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Die post-reale Wirtschaft

20.04.2017  |  John Mauldin
- Seite 5 -
Die Komplexitätsökonomik gibt nicht vor, die gleiche Art von Antworten liefern zu können, wie die DSGE-Modelle, und das ist auch gut so. Das Forschungsfeld erkennt seine eigenen Grenzen. Ironischerweise wird es meiner Ansicht nach genau eine solche Bescheidenheit sein, die letztlich zu einem besseren Verständnis führen wird, wenn die Zentralbanker und die Politiker endlich lernen, besser abzuschätzen, welche Folgen ihre Entscheidungen auf die Bevölkerung haben, der sie angeblich dienen.


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Die Mathematik der Komplexitätstheorie und die Informationstheorie mögen relativ neu sein, aber die allgemeinen Konzepte, die sich dahinter verbergen, waren schon früheren Generationen von Ökonomen, bis hin zu Adam Smith wohl bekannt. Matt Ridley gehört zu meinen liebsten Wirtschaftsautoren. Er hat die großartigen Bücher "The Rational Optimist: How Prosperity Evolves" und "The Evolution of Everything" geschrieben. In letzterem habe ich buchstäblich ganze Seiten unterstrichen und insbesondere das Kapital über die Evolution der Wirtschaft hat mich begeistert. Lassen Sie mich den Artikel daher mit einer Auswahl an Zitaten aus diesem Kapitel abschließen:

"Das dezentralisierte Aufkommen von Ordnung und Komplexität ist der Kern der evolutionären Idee, die Adam Smith 1776 entwickelt hat. In seiner berühmten Metapher machte er die lenkende Hand unsichtbar: Jeder Einzelne 'denkt er nur an die eigene Sicherheit, und wenn er dadurch die Erwerbstätigkeit so fördert, dass ihr Ertrag den höchsten Wert erzielen kann, strebt er lediglich nach eigenem Gewinn. Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, der keineswegs in seiner Absicht lag.'

In seinem Werk 'Der Wohlstand der Nationen' schrieb Smith jedoch auch, dass es kaum Belege für seine Theorie gibt, der freie Austausch von Waren und Dienstleistungen würde allgemeinen Wohlstand schaffen. Bis zum Ende des späten 18. Jahrhunderts bestand ein großer Teil der Vermögensbildung darin, andere auszurauben, und es gab nirgends auf der Welt einen Staat, der auch nur im entferntesten einer freien Marktwirtschaft ähnelte.

Deirdre McCloskey hat darauf hingewiesen, dass sich das durchschnittliche Einkommen in Großbritannien im Laufe der großen Bereicherung der letzten 200 Jahre in realen Werten von rund 3 Dollar am Tag auf rund 100 Dollar am Tag erhöht hat. Das lässt sich nicht allein durch die Ansammlung von Kapital erreichen, daher lehnt sie es (genauso wie ich) ab, das irreführende, marxistische Wort 'Kapitalismus' zu verwenden, um freie Märkte zu bezeichnen. Zwischen beiden Konzepten besteht ein fundamentaler Unterschied.

Adam Smith war nicht unfehlbar. Er lag oft falsch, unter anderem auch bei seiner holprigen Arbeitswerttheorie, und er verpasste die Einsichten, die David Ricardo zum Thema des komparativen Kostenvorteils hatte. [...] Sein Kerngedanke, dass die meisten Erscheinungen der Gesellschaft das Ergebnis menschlichen Handelns und nicht das Resultat eines eigens entworfenen Plans sind, behält jedoch auch heute seine Gültigkeit und wird noch immer unterschätzt. Das gilt z. B. für die Sprache, die Moral und auch für die Wirtschaft. Nach dem Verständnis von Adam Smith ist die Wirtschaft ein Prozess des Austausches und der Spezialisierung ganz gewöhnlicher Menschen.[...]

Der wirklich wichtige Punkt, den sowohl Smith und Ricardo, als auch Robert Malthus, John Stuart Mill und all die anderen britischen Ökonomen dieser Zeit übersehen haben, war allerdings die Tatsache, dass sie zur Zeit der Industrialisierung lebten. Ihnen entging völlig, dass sie 'an der Schwelle der spektakulärsten wirtschaftlichen Entwicklungen standen, die je beobachtet wurden', wie Schumpeter ein Jahrhundert später schrieb. 'Enorme Möglichkeiten wurden vor ihren Augen Realität und dennoch erkannten sie nichts, als verkrampfte Volkswirtschaften, die zunehmend erfolglos um ihr täglich Brot kämpften.'

Der Grund dafür war die Tatsache, dass ihre Weltanschauung von der Idee der abnehmenden Erträge geprägt war. Ricardo beobachtete beispielsweise, wie die lokalen Landwirte Anfang des 19. Jahrhunderts mit schlechten Ernten zu kämpfen hatten und stimmte mit seinem Freund Malthus überein, dass die Getreideerträge zwangsläufig stagnieren müssten, weil das beste Land bereits bestellt wurde und jeder weitere Hektar schlechtere Erträge produzieren würde, als der letzte. Smiths Arbeitsteilung und Ricardos komparativer Kostenvorteil konnten das Schicksal der Menschen folglich nur bis zu einem gewissen Grad verbessern. Sie stellten nur eine effizientere Methode dar, dem begrenzten System ein wenig mehr Wohlstand abzuringen.

Selbst als der Lebensstandard in Großbritannien den 1830ern sprunghaft anzusteigen begann, sah Mill darin nur ein Strohfeuer. Die Erträge würden bald zurückgehen. In den 1930er und 1940er Jahren sahen John Maynard Keynes und Alvin Hansen in der Großen Depression den Beweis dafür, dass eine Art Grenze des menschlichen Wohlstandes erreicht war. Die Nachfrage nach Autos und Elektrizität war gesättigt und die Kapitalerträge begannen zu sinken. Die Welt sah also einer von chronischer Arbeitslosigkeit geprägten Zukunft entgegen, sobald die positiven Effekte der erhöhten Kriegsausgaben vorüber waren.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges sollte ebenfalls Stagnation und Elend bringen und in den 1970ern und 2010ern hörte man erneut, dass es besser sei, den bestehenden Reichtum der Gesellschaft zu verteilen, statt darauf zu hoffen, dass der Lebensstandard noch weiter steigen könne. Die These der Stagnation hat in jeder Generation ihre Fans.

Und doch ist immer wieder das Gegenteil eingetreten. Statt zu sinken, stiegen die Erträge dank der Mechanisierung der Arbeitsprozesse und der Verfügbarkeit günstiger Energie immer weiter an. Die Produktivität der Arbeiter stagnierte nicht, sondern erhöhte sich zusehends. Je mehr Stahl produziert wurde, desto billiger wurde er. Je mehr Mobiltelefone hergestellt wurden, desto breitere Verwendung fanden sie. Während die Bevölkerungszahl Großbritanniens und der ganzen Welt zunahm und es mehr und mehr Menschen zu ernähren galt, sank die Zahl derer, die hungerten. Hungersnöte sind heute, in einer Welt von sieben Milliarden Menschen, ein seltenes Phänomen, während sie zu der Zeit, als es nur zwei Milliarden Menschen gab, eine regelmäßige Erscheinung waren.

Selbst auf den britischen Feldern, die seit Jahrtausenden bewirtschaftet wurden, konnten Ricardos Weizenernten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dank neuen Düngemitteln, Pestiziden und Pflanzenzüchtungen gesteigert werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte sich mit der Industrialisierung ein hoher Lebensstandard in fast allen Ecken der Welt verbreitet - eine Entwicklung, die den pessimistischen Befürchtungen, dass dies auf ewig ein westliches Privileg bleiben würde, direkt widersprach. China, ein Land, das über Jahrhunderte hinweg im Elend lebte und in dem jahrzehntelang Schrecken herrschte, erwachte plötzlich zum Leben und Milliarden Chinesen schufen den größten Markt der Welt."

Obwohl die Ökonomen der Gegenwart Lippenbekenntnisse über die Wunder des technologischen Fortschritts ablegen, unterschätzen sie meiner Meinung nach den Umfang und die Vielfalt der Veränderungen, die es in den nächsten 20 Jahren geben wird - genau wie die klassischen Wirtschaftstheoretiker, die übersahen, dass das Zeitalter der Industrialisierung angebrochen war. Über diesen Prozess werde ich in meinem nächsten Buch schreiben, "The Age of Transformation". Der Weg wird nicht immer geradlinig und leicht sein. Eine kreative Zerstörung wird sehr rasch und mit aller Macht einsetzen und die Veränderungen werden für viele Menschen und zahlreiche Staaten äußerst schmerzhaft sein.

Konservative und Verfechter der freien Marktwirtschaft werden ihre Vorstellung davon, wie eine Regierung aussehen und wie eine Gesellschaft strukturiert sein sollte, komplett überdenken müssen. Es ist nicht sicher, ob wir dieser Aufgabe gewachsen sind. Doch wie dem auch sei - die nächsten 20 Jahre werden die mit Abstand aufregendsten in der Geschichte der Menschheit. Das wollen Sie nicht verpassen.


© John Mauldin
www.mauldineconomics.com


Dieser Artikel wurde am 29. Januar 2017 auf www.mauldineconomics.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.



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