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Die Welt und das Pendel

19.11.2016  |  The Gold Report
Bücher zu lesen war in meiner Jugend mein vielleicht liebster Zeitvertreib. Bevor ich begann, mich dabei hauptsächlich mit Geschichte zu befassen, waren Horrorerzählungen mein Lieblingsgenre. Mary Shelleys "Frankenstein," Bram Stokers "Dracula" und "Die Mumie" von Anne Rice standen allesamt im Bücherregal unseres Wohnzimmers.

Der Autor, der mich spätestens im zweiten oder dritten Kapital unweigerlich in seinen Bann zog, was Edgar Allan Poe, dessen Gespür für das Makabere das der anderen Autoren bei Weitem übertraf. Erzählungen und Gedichte wie "Der Untergang des Hauses Usher", "Der Rabe" und "Der Doppelmord in der Rue Morgue" lieferten den Stoff für wunderbar geschmacklose Filme mit Vincent Price in der Hauptrolle, doch die Geschichte, die meine Faszination für das Morbide am stärksten fesselte, war "Die Grube und das Pendel", wobei mich Poes Beschreibung des rasierklingenscharfen Pendels, welches sich immer weiter in Richtung der Kehle des Gefangenen absenkt, zutiefst beeindruckte.

So wie ich es sehe, befindet sich die globale Finanzwelt hinsichtlich der Gefahren und möglichen Szenarien in einer ähnlichen Situation wie der arme Abweichler von der religiösen Doktrin, der sich in Poes Meisterwerk auf dem Boden der Grube wiederfand. Horrende Schulden werden auf ungeheuerliche Weise weiter und weiter, wieder und wieder, übereinander aufgetürmt - sei es, um Banken zu retten, um die Wiederwahl eines Staatsoberhauptes zu garantieren oder um eine gescheiterte Finanzpolitik zu revidieren. Die zerbrechliche Welt sitzt indes am Boden der Grube fest, während das Pendel der Insolvenz sich langsam und unaufhaltsam absenkt.

Die Ironie daran ist, dass der Moment, in dem das Pendel die Kehle durchschneidet - d. h. wenn der Staatsbankrott eintritt - nur mittels Hyperinflation hinausgezögert werden kann, also mit der zunehmenden Abwertung der betreffenden Währung. Während alle Marktanalysen seit der Präsidentschaftswahl in den USA die Geschichte vom Anstieg des Dow Jones auf 20.000 Punkte verbreiten, wird meist übersehen, dass der Ausbau der Infrastruktur, der Arbeitsplätze schaffen und die Erwerbsquote erhöhen soll, nur mit Hilfe zusätzlicher Kreditschöpfung verwirklicht werden kann. Oder anders gesagt, mit dem Drucken gefälschter Banknoten.

Zur Rettung des armen Gefangenen vor dem Pendel und aus der Grube werden neue Gesetze, Verhandlungen und Zugeständnisse auf allen Seiten notwendig sein - ganz zu schweigen davon, dass zuvor zunächst die Amtseinführung von Mr. Trump erfolgen muss. Und während wir alle darauf warten, dass ein wundersames, magisches Elixier in den USA die Arbeitslosigkeit senkt, das strukturelle Haushaltsdefizit füllt und die gesellschaftliche Gespaltenheit überwindet, die in dieser extremen Form zuletzt Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachten war, senkt sich das Pendel langsam und gleichmäßig immer weiter ab.

Die Finanzkommentatoren von CNBC und CNN preisen derweil fieberhaft den Trump-Zaubertrank an, damit sie ihre Benchmarks bis zum Jahresende erreichen können, und wenn die Lage nicht so tragisch wäre, könnte man schon fast darüber lachen.

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Die Anleihepreise wurden nach der Wahl regelrecht niedergemetzelt; der US-Dollarindex ist auf 100 Punkte und darüber hinaus gestiegen; die Hypothekenzinssätze in Kanada und den USA sind in die Höhe geschossen; die 10-jährigen US-Staatsanleihen werden aktuell mit mehr als 2,23% verzinst. Für die Bau- und die Immobilienindustrie sind die Kreditkosten der entscheidende Faktor.

In Anbetracht der riesigen Schar an überschuldeten Hausbesitzern in den Großstädten rund um den Globus (und insbesondere in Kanada) sind steigende Anleiherendite nicht zwangsläufig eine positive Entwicklung für das Geschäft der Banken, wenn dadurch existierende Hypothekenportfolios plötzlich von massenhaften Zahlungsausfällen bedroht sind.

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