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27.08.2003   11:05 Uhr  | Redaktion

Die Silberpanik von 1893

Viele Jahrhunderte war Silber das gängige Zahlungsmittel für alltägliche Transaktionen. Während Kupfermünzen zu schwer waren, war Gold zu selten, um es in großem Umfang als Münzen ausgeben zu können. Dementsprechend herrschte in den meisten Ländern ein Bimetallstandard bzw. ein reiner Silberstandard vor. Bei einem Silberstandard waren die sich im Umlauf befindlichen Banknoten zu 100% durch Silber abgesichert. Dadurch konnte das Papiergeld jederzeit zum gleichen Umtauschkurs in Silber zurück getauscht werden. Die Länder mit Bimetallstatus hatten zudem ein festes Tauschverhältnis zwischen Silber zu Gold. Als eines der wenigen Länder der Welt leistete sich das wohlhabende Großbritannien seit der Wiedereinführung des Peel's Act im Jahr 1819 einen Goldstandard.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts lösten Goldfunde in Kalifornien (1848) und in Australien (1851) eine Verzehnfachung der weltweiten Goldfördermenge aus. Ein massiver Goldpreisverfall war die Folge. Durch die nun steigenden Goldvorräte ermutigt, entschlossen sich viele Länder ab 1870 den bisherigen Silber- bzw. Bimetallstandard durch einen reinen Goldstandard zu ersetzten. Im Jahr 1878 gab es neben England auch in Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich, der Schweiz und den Skandinavischen Ländern einen Goldstandard. Auch die USA hatten im Jahr 1873 einen Goldstandard eingeführt, jedoch führte hier die politische Entwicklung zu einer kurzzeitigen Rückkehr der Silberwährung, wodurch es 1893 zu einer schweren Wirtschaftkrise in den USA kam.

Um die Hintergründe für die Rückkehr zum Silberstandard zu verstehen, ist ein Blick in die Gesellschaft der USA zu jener Zeit nötig. Nach dem Bürgerkrieg hatten sich in den Vereinigten Staaten stark ausgeprägte Reformbewegungen gebildet, die vor allem gegen die sinkenden Preise (von 1870 bis 1890 war der Preisindex in den USA kontinuierlich gesunken) und Ausnutzung der Farmer und Arbeiter protestierten. Infolge des Einziehens der nationalen Banknoten (sog. Greenbacks) und der Eingliederung der Südstaaten, war die Geldmenge durch die Republikaner stark reduziert worden. Von dieser Deflationspolitik waren die amerikanischen Farmer am meisten betroffen, da die Deflation sinkende Erzeugerpreise und damit fallende Einnahmen bei gleichzeitig steigenden Kreditzinsen bedeutete. Die Forderung nach einer Ausweitung der Währung brachte deshalb viel Zuspruch dieser Bevölkerungsschicht - nicht zuletzt weil viele irrtümlicherweise glaubten, dass die Erweiterung der Papiergeldmenge ihnen einen höheren Wohlstand sichern würde, da ja mehr Geld vorhanden wäre und damit auch ihre Löhne und Einnahmen steigen würden.

Im Jahr 1875 rief die neugeformte National Greenback Partei zu einer Geldmengenerweiterung auf. Ihre Mitglieder waren hauptsächlich Arbeiter aus den Industriestädten und Farmer. Sie forderten eine inflationäre Geldpolitik und setzten sich gegen die Konvertibilität der Greenbacks in Metallgeld ein (dies war 1875 durch den Kongreß beschlossen worden, der bis 1879 alle Greenbacks aus dem Verkehr ziehen wollte). Um die geplante Ausweitung der Geldmenge absichern zu können, rückte erneut ein Silberstandard in den Mittelpunkt der Inflationisten. Doch zunächst konnte die Partei bei der Wahl 1876 keine nennenswerten Stimmengewinne für sich verbuchen. Dies änderte sich nach dem Zusammenschluss mit der National Labor Reform Partei im Jahr 1878. Bei den Kongreßwahlen erzielte die Greenback Partei nun mehr als eine Million Stimmen. Damit entstand ein Gegenpol, der umgehend versuchte, das bestehende Geldsystem umzuwandeln.So beschloß der Kongreß im gleichen Jahr im Rahmen des Bland Allison Acts die Wiederaufnahme der Silberdollar-Prägung als gesetzliches Zahlungsmittel. Zunächst war eine Gesetzesvorlage durch Richard P. Bland eingebracht worden, die nach den Forderungen der radikalen Inflationisten eine freie und unlimitierte Prägung von Silbergeld zum Inhalt hatte. Nachdem dies jedoch im eher konservativem Senat scheiterte, präsentierte Senator William B. Allison wenig später eine nachgebesserte Version, die den US-Fiskus verpflichtete, jeden Monat Silberbarren im Wert zwischen 2 bis 4 Millionen Dollar zu Marktpreisen zu kaufen. Das so erworbene Edelmetall sollte anschließend in Silberdollar geprägt werden und als allgemeingültiges Zahlungsmittel gelten. Zwar gab Präsident Rutherford B. Hayes sein Veto gegen dieses Gesetz, wurde jedoch überstimmt.

Um den nach Meinung der Deflationisten zu erwarteten Schaden möglichst gering zu halten, veranlasste Hayes, dass immer nur die gesetzlich vorgeschriebene Mindesmenge von 2 Millionen Dollar gekauft werden sollte. Fortan wurden damit jeden Monat Silberdollar mit einem Feingehalt von 371 1/4 Unzen Silber geprägt und in den Umlauf gebracht. Genau im Feingehalt lag jedoch ein Fehler, der das System schließlich einige Jahre später zum Einsturz bringen sollte. Lange Zeit war der Wechselkurs zwischen Silber und Gold bei rund 16:1, d.h. eine Unze Gold war genausoviel wert wie 16 Unzen Silber. Der ebenfalls noch im Umlauf befindliche Golddollar wies dementsprechend ein Feingehalt von 23,20 Unzen Gold auf. Bereits zum Zeitpunkt des Gesetztesbeschlusses 1878, war der Silber-Kurs am Weltmarkt aber aufgrund der Überproduktion in den Silberminen und den starken Verkäufen der internationalen Regierungen auf eine Ratio von rund 18 1/4 :1 gefallen. Demnach war das Silber am Markt weniger wert, als im Gesetz festgeschrieben. Dennoch verkauften die Minen weiter Silber zu einem Kurs von 16:1 an die Regierung.

Damit begann das Greshamsche Gesetz zu wirken, das besagt, das schlechteres Geld stets das bessere Geld aus dem Umlauf verdrängt. Vorausgesetzt, jemand hat die Wahl, zwei oder mehrere Münzen mit gleichem Nominalwert auszugeben, so wird die betreffende Person in der Regel immer die Münze mit dem geringsten Metallwert zur Zahlung verwenden, die mit dem höheren Metallwert hingegen möglichst horten. In diesem Fall wurden also Gold-Dollar gehortet und Silberdollar in Umlauf gebracht. Insbesondere Banken zahlten ihre Schulden an die Zentralbank in Silber, bekamen aber in der Regel Gold für Verbindlichkeiten der Zentralbank zurück. Dementsprechend kam es zu einem stetigen Abfluss der Goldreserven des US-Schatzamtes. Ab 1890 verschlimmerte sich die Situation abermals. Immer noch fielen die Preise weiter. Als zweite Inflationisten-Partei gewann deswegen die "Populist Party" zunehmend an Bedeutung, die aus dem Alliance Movement hervorgegangen war und sich ebenfalls für einen Silberstandard einsetzte. Nach ihrer Argumentation wuchs die weltweite Produktion schneller als die Goldvorräte, was den Preisverfall bei den Erzeugerpreisen verursachte. Auch die Populist Partei sah deswegen Silber, da in genügender Menge vorhanden, als die geeignetste inflationäre Währung an. Um den weiteren Preisverfall endlich zu stoppen, forderten die Anhänger dieser Partei eine Ausweitung der Geldmenge, insbesondere durch die Ausgabe von weiteren Silbermünzen.

Um das Ziel durchzusetzten, entschlossen sich die Inflationisten 1890 zu einem "Kuhhandel" mit den Republikanern. Im Gegenzug für die Bewilligung des Sherman Silver Purchase Act, in dem sich die Regierung verpflichtete 4,5 Millionen Unzen Silberbarren im Monat zu kaufen und als Silbergeld in den Umlauf zu bringen, versprachen die Inflationisten, das Zollgesetz der Republikanter (McKinley Tariff) nicht zu kippen.

Immerhin konnte der Sherman Silver Purchase Act den Preisverfall kurzzeitig stoppen. Der Silberpreis, der seit Jahren stetig gefallen war, konnte sogar kurzfristig zu ungeahnten Höchstständen bei 1.50 Cent je Unze zurückkehren. Jedoch war die Ruhe trügerisch, da sich der Abfluss des Goldes dadurch verstärkt hatte und die Goldreserven des Landes sich weiter spürbar verringerten. Erste Stimmen befürchteten bereits, dass das Schatzministerium bald nicht mehr in der Lage sein würde, Dollar gegen Gold umzutauschen. Diese Befürchtung bekamen durch die Wahl S. Grover Clevelands zum Präsidenten 1892 neuen Aufwind, da vermutet wurde, dass er dem stark inflationistisch geprägten Flügel seiner Partei Zugeständnisse machen würden. Zunächst zogen vor allem Ausländer ihre Investitionen schrittweise zurück, da sie eine baldige Abwertung des Dollars erwarteten. Aber auch Inländer versuchten durch Investitionen in ausländische Objekte in Kanada, Europa oder Lateinamerika ihr Vermögen zu sichern.

1893 war die Geldmenge gegenüber dem Jahr 1891 um 68 Mio. Dollar angewachsen. Trotzdem zeigte die Wirtschaft bis Anfang 1893 keine Anzeichen einer Gefahr. Im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit fiel von 5 Prozent im Jahr 1890 auf 3,7 % Ende 1892. Zudem sorgten Ernteausfälle in Europa verbunden mit guten Erträgen in den USA für einen Boom der Landwirtschaft. Doch Anfang 1893 zeigten sich erste Warnsignale einer überhitzten Konjunktur. Ende Januar 1893 sanken plötzlich die Preise von Stapelwaren, Weizen oder Eisen. Ende Januar ließen Preisrückfälle in fast allen Branchen bereits eine grundlegende zyklische Kontraktion der Wirtschaft vorherahnen. Auch der Aktienmarkt, der zuvor nur die Richtung nach oben kannte, kam zum Stillstand.

Am 20. Februar 1893 verschärfte der Konkurs der Philadelphia and Reading Railroad die Situation. Die Eisenbahngesellschaft, die noch im Vormonat ihre gewöhnliche Dividendenzahlung leistete, brach unter einem Schuldenberg von 18,5 Millionen Dollar, dem lediglich Bargeld und Forderungen im Wert von 100.000 Dollar entgegenstanden, zusammen. Der Konkurs der Eisenbahn, die von namhaften Wall Street Finanzhäusern finanziell unterstützt worden war, lies Zweifel an der finanziellen Situation anderer Bahnen und Finanzhäuser aufkommen, dennoch hielt das Kartenhaus.

Am 4. März 1893 erreichten die Goldreserven der USA mit 100.982.410 US-Dollar ein neues historisches Tief. Einige Kaufleute verweigerten mittlerweile die Annahme von Silbergeld, auch wenn dies einen Verstoß gegen das Gesetz bedeutete. Jedoch dauerte es noch bis zum 22. April, bis der endgültige Fall der Goldreserven unter die 100 Millionen-Marke zeigte, dass die Staatskasse mit der verbleibenden Goldreserve nicht unendlich fortfahren konnte unbegrenzt Banknoten bzw. Silbergeld gegen Gold zu tauschen. Zumal es mit dem Silberkurs am Weltmarkt stetig weiter bergab ging.

Bei Investoren und Anlegern ging nun die Angst vor einer baldigen Abwertung des Dollars um, die am 3. Mai schließlich in massiven Verkäufen am Aktienmarkt ihren Höhepunkt fanden. Nach einer zeitgenössischen Aussage, hatte die New Yorker Börse seit 1884 keinen derartigen Einbruch mehr in den Kursen gesehen. Die Preise fielen ins Bodenlose - in einem Augenblick angezeigte Kurse waren in den nächsten Sekunde wertlos. Die Panik verstärkte sich am nächsten Tag noch, als der ehemalige Börsenliebling National Cordage Trust unter Konkursverwaltung gestellt wurden. Die Aktie, die kurz vor der Panik noch für 70 $ den Besitzer wechselte, sank bis zum Abend auf 19 Dollar. Eine ganze Reihe weitere Unternehmen brachen noch in der selben Woche zusammen, doch der "Industrial Black Friday" (5. Mai 1893) war erst der Anfang der Krise.

Wenige Wochen nach dem Aktienmarkt traf es den Silbermarkt. Bis Juni 1893 hatte sich der Silberpreis bereits auf 83 Cent pro Unze verringert. Als im selben Monat die Regierung in Indien, einem der wenigen Länder, die noch einen Silberstandard hatten, bekanntgab, dass sie die Prägung von Silber beenden würde, brachen auch hier die Kurse ein. In nur vier Tagen fiel der Silber-Preis in New York um 25 Prozent von 83 auf 62 Cent pro Unze.

Der Silber-Crash brachte nun die Silberminenindustrie zu Fall. Der Abbau von Silber wurde in vielen Minen gestoppt - eine Vielzahl wurden wenig später aufgegeben. Als die finanzielle Panik im Juli 1893 ausbrach, mussten allein in Denver innerhalb von drei Tagen zwölf Banken ihre Türen schließen. Überall gingen Geschäfte in Konkurs und tausende Arbeiter standen auf einmal vor der Arbeitslosigkeit. Gab es zwischen Januar und Juli 1893 lediglich 3401 Konkurse, mit einer Schuldensumme von insgesamt 169 Mio. Dollar, von denen der Großteil zwischen Mai und Juli gemeldet wurde, so stieg die Zahl in Folge der Panik in der zweiten Jahreshälfte dramatisch an. Insgesamt waren über 15.000 Unternehmen und 642 Banken in Folge des Crashs in Konkurs gegangen und zwanzig Prozent aller Arbeiter (2-3 Millionen) hatten ihren Job verloren. Fast 30 Prozent des nationalen Eisenbahnnetzes waren insolvent. Am schlimmsten war dabei der Süden und Westen der USA betroffen, da dort der trügerische Aufschwung am intensivsten gewesen war.

Durch den Silbercrash kam nun auch die Silberwährung der USA noch stärker unter Druck. Nach dem Crash im Juni hatte ein Silberdollar einen realen Wert von 53 Cent, wurde aber weiter gegen einen Golddollar getauscht, der einen wesentlich höheren Wert hatte. Die Goldreserven der USA waren auf 68 Mio. Dollar gefallen und es drohte der Staatsbankrott. Um die Folgen der Krise abzumildern, hatte Präsident Grover Cleveland Ende Juni den Congress zu eine außerordentlichen Sitzung zusammengerufen, mit dem Ziel den Sherman Silver Purchase Act aufzuheben. Dennoch dauerte es noch bis zum 1. November 1893, ehe das Gesetz endgültig zu Fall gebracht wurde. Jedoch war der volkswirtschaftliche Schaden der USA enorm. Bis zum Jahresende war die Arbeitslosigkeit auf 9,6 Prozent angewachsen. Auch die folgenden drei Jahren waren durch Depression und Unsicherheit geprägt. Bei den Präsidentschaftswahlen von 1896 sprach sich der Kandidat der Populists, William Jennings Bryan immer noch für die Silberwährung aus, verlor jedoch die Wahl. Erst unter der Regentschaft des neuen Präsidenten, William McKinley, beruhigten sich die Finanzmärkte schließlich und die Kapitalflucht konnte gestoppt werden.


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