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Die Wirtschaft ist manipuliert

29.09.2016  |  John Mauldin
Meine letzten beiden Newsletter habe ich der US-Notenbank Federal Reserve gewidmet, die sich offenbar in einer unaufhaltsamen Dynamik auf die Einführung negativer Zinssätze zubewegt. Falls Sie sie noch nicht gelesen haben, können Sie das unter diesem und diesem Link nachholen (auf Englisch).

Auf diese Artikel habe ich zahlreiche Reaktion erhalten, darunter auch von meinem Freund Newt Gingrich, der mir eine Kolumne von John Crudele mit der provokanten Überschrift "You’re not imagining things, the economy really is rigged against you" ("Sie bilden sich das nicht ein, die Wirtschaft ist wirklich zu Ihren Ungunsten manipuliert") geschickt hat.

Newt stellte mit eine seiner typischen, kurzen und einfachen Fragen: "Wie stehst du zu den Behauptungen über die Manipulation der Wirtschaft und die Allianz der Großbanken und der Fed zum Nachteil der normalen Bürger?"

Wie das bei Newts kurzen Fragen üblicherweise der Fall ist, erfordert auch diese eine lange Antwort, über die ich mehrere Tage lang nachgedacht habe. Crudele habe nicht ganz Unrecht, antwortete ich Newt, aber das Thema sei weitaus nuancierter und die Lösung keineswegs eindeutig.

Es stimmt, dass das System manipuliert ist, aber nicht so, wie 99% der Menschen es sich vorstellen. Auch die Manipulatoren sind andere, als zumeist angenommen wird. Der Grund für die Manipulationen ist nicht Gier oder "der Ruf des Geldes". Wir können es uns nicht so leicht machen und einfach die Wall Street, die Großbanken und die Investmentbanken verteufeln. Die eigentlichen Übeltäter sind viel weniger zwielichtig und haben lautere, ehrliche Motive.

Die "Bösen" sind in dieser Geschichte die Nobelpreisträger, Professoren und anderen ehrbaren Mitglieder des akademischen Wirtschaftsestablishments, die Ken Rogoff, auf den wir später noch zurückkommen werden, als "Policy Community" bezeichnet. Die Bewegung "Occupy Wallstreet" war völlig zu recht wütend, doch sie hätte vor den Wirtschaftsuniversitäten von Harvard, dem MIT, Princeton, Yale usw. demonstrieren sollen.

Die Wirtschaft wurde durch einen Prozess manipuliert, der an jedem einzelnen Punkt unbedenklich wirkte, uns jedoch schnell in eine heikle Lage gebracht hat, als ideologische Kräfte die Bastion der Wirtschaftswissenschaften erstürmten. Eine kurzer geschichtlicher Überblick wird uns helfen, diesen Prozess zu durchschauen.

Im Jahr 1913 wurde die Federal Reserve von den Großbanken gegründet, um diese vor Zusammenbrüchen zu schützen (die desaströse Bankenpanik von 1907 war ihnen damals noch lebhaft in Erinnerung). Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Fed so organisiert wurde, dass die Banken so viel Kontrolle behielten, wie der skeptische Kongress bereit war, ihnen zuzugestehen, während die Banken selbst in einigen untergeordneten Punkten Zugeständnisse machten. Doch irgendwann in den 1990er Jahren kehrte sich das Machtverhältnis um. Die Diener wurden die Herren und obwohl die Wall Street, die Großbanken und die Investoren derzeit fraglos von der Politik der Federal Reserve profitieren, haben sie keine Kontrolle mehr darüber.

In den 1930er und frühen 1940er Jahren kam unter den Ökonomen eine heftige Debatte darüber auf, welches die beste Methode sei, das nationale Einkommen und die Wirtschaftsleistung zu messen. In einer Rezension des Buches "GDP: A Brief but Affectionate History" von Diane Coyle bin ich ausführlich auf diese Debatte eingegangen. Das 140-seitige Buch lässt sich gut an einem gemütlichen Sonntagabend lesen und ist äußerst empfehlenswert. Ms. Coyle schreibt darin:

"Etwas wie das Bruttoinlandsprodukt, das nur darauf wartet, von Ökonomen gemessen zu werden, gibt es in der realen Welt nicht. Es ist eine abstrakte Idee. [...] Ich stelle also die Frage, ob das BIP noch immer eine ausreichend gute Maßzahl der Wirtschaftsleistung darstellt - und komme zu dem Schluss, dass dem nicht so ist. Das BIP ist eine Größe, die für die Wirtschaft der physischen Massenproduktion, wie sie im 20. Jahrhundert typisch war, entwickelt wurde, nicht aber für die moderne Wirtschaft, die durch rasante Innovationen und nicht fassbare, zunehmend digitalisierte Dienstleitungen charakterisiert ist."

Wie also ist diese unsinnige Maßzahl, die wir Bruttoinlandsprodukt nennen, entstanden? Tatsächlich muss eine Regierung, insbesondere in Kriegszeiten, auf die eine oder andere Weise versuchen, die Leistungsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu messen. Wie kann sie ohne einen solchen Richtwert wissen, wie hoch sie die Steuern ansetzen und welche Produktionsleistung sie für den Krieg erzielen kann, ganz zu schweigen von Sozialleistungen und anderen Ausgaben?

Die Debatte lief auf Diskussionen zwischen den Anhängern von John Maynard Keynes und konservativeren Wirtschaftswissenschaftlern hinaus, welche entweder die Lehren von Friedrich Hayek und Ludwig von Mises oder die klassischen Wirtschaftstheorien vertraten. Die konservativen Stimmen argumentierten im Wesentlichen, dass Besteuerung und die Staatsausgaben nur Geld von den Bürgern/Steuerzahlern wegnehmen und anderweitig verwenden und damit nicht zur eigentlichen, produktiven Wirtschaft beitragen. Auf der anderen Seite wurde argumentiert, dass bekannt sein muss, welche Auswirkungen Steuern, Wertminderungen und die unzählbaren Arten der Staatsausgaben haben, wenn man die wirtschaftlichen Kapazitäten eines Landes verstehen will.

Letztlich ging es jedoch vor allem um eine politische Frage: Wenn die Regierungsausgaben nicht in das BIP mit einkalkuliert werden, dann wird es den Anschein haben, als schrumpfe die Wirtschaft während eines Krieges oder einer Rezession, selbst wenn die Regierung das Geld mit beiden Händen ausgibt. Aus der Sicht der Politiker, die die Ausgaben für Subventionen, Sozialleistungen (und ja, auch für Kriege) erhöhen wollten, ergab es daher Sinn, diese Ausgaben bei der Berechnung des BIP zu berücksichtigen, denn schließlich wollten sie den Bürgern sagen können, dass die Wirtschaft wächst.

Die Politiker beeinflussen die Daten und Nachrichten schon seit Menschengedenken auf diese Weise. Egal, ob dabei aus dem Kaffeesatz gelesen wird oder die jüngsten Wirtschaftsdaten ausgewürfelt werden - die Informationen werden so dargestellt, dass sie die Politiker gut dastehen lassen.

Die politische Entscheidung, die Staatsausgaben in das BIP mit einzuberechnen, wurde vom US-Präsidenten Roosevelt und der demokratischen Partei getroffen, die während der Großen Depression die Geschicke des Landes lenkten.

Nach nur kurzer Zeit hatte sich diese Berechnungsmethode als ökonomisches Dogma durchgesetzt und war von allen bedeutenden Wirtschaftsinstitutionen übernommen wurden. Das machte es natürlich leichter, für die Forderung von Keynes zu plädieren, dass eine Regierung in Krisenzeiten ihre Ausgaben erhöhen sollte, um so die Lebensgeister der Konsumenten zu wecken und die Nachfrage zu stärken. Wer würde diese Annahme noch in Frage stellen? Nur Höhlenmenschen, Ungebildete und andere bedauernswerte Geschöpfe.

In den 1950er und 1960er Jahren erlagen die Ökonomen dann ihrem Neid auf die Naturwissenschaften. Sie wünschten sich die Anerkennung ihrer keineswegs präzisen Disziplin als exakte Wissenschaft. Damit hatten sie sich weit von Adam Smith und den anderen klassischen Ökonomen entfernt. Während sich die Wirtschaftswissenschaften zunehmend mit Daten und Datenanalysen, Statistiken und statistischen Analysen befassten, gelangten zahlreiche Akademiker zu der Ansicht, dass sie Modelle entwickeln könnten, die uns zeigen, wie die Wirtschaft tatsächlich funktioniert, wenn sie nur genügend Forschungen betreiben.

In den 1970er und 1980er Jahren zählte die aktuelle Führungsriege der weltweiten Zentralbanken noch zu den hoffnungsvollen Studenten der üblichen Hochschulen, den MITs, Harvards, Columbias und Princetons dieser Welt. Die sogenannten "Freshwater"-Ökonomen aus Chicago (die den "Saltwater"-Ökonomen der West- und Ostküste der USA widersprachen) übten eine Zeit lang ebenfalls beträchtlichen Einfluss aus, doch leider sind diese Tage vorüber.


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