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Die post-reale Wirtschaft

20.04.2017  |  John Mauldin
- Seite 3 -
Die beliebtesten makroökonomischen Modellen sind heute die verschiedenen Varianten der dynamischen stochastischen allgemeinen Gleichgewichtsmodelle. Die coolen Kids nennen sie DSGE-Modelle. Sie sind dynamisch, weil sie wirtschaftliche Veränderungen im Laufe der Zeit abbilden, und stochastisch, weil unerwartete Schocks bei den Input-Faktoren den Output drastisch verändern.

Die Zentralbanken wenden die DSGE-Modelle mit größtem Enthusiasmus an. Wenn Sie glauben, dass die Politik der Notenbanken in den letzten Jahren gut funktioniert hat, dann finden Sie diese Modelle womöglich ebenfalls überzeugend. Ich kann das ganz und gar nicht behaupten. Der Hauptgrund für das Versagen der DSGE-Modelle besteht in der ihnen zugrunde liegenden Annahme, dass alle Marktteilnehmer gleichermaßen informiert sind und immer rationale Entscheidungen treffen.

Nichts davon trifft in Wirklichkeit zu. Sogar die Zentralbanker selbst glauben, dass sie viel besser informiert sind als der Rest von uns, und dass sie deswegen die Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung für uns alle bestimmen können. Sie denken natürlich, dass ihre Entscheidungen rational sind - obwohl es ihren Modellen nie gelingt, die tatsächlichen Ereignisse vorherzusagen.

Wie schon erwähnt, regt sich unter den Ökonomen zunehmender Widerspruch. Hören Sie sich an, was Robert Solow, der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1987, der unser Verständnis von Wachstum und dem Beitrag der Technologie enorm erweitert hat, dazu zu sagen hat. Drei seiner ehemaligen Doktoranden haben übrigens ebenfalls den Nobelpreis erhalten. Ich bin nicht in jeder Hinsicht der gleichen Meinung wie Solow, aber er ist alles andere als eine Randfigur. Folgendes sagte er 2010 (im Alter von 85 Jahren!) gegenüber einem Komitee des US-Repräsentantenhauses unter Eid über die DSGE-Modelle (Quelle):

"Ich denke nicht, dass die gegenwärtig populären DSGE-Modelle einem Geruchstest standhalten. Sie setzen voraus, dass die gesamte Wirtschaft so betrachtet werden kann, als handelte es sich dabei um eine einzige, unbeirrbare Person oder Dynastie, die einen rationalen, langfristigen Plan ausführt und dabei gelegentlich von unerwarteten Schocks gestört wird, auf die sie jedoch rational und logisch reagiert. [...]

Die Verfechter dieser Idee wollen ihrer Theorie den Anschein von Seriosität und Solidität geben, indem sie versichern, dass ihr Konzept auf dem beruht, was wir über das Verhalten auf mikroökonomischer Ebene wissen. Ich denke, dass diese Behauptung im Allgemeinen falsch ist. Die Befürworter der Modelle sind mit Sicherheit überzeugt von dem, was sie sagen, aber mir scheint, sie haben aufgehört zu riechen oder haben ihren Geruchssinn vielleicht völlig verloren."


Autsch. Das ist eine scharfe Verurteilung, aber Solow fährt fort und gibt uns ein Beispiel:

"Ein offensichtliches Beispiel dafür ist die Tatsache, dass die DSGE-Modelle keinen Raum für Arbeitslosigkeit in der Form haben, wie wir sie meistens und heutzutage ganz besonders beobachten: Arbeitslosigkeit, die pure Verschwendung ist. Es gibt kompetente Arbeitskräfte, die bereit sind, zum vorherrschenden Lohnniveau oder sogar für etwas weniger zu arbeiten, aber durch Marktversagen kommt das potentielle Beschäftigungsverhältnis nicht zustande. Der Wirtschaft gelingt es nicht, die Win-Win-Situation zu organisieren, die augenscheinlich möglich wäre.

Ergebnisse dieser Art sind nicht mit der Theorie vereinbar, dass die Wirtschaft auf rationale Weise ein erkennbares Ziel verfolgt. Die DSGE-Modelle und davon abgeleitete Theorien können Arbeitslosigkeit nur dann integrieren, wenn diese auf die ein oder andere Weise als freiwillig betrachtet wird, z. B. weil die betreffenden Personen mehr Freizeit haben oder sich eine gewisse Flexibilität für die Zukunft bewahren wollen. Solche Erklärungen halten einer Überprüfung jedoch nicht stand."


Was Solow in seiner Aussage angreift, ist die Idee vom "Gleichgewicht". Das ist der Endzustand der DSGE-Modelle. Die Wirtschaft erreicht eine Art Balance, in der alle Variablen miteinander zufrieden sind und bleiben, bis etwas geschieht, das eine Änderung bewirkt. Ein solcher Gleichgewichtszustand existiert in der realen Welt aber nicht, weil die reale Welt niemals aufhört, sich zu verändern. Daher sollten weder wir noch unsere hochgeschätzten Zentralbanker überrascht sein, dass die DSGE-Modelle uns kaum brauchbare Informationen liefern.


Post-reale Wirtschaft

Meine Bedenken sind für makroökonomisch orientierte Wirtschaftsexperten nichts Neues. Ich argumentiere schon seit Jahren so, ohne dass die Öffentlichkeit Interesse zeigt oder auch nur Kenntnis davon nimmt. Wenn Nicht-Ökonomen von dieser Debatte überhaupt etwas mitbekommen, dann verwerfen sie es wahrscheinlich meist als unverständliches Elfenbeinturm-Geschwafel.

Während sich die Weltwirtschaft hartnäckig weigerte, sich von der Großen Rezession zu erholen und auch nur ansatzweise wieder die Wachstumsraten früherer Konjunkturzyklen zu erreichen, hat sich das ursprüngliche Desinteresse an abweichenden Meinungen in den letzten ein oder zwei Jahren in ernste Kritik verwandelt.

Die Wirtschaftswissenschaften sind zusammen mit anderen Institutionen des "Establishments", die als gleichgültig oder realitätsfern angesehen werden, zunehmend unter Beschuss geraten. Die Kritik wurde dabei im Laufe des letzten Jahres immer heftiger und auch immer effektiver, als zuerst der Brexit und dann der Wahlsieg Donald Trumps bewiesen, dass die Masse der Bevölkerung aus echten Menschen besteht, und nicht nur aus gesichtslosen Zahlen, die in irgendein Modell eingespeist werden.

Im letzten September veröffentliche der nonkonformistische Wirtschaftsprofessor und jetzige Chefökonom der Weltbank Paul Romer eine "zukunftsweisende Arbeit", wie man unter Professoren gern sagt, mit dem Titel "The Trouble With Macroeconomics". Das Paper ist nur 26 Seiten lang und nicht allzu technisch, daher empfehle ich allen, es zu lesen.

Romer beschreibt den Zustand seines Fachgebietes in einer bildhaften Sprache, die man sonst selten in akademischen Kreisen antrifft. Er stellt einen sehr interessanten Vergleich an zwischen der Wirtschaftstheorie, die er als "post-real" bezeichnet, und der Stringtheorie, einem Bereich der Physik. Wie auch die Makroökonomie beschäftigt sich die Stringtheorie mit riesigen Systemen, die vollgepackt sind mit unbekannten Variablen und unvollständigen Daten. Romer schreibt:

"Diese Parallele legt die Vermutung nahe, dass die Entwicklungen sowohl im Bereich der Stringtheorie als auch im Bereich der post-realen Makroökonomie letztlich das allgemeine Versagen eines auf Mathematik beruhenden, wissenschaftlichen Forschungsfeldes illustrieren. Die Voraussetzungen für ein solches Versagen sind gegeben, wenn sich eine Handvoll talentierter Wissenschaftler für ihre sinnvollen Beiträge zur Verbesserung mathematischer Modelle Respekt verdient. Aus Achtung wird Bewunderung und dies führt dazu, dass weitere Forschungen nach den spezifischen Vorschlägen dieser Vordenker durchgeführt werden.

Die Empfehlungen führender Experten können die Untersuchungen zahlreicher anderer Wissenschaftler in eine bestimmte Richtung lenken, sodass die Vereinbarkeit der Ergebnisse mit den Fakten nicht länger benötigt wird, um die Forschung zu koordinieren. Wenn die Fakten der offiziell genehmigten, theoretischen Vision widersprechen, werden sie dieser untergeordnet. Letzten Endes werden Belege dadurch irrelevant. Der Fortschritt im betreffenden Gebiet wird anhand der Reinheit seiner mathematischen Theorien beurteilt."


Autsch. "Letzten Endes werden Belege irrelevant" klingt sehr nach den Entscheidungen, die die Zentralbanker und Politiker in den letzten Jahren getroffen haben. Wir haben schließlich mehr als nur einmal erlebt, dass die Entscheidungsträger einen Weg gewählt haben, der erkennbaren Belegen widersprach.


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