am liebsten zum Trading verführen, also zum häufigen Umschichten von Aktien und noch mehr von Derivaten. Daraus wird im Lauf der Zeit ein Spiel, das süchtig macht. Dann kommt es nicht mehr auf fundamentale Daten an, sondern auf irgendwelche Kursziele oder -barrieren, die sich die Financial Engineering-Abteilungen der Banken ausgedacht haben.

Eine weitere Episode bahnt sich gerade erst an, und zwar in Japan. Dort wird spätestens am 10. März Haruhiko Kuroda zusammen mit zwei Stellvertretern zum Chef der Notenbank bestellt, der Bank of Japan. Von Kuroda weiß man schon heute, dass er sich für den Kauf von Unternehmensanleihen und Aktienfonds durch die Notenbank einsetzen wird. Zumindest einer seiner Stellvertreter, Kikuo Iwata, plädiert dagegen für den Kauf von Staatsanleihen. Beide wollen den Teufel Deflation mit dem Beelzebub Geldschwemme austreiben, aber jeder mit anderen Methoden - ein Fest für die Banken, die ihre Kunden zum Trading mal in die eine, mal in die andere Richtung verführen.

Da braucht es uns nicht zu wundern, dass auch die zuletzt rauf und runter springenden Edelmetallpreise für Spielernaturen genug Anlass bieten, heute ein- und morgen wieder auszusteigen. Wenn Sie viel Zeit haben, sollten Sie dazu die Kommentare einschlägiger amerikanischer Medien verfolgen. Die finden zu jeder Preisbewegung eine Erklärung, mag sie noch so sehr an den Haaren herbeigezogen sein.

In letzter Zeit sind bei der Ursachenforschung zum Hin und Her der Edelmetallpreise geradezu penetrant verbreitet: "short covering“ und "safe haven“, wenn die Preise steigen, "weak sentiment“ und "futures trading“, wenn sie fallen. Das Ganze garniert mit den üblichen Floskeln, wonach Anleger angeblich wieder zuversichtlicher im Hinblick auf die US-Konjunktur sind, Fed-Chef Ben Bernanke mithilfe von „quantitative easing“ vielleicht doch nicht mehr so wie erwartet mit dem Geld um sich wirft und die Edelmetallpreise aus diesen beiden Gründen fallen - bis die Argumentation am nächsten Tag konterkariert wird.

Ich erwähne diese Beispiele, weil sie typisch für die Trading- und Brokermentalität der Amerikaner sind und in Deutschland immer mehr Nachahmer finden. Präsident Obama hat mit dem Bannstrahl gegen die oppositionellen Republikaner, die seine Reformen nicht mittragen und ihn in die Ecke treiben wollen, viel dafür getan, dass die besagte Mentalität sich noch mehr verbreitet. Denn inzwischen interpretieren Broker fast schon jede Geste Obamas, um ihre Kunden zum Trading zu animieren: Mimt er den sportlichen Präsidenten, sind sie bullish, hebt er dagegen die Hände drohend, werden sie bearish.

In Deutschland ist es zwar noch nicht ganz so weit, aber Banken und Broker hierzulande unternehmen zumindest jeden Versuch, ihre Kunden zum Trading zu verführen. Ist das schon schlimm genug, so wird es erst recht problematisch, sobald Zertifikate, Aktienanleihen, Optionsscheine oder sonstige Derivate ins Spiel kommen. Denn abgesehen von deren oft undurchsichtiger Struktur sollen sie ja nicht die Kunden, sondern die Banken und Broker reich machen - was unter anderem daran liegt, dass traditionelle Geschäftsmodelle der Banken, wie Kreditvergabe oder Vermögensverwaltung, durch die Finanz- und Wirtschaftskrise einen schweren Schlag erlitten haben.

Wenn ich allein daran denke, wie viele von meinen Bekannten gedankenlos ins Trading geschlittert sind, mache ich mir Sorgen um ihre Gesundheit. Das ist heute viel schlimmer als zur Zeit des Neuen Marktes Ende der 90er Jahre, und da war es schon bedenklich. Nur spielte man damals überwiegend mit Aktien, deren Kurse bis Anfang 2000 in der Regel stiegen. Dagegen kommen beim jetzigen Börsenspiel vor allem Zertifikate zum Einsatz, die von Banken so strukturiert werden, dass Kunden im Zweifel von vornherein die Verlierer sind.
Was die angeschlagene Gesundheit meiner verführten Bekannten betrifft, macht mir eines besonders große Sorgen: Je spielsüchtiger sie werden, desto mehr verlieren sie ihr Ziel aus den Augen, das ursprünglich darin bestand, eine höhere Rendite zu erzielen, als Tages- oder Festgeld ihnen bieten kann. Und je mehr die Spielsucht zu Verlusten führt, desto mehr sind sie erst psychisch und auf dem Umweg darüber auch physisch angeschlagen.

Wie kommt man aus so einer Falle heraus? Manchmal helfen Ehepartner oder Freunde, manchmal auch Ärzte oder Psychotherapeuten. Aber solange die Möglichkeit zu spielen besteht, ist die Rückfallquote enorm hoch. Am besten hilft eine Radikalkur: Konto und Depot schließen und für einige Monate an einem möglichst abgelegenen Ort abschalten, wo nicht ständig irgendein Kommentator etwas zum Dax oder Dow Jones erzählt. Oder zum Goldpreis, von dem man in Anbetracht der internationalen Geldschwemme ohnehin weiß, dass er auf Sicht von zwei bis drei Jahren steigen wird.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu

Herr Gburek ist Fachjournalist und Buchautor. Seine letzten Werke waren: "Das Goldbuch" (2005), das Wörterbuch "Geld und Gold klipp und klar von A bis Z" (2007) und "Die 382 dümmsten Sprüche der Banker" (2008).





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