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25.03.2006 07:57  | Mag. Gregor Hochreiter

Inflation - Fakten und Irrtümer

Mit dem heutigen Donnerstag beendet die amerikanische Zentralbank, die FED, die Veröffentlichung der M3-Zahlen. Viele Beobachter werten diesen Schritt als ein untrügliches Zeichen, daß die amerikanische Zentralbank die weitere Ausweitung der Geldmenge in Zukunft zu verschleiern sucht. Dennoch; um ein genaueres Bild über die Folgen der Inflation für den einzelnen Bürger, wie auch die Gesellschaft im Allgemeinen zeichnen zu können, ist dieser historische Tag der richtige Anlaß, das Konzept der Inflation genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich ranken sich um keinen anderen volkswirtschaftlichen Begriff so viele falsche und ungenaue Ideen. Als direkte Folge dieser sprachlichen wie konzeptuellen Ungenauigkeit werden nicht nur kontraproduktive Politikmaßnahmen gefordert, sondern viele Privatanleger wie Unternehmer zerstören mit fehlgeleiteten Entscheidungen unbewußt ihre finanzielle Lebensgrundlage.


Was ist Inflation?

Der amerikanische Ökonom Murray N. Rothbard definiert Inflation als Ausweitung der ungedeckten Geldmenge. Darunter ist die Ausgabe von Banknoten, Buchgeld u.ä. ohne 100% Deckung durch eine Ware, meist Gold, zu verstehen. Unter einer 100% Deckung war demnach eine Banknote nichts anderes als ein "warehouse receipt" (Lieferschein) für eine bestimmte Menge Gold bzw. Silber, die bei der Zentralbank jederzeit eingetauscht werden konnte. So erhielt man zu Ende des 19. Jahrhunderts für eine 1-Dollar Banknote 371,25 grains (24,1 g) reinsten Silbers. Ludwig von Mises, ein weiterer Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, unterschied in seinem Frühwerk "Theorie des Geldes und der Umlaufmittel" (1912) zu diesem Zwecke begrifflich zwischen 100% gedeckten allgemeinen Tauschmitteln, Geld, und den Umlaufmitteln, die diese Deckung nicht oder nicht zur Gänze aufweisen.

Die Tendenz zur Ausgabe von ungedeckten Geldmitteln und damit zur Inflation, hat zwei grundverschiedene Ursachen. Während der Staat durch die Ausweitung der Geldmenge, bzw. durch die Verschlechterung der Münzqualität einen bequemen Weg zur Begleichung seiner Schulden gefunden hat, ergeben sich für die Geschäftsbanken durch die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge deutlich höhere Profitmöglichkeiten. An und für sich müßten die Geschäftsbanken bei ihnen hinterlegte Ersparnisse zu 100% decken. Wenn die Banken das bei ihnen hinterlegte Geld allerdings auch noch zusätzlich als Kredit vermitteln dürfen, dann können sie nicht nur an der sicheren Verwahrung der Ersparnisse, sondern zusätzlich an den Kreditzinsen verdienen. Bei einer Mindestreserve von beispielsweise 10% kann die Geldmenge durch die Ausweitung der Kreditmenge um das bis zu 10fache ansteigen. Heute verlangen die gesetzlichen Vorschriften meist eine deutlich geringere Mindestreserve, bei manchen Anlageformen beträgt sie sogar 0%. Diese Art der Geschäftsgebahrung nennt man gemeinhin "Bruchteilsreservehaltung für Bankverbindlichkeiten" ("fractional-reserve banking").


Ein erster Irrtum

Weit verbreitet ist der Irrtum, wonach jede Ausweitung der Geldmenge als Inflation zu klassifizieren wäre. Als klassisches Beispiel wird die signifikante Erhöhung der umlaufenden Silbermenge im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts genannt, als die reichhaltigen Silberschätze Mittel- und Südamerikas (Potosi) nach Europa strömten. Wie bei jedem anderen Gut führt auch bei Geld die Ausweitung des Angebots zu einer Reduktion des Preises dieses Gutes. Bei Geld wird dieser Effekt als Reduktion der Kaufkraft des Geldes verstanden; jeder einzelne Euro kann weniger Güter kaufen. Allerdings verursacht die "echte" Inflation noch zwei weitere Phänomene, die der Ausweitung der gedeckten Geldmenge fremd sind:


Inflation - eine Präzisierung
  • Umverteilung von Vermögen
  • Konjunkturzyklus

- Umverteilung von Vermögen

Mit einem wunderbaren Gedankenexperiment versuchte David Hume vor mehr als 200 Jahren, die Unmöglichkeit der Wohlstandserhöhung durch die Inflationierung der Geldmenge darzulegen. Man stelle sich vor, die umlaufende Geldmenge habe sich über Nacht verdoppelt. Gäbe es deswegen mehr Produkte, mehr Wohlstand? Klarerweise nicht, denn alle Preise hätten sich über Nacht ebenso verdoppelt. Anders gesagt, die Kaufkraft jeder Währungseinheit wurde halbiert. Ein ähnliches Bild, jedoch mit gänzlich anderer Intention malte der Vater des Monetarismus, Milton Friedman. Im Notfall könne, so der Nobelpreisträger von 1976, die Wirtschaft durch das Abwerfen von Geld aus den sprichwörtlichen Helikoptern vor der Rezession geschützt werden. Der neue Vorsitzende der FED, Ben Bernanke, hat sich zu dieser Methode schon mehrmals so positiv geäußert, daß er in der Finanzwelt den Spitznamen "Helikopter-Ben" trägt.

In Wirklichkeit läuft der Prozeß der Geldmengenausweitung nicht so gleichmäßig ab, weswegen eindeutige Gewinner und Verlierer identifiziert werden können. Zu den Gewinnern zählen die sogenannten Erstbezieher des neugedruckten Geldes. Dazu zählen neben der Zentralbank und den staatlichen Stellen vor allem die großen Geschäftsbanken, die sogenannten "primary dealers". Als Erstbezieher erfreuen sie sich an den noch nicht gestiegenen Preisen, da dem Gros der Bevölkerung die gesunkene Kaufkraft des Geldes noch nicht bewußt ist. Die Erstbezieher können daher zu den noch nicht angehobenen Preisen Güter kaufen, die sie sich ansonsten nicht hätten leisten können. Erst langsam sickert das frische Geld von den Erstbeziehern durch die gesamte Wirtschaft und erhöht so nach und nach die Preise. Wer am Ende dieses Prozeß steht, darunter fallen vor allem Bezieher von fixen Einkommen, wie Rentner, Arbeitslose, ... sehen ihre realen Einkommen aufgrund der gestiegenen Preise bei gleichzeitig nicht erhöhten Einkommen schwinden und zählt zu damit zu den Verlierern der Inflation.


- Der Konjunkturzyklus

Nahezu unbestritten ist heute die "Erkenntnis", wonach der Staat die dem Kapitalismus inhärenten Konjunkturschwankungen glätten muß; indirekt über die Zinspolitik der Zentralbanken und direkt über die von Keynes propagierte anti-zyklische Budgetpolitik. Diese Vorstellung über den krisenanfälligen Ablauf des Marktprozeß entspricht aber nicht der Realität. Die Schwankungen der wirtschaftlichen Entwicklung werden erst durch die Handlungen der angeblichen Retter ausgelöst. Am Anfang eines Konjunkturzyklus steht die Absenkung des Zinssatzes unter das am Markt vorherrschende Niveau durch die Zentralbank und/oder die Geschäftsbanken, wodurch ein künstlicher Boom ausgelöst wird. Dieser auf breiter Front hochgejubelte Aufschwung finanziert sich aber nicht aus einer Ausweitung des Kapitalstocks, d.h. aus einem säkularen Anstieg der Ersparnisse, sondern nur aus Scheinersparnissen. Auf der einen Seite verfallen die Konsumenten in einen Konsumrausch, denn warum sollte man auch sparen, wenn man dafür kaum eine Belohnung erhält? Auf der anderen Seite verleiten die niedrigen Zinsen Unternehmer zur Inangriffnahme von vornehmlich kapitalintensiven Unternehmungen (siehe z.B. die Beschreibung des "Wolkenkratzer-Index" in diesem Artikel), für deren Beendigung allerdings nicht genügend Kapital zur Verfügung steht. In dieser Diskrepanz zwischen echten Ersparnissen, Kapital und den Scheinersparnissen, Kredit, steckt der Keim für die unausweichliche Gegenreaktion, die Rezession.


Der zwischenzeitliche Crash - die Rezession

Wie wir gesehen haben, löst die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge einen Boom aus, der früher oder später in eine Rezession enden muß. Viele Projekte mit einem Schwerpunkt in den kapitalintensiven Industrien können aufgrund des Mangels an realen Ressourcen, sprich Kapital, nicht zu Ende geführt werden und es kommt, sobald die Zinsen wieder angehoben werden, zu einer dramatischen Anhäufung von Bankrotten. Die unrentabelsten Unternehmen werden liquidiert und die Produktionsstruktur paßt sich mehr oder weniger schnell wieder an die Präferenzen der Konsumenten an. Häufig geht eine Rezession mit einer Deflation, d.h. einer Kontraktion der Geldmenge, einher bzw. sie wird durch eine Deflation ausgelöst. Diese Vernichtung von ungedecktem Papiergeld, meist in der Form von Buchgeld, beschleunigt die Bereinigung der durch die Inflation ausgelösten Verzerrungen in der Wirtschaft. Die Rezession heilt, was der Boom an Unheil verursacht hat.


Das bittere Ende - Hyperinflation

In extremen Fällen kommt es zu einer kompletten Flucht aus dem Papiergeld. Sobald die Menschen merken, daß die Preise beständig und nicht nur temporär steigen, sehen sie keinen Grund mehr, Geld zu halten. Jeder versucht nun so schnell als möglich sein Papiergeld loszuwerden, denn jedes Hinauszögern des Geldausgebens reduziert die Kaufkraft des gehaltenen Geldes. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den totalen Vertrauensverlust in eine (Papier-)Währung ist die Hyperinflation in Deutschland 1923, an deren Höhepunkt die Mark stündlich an Wert verlor und die Preise in bislang ungeahnte Höhen schossen. Nach wenigen Monaten war der Spuk vorbei. Die nominellen Scheinvermögen breiter Bevölkerungsschichten waren vernichtet und die Hyperinflation zog eine Spur der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwüstung nach sich.


Die Verursacher

Cui bono? Wem nützt die dem Konjunkturzyklus ursächlich zugrunde liegende Ausweitung der Geldmenge am meisten? An erster Stelle ist der Staat zu nennen, der mit der sogenannten "easy credit" Politik wohlfahrtsstaatliche Geschenke en masse verteilen kann. Je niedriger die Zinsen, desto mehr "Geld" steht den höchst kurzfristig denkenden Politikern für ihre Wohltaten zur Verfügung und desto geringer belasten die Zinszahlungen für die alten Schulden den immer klammen Finanzminister. Der österreichische Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek schrieb diesbezüglich in einem Artikel der New York Times von 1982:

"The only way you can finance a deficit is by inflation. You cannot raise this amount by genuine borrowing. ... A large government deficit is a certain way to inflation." (Übersetzung: "Die einzige Möglichkeit ein Budgetdefizit zu finanzieren, ist durch Inflation. Man kann diese Summe nicht durch echte (d.h. durch reale Werte gedeckte) Schuldenaufnahme aufbringen. ... Ein großes Budgetdefizit ist ein sicherer Weg zu Inflation.")

Auch Alan Greenspan, der wie kein anderer die Geldmenge des US-Dollars inflationierte und derart die Welt an den Abgrund einer noch nie dagewesenen Finanzkrise geführt hat, warnte vor genau vier Jahrzehnten vor den enteignenden Konsequenzen der Geldmengenausweitung:

"Ohne Goldstandard gibt es keine Möglichkeit, Ersparnisse vor der Enteignung durch Inflation zu schützen. Es gibt dann kein sicheres Wertaufbewahrungsmittel mehr. Wenn es das gäbe, müßte die Regierung seinen Besitz für illegal erklären, wie es ja im Falle von Gold auch gemacht wurde (Goldbesitz war in Amerika bis 1976 für Privatleute verboten, Anm. d. Ü.). ... Die Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaates macht es erforderlich, daß es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen. Dies ist das schäbige Geheimnis, daß hinter der Verteufelung des Goldes durch die Vertreter des Wohlfahrtsstaates steht. Staatsverschuldung ist einfach ein Mechanismus für die "versteckte" Enteignung von Vermögen. Gold verhindert diesen heimtückischen Prozess. Es beschützt Eigentumsrechte. Wenn man das einmal verstanden hat, ist es nicht mehr schwer zu verstehen, warum die Befürworter des Wohlfahrtsstaates gegen den Goldstandard sind. ("Gold und wirtschaftliche Freiheit", 1966)


Wie bereits erwähnt zählen die Geschäftsbanken ebenfalls zu den großen Profiteuren der Inflation. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß im 19. Jahrhundert die Einführung einer (staatlichen) Zentralbank gefordert wurde, um den betrügerischen Machenschaften des "fractional-reserve banking" Einhalt zu gebieten. Nach mehr als 100 Jahren kann man diesen Versuch als mehr als gescheitert ansehen.






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