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"Des Kaisers neue Kleider"

23.11.2014  |  Manfred Gburek
"Des Kaisers neue Kleider", ein Märchen von Hans Christian Andersen, ist die Vorlage für unser derzeitiges Geldsystem. Lassen Sie es mich deshalb in wenigen Sätzen wiedergeben: Betrüger versprechen dem Kaiser, neue Gewänder aus schönem Stoff herzustellen. Der Stoff sei unsichtbar und leicht wie Spinnweben, behaupten sie. Davon ist der Kaiser so beeindruckt, dass er einen Minister bittet, die Produktion des Stoffs zu verfolgen. Was dieser auf seine Weise tut, indem er den Beteuerungen der Betrüger, wie schön der Stoff doch sei, Glauben schenkt, ohne auch nur ein Stück davon gesehen zu haben.

Er will sich vor den Betrügern halt nicht blamieren. Dann schickt der Kaiser vorsichtshalber einen weiteren Untertan zu den Betrügern. Auch der fällt auf deren Geschwätz herein. Schließlich wird der Kaiser persönlich bei den Betrügern vorstellig. Da er sich auf das Urteil der beiden Untergebenen verlassen hat und eine Blamage scheut, lobt er die Kleidungsstücke aus unsichtbarem Stoff und zeichnet die Betrüger sogar mit einem Titel aus. Die anschließende Kleiderschau findet unter dem Jubel der Bevölkerung statt - bis ein kleines Kind lauthals schreit: "Aber der Kaiser hat doch gar nichts an."

Inzwischen haben die Betrüger die Branche gewechselt, sie sind zu Finanzalchemisten geworden: Hoch bezahlte Spezialisten mit enormen Mathematik-Kenntnissen sorgen im Auftrag von Investment- und Schattenbanken, Hedgefonds und Versicherungskonzernen für einträgliche Ertragsquellen. Ihr Metier: Derivate, das heißt, aus Basiswerten abgeleitete Finanzprodukte aller Art, zum Beispiel Optionen und Terminkontrakte. Wie es dazu gekommen ist, bleibt für Outsider weitgehend ein Rätsel.

Insider würden sagen: Mit dem klassischen Bankgeschäft, dem Verleihen von Geld können wir kaum noch Gewinne erzielen, also müssen wir zusehen, welche neuen Gewinnquellen erschlossen werden können. Damit wir dabei das Risiko minimieren, vertrauen wir unseren Mathematikern. Den Rest besorgt ein schwunghafter Handel im Millisekundentakt, Pannen inbegriffen, Hauptsache, unter dem Strich geht die Rechnung auf. Geld ist ja dank Geldschwemme vonseiten der Notenbanken reichlich vorhanden.

Ein Schelm, wer dabei an etwas Schlechtes denkt. Dennoch drängt sich die Frage auf: Wem nützt das Ganze? Zweifellos den Banken (falls nicht wieder einer ihrer Glücksspieler aus Versehen auf die falsche Taste haut, was in den vergangenen Jahren mehrfach vorgekommen ist). Wem nützt es noch? Schwer zu sagen, denn es gibt keine Statistiken zu den sonstigen Profiteuren. Zu den Verlierern auch nicht (wahrscheinlich schämen sich die meisten von ihnen).

Aber warum konnte es dazu kommen, dass bis dato erfolgreiche Geschäftsleute aus Branchen jenseits der Finanzszene sich als Bankkunden auf Deals mit Derivaten einließen, von denen sie rein gar nichts verstanden? Aus meinem erweiterten Bekanntenkreis habe ich dazu mehrfach die Antwort erhalten: "Weil ich einen Kick brauchte." Verstanden habe ich das bis heute nicht, zumal es allein in Deutschland genug Spielcasinos gibt, in denen der Kick allein schon wegen der prickelnden Atmosphäre mit viel größerem Genuss verbunden sein dürfte als in einem der vielen Händlerräume, die an Behausungen von Legehennen erinnern.

Kommen wir zu des Kaisers neuen Kleidern zurück und damit zur Frage, was an den Finanzmärkten geschehen könnte, falls jemand behaupten würde, der Kaiser sei nackt. Dann käme es darauf an, von wem die Aussage stammt. Hätten wir einen Banker aus dem mittleren Management vor uns, gäbe es keine Reaktion.

Anders bei einem Banker aus der obersten Etage: Er dürfte erst ein mittleres Erdbeben an den Finanzmärkten auslösen, müsste seine Behauptung auf Geheiß des Aufsichtsrats oder eines anderen höheren Gremiums (mächtiger Verband, geheimer Zirkel, Regierung, Notenbank, Internationaler Währungsfonds, Council on foreign relations u.a.) jedoch postwendend wieder zurücknehmen. Nach kurzer Unterbrechung könnte die Börsenparty dann weiter gehen, als sei nichts geschehen.

Am heftigsten wäre die Reaktion an den Finanzmärkten, falls ein hochrangiger Notenbanker oder ein angesehener Politiker auf die Idee käme, zu behaupten, der Kaiser sei nackt. Sie entspräche der Geschichte vom schwarzen Schwan, wie man seit einigen Jahren ein nicht vorhersehbares bedrohliches Ereignis von großer Tragweite nennt.

Aber eine solche Behauptung mitsamt anschließender Reaktion ist höchst unwahrscheinlich. Das lässt sich am besten aus dem, was Politiker und Notenbanker von sich geben, leicht ableiten: Statt die Wahrheit zu verkünden, beschwichtigen sie lieber. Das gehört sogar zu ihren wichtigsten Aufgaben. Zwei markante Fälle: 2008 das Duo Merkel/Steinbrück mit der Aussage, das Geld der Bundesbürger sei bei Banken und Sparkassen sicher, 2012 EZB-Chef Draghi mit dem Versprechen, alles Erdenkliche zur Rettung des Euro zu unternehmen.

Doch Versprechen dieser Art nutzen sich im Lauf der Zeit ab. Um einen Begriff aus der Volkswirtschaftslehre zu verwenden: Der Grenznutzen eines Versprechens und damit dessen Wirkung wird immer geringer, je häufiger es verwendet wird. Oder am Beispiel Draghi aufgehängt: Sein Versprechen aus dem Jahr 2012 erzielte eine weltweit durchschlagende Wirkung; dagegen werden seine jüngsten Äußerungen an den Börsen eher nebenbei wahrgenommen. Die Reaktion dauert einen Tag oder nur wenige Stunden, dann verpufft sie.

Gibt es denn niemanden, der uns wie das Kind in Andersens Märchen vor dem drohenden Ungemach warnt, sprich, vor Finanzprodukten von geradezu unheimlichem Volumen, die keiner mehr wirklich versteht, die von Mal zu Mal immer komplizierter werden und die sich mit hoher Geschwindigkeit verheerend auswirken können? Wie man's nimmt. Warnende Stimmen gibt es ja genug, vom amerikanischen Multimilliardär Warren Buffett, der Derivate einst als Massenvernichtungswaffen bezeichnete, bis zu ganzen Hundertschaften von Crash-Gurus. Doch auf das, was sie aussagen, kann man auch selbst kommen. Dagegen bleibt uns der symbolische Blick auf des Kaisers neue Kleider verwehrt.

Was also ist zu tun? Am besten, Sie denken immer daran, dass ein finanzieller Kollaps ohne Vorwarnung von einem Augenblick zum nächsten möglich ist. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Börsen ticken, sollten Sie sich möglichst täglich mindestens ein paar Minuten Zeit für das Verfolgen von Aktien-, Anleihen- und Devisenkursen, Edelmetall- und Rohstoffpreisen nehmen. Das ist dank Internet ein Kinderspiel.

Verteilen Sie das Geld, das Sie besitzen und nicht anderweitig benötigen, nach individuellen Kriterien auf Konten, Aktien (aber erst, nachdem sie kräftig gefallen sind), Gold (jetzt, falls Sie nicht schon genug besitzen) und - bei größerem Vermögen - auf eine selbst genutzte Immobilie in bester Lage. Das alles dürfte für Sie zwar nicht gerade neu sein, aber man kann es sich in Anbetracht der Entwicklung an den Finanzmärkten nicht oft genug durch den Kopf gehen lassen. Und lesen Sie mal wieder Andersens Märchen in der Langfassung!


© Manfred Gburek
www.gburek.eu

Herr Gburek ist Fachjournalist und Buchautor. Seine letzten Werke waren: "Das Goldbuch" (2005), das Wörterbuch "Geld und Gold klipp und klar von A bis Z" (2007) und "Die 382 dümmsten Sprüche der Banker" (2008).



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