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Charles Hugh Smith: Das Ende der Großen Reflation

31.05.2017
Es lohnt sich, von Zeit zu Zeit eine Bestandsaufnahme der Großen Globalen Reflation zu machen, die - mit gelegentlichem Stolpern und vereinzelten Schreckmomenten - seit Anfang 2009 voranschreitet und damit seit acht Jahren ungebrochen ist.

Geht der großen Reflation nun die Luft aus oder steht eine weitere Aufwärtsbewegung der Märkte bevor? Welches Szenario ist das wahrscheinlichere?


Keynesianismus vs. Realität

Beginnen wir mit einem Blick auf das systemische Umfeld der Wirtschaft. Die Große Reflation ist in zwei grundlegende Zusammenhänge eingebettet:

1. Die dominanten sozio-ökonomischen Strukturen sind etwa seit dem Jahr 1500 Profitmaximierung mit Hilfe von Kapital ("die Märkte") und die Nationalstaaten ("die Regierung").

2. Die dominante Wirtschaftstheorie der letzten 80 Jahre ist der Keynesianismus, d. h. die Vorstellung, dass es Aufgabe des Staates und der Zentralbanken ist, den Konsum (die Nachfrage) des Privatsektors sowie die Kreditvergabe im Falle eines Konjunkturabschwungs (Rezession/Depression) durch zentral geplante und finanzierte geld- und wirtschaftspolitische Impulse zu unterstützen.

Der gängigen Auffassung zufolge gibt es also zwei (und nur zwei) Lösungen für alle Probleme wirtschaftlicher Natur: die Märkte (Kapital auf der Suche nach Gewinnmaximierung) oder die Regierung (die Nationalstaaten und deren Zentralbanken). Die Vertreter jeder dieser beiden Ansätze neigen dazu, alle ökonomischen und sozialen Missstände der jeweils anderen Partei anzulasten. In der realen Welt lebt der bei Weitem größte Teil der Bevölkerung jedoch in Wirtschaftsräumen, deren Dynamik in unterschiedlichem Maße sowohl vom Markt als auch vom Staat kontrolliert wird.

Die keynesianische Weltsicht neigt hartnäckig zu groben Vereinfachungen. Ihr zufolge basiert die Wirtschaft auf der Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Der Theorie nach wollen die Menschen wollen immer mehr Besitztümer und Services und werden eifrig mehr kaufen, solange sie das Geld dafür haben. Dieser Drang ist in der Wirtschaftslehre bekannt als "Animal Spirits", d. h. als "animalische Instinkte".

Die größte Erfindung aller Zeiten ist im keynesianischem Universum der Kredit, denn er ermöglicht es den Menschen, einen Teil ihrer künftigen Einnahmen zu leihen und dafür in der Gegenwart mehr zu konsumieren. Durch die Vergabe von Krediten erhöht sich also die Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Darin besteht dieser Weltsicht zufolge auch der ganze Sinn einer jeden Existenz: Es geht nur darum, mehr Zeug zu kaufen.

Kredite, eine zunehmende Gesamtnachfrage und animalische Instinkte ergeben zusammen allerdings einen volatilen Cocktail. Die Euphorie derer, die riesige Profite einfahren, indem sie denen Geld leihen, die euphorisch mehr konsumieren, führt letztlich dazu, dass die Standards finanzieller Vernunft und Voraussicht zunehmend aufgeweicht werden. Im Grunde genommen beginnen Kreditgeber und Kreditnehmer gleichermaßen, die Chance auf höhere Gewinne und mehr Konsum wie im Rausch wahrzunehmen.

Die Kreditgeber gehen davon aus, dass selbst fragwürdige Schuldner in Zukunft mehr verdienen werden und daher gute Kreditrisiken bieten. Die Kreditnehmer erwarten ihrerseits ebenfalls höhere Einkünfte (z. B. durch das Haus, das sie gerade mit dem Ziel des Weiterverkaufs erworben haben) und halten das Leihen von enormen Geldsummen daher für eine grandiose Idee. Warum denn nicht mehr Geld verdienen oder das Leben jetzt im Moment mehr genießen?

Doch die reale Welt ändert sich nicht, nur weil man sie in trunkenem Zustand betrachtet, und so wird es bei Darlehen, die niemals hätten vergeben werden sollen, unweigerlich zu Zahlungsausfällen kommen. Die Kreditgeber werden beginnen gigantische Verluste zu machen, wenn der Wert der Sicherheiten sinkt, mit denen die Kredite hinterlegt wurden (Gebrauchtwagen, Sumpfland, geschmacklose Einfamilienhäuser usw.)

Oh je! Der Kater am Morgen nach der Kreditexpansion ist heftig. Kreditgeber gehen bankrott und ruinieren dabei gleichzeitig ihre Anteilseigner. Zahlreiche Kreditnehmer sind pleite, weil sie weder in der Lage sind, ihre Schulden zurückzuzahlen noch ihre als Sicherheiten hinterlegten Vermögenswerte zu verkaufen, um den Kredit zurückzuzahlen.

So, wie sich die Kreditausweitung selbst verstärkt - alle verdienen sich eine goldene Nase mit dem Wiederverkauf von Immobilien, warum also nicht auch ein oder zwei Häuser auf Kredit kaufen? - verstärkt sich auch der anschließende Kollaps selbst: weil der Wert der Kreditsicherheiten fällt, werden mehr und mehr Kreditnehmer insolvent. Gleichzeitig gehen die Kreditgeber pleite, weil die Zahlungsausfälle zunehmen und der Wert der Sicherheiten dahinschmilzt wie Eis in der Sahara.

Im keynesianischen Universum sind die umfangreichen Verluste und die Kontraktion der leichtfertig vergebenen Kredite etwas Schlechtes. Etwas sehr Schlechtes. Meist sind es wichtige, einflussreiche Menschen, die die Kreditgesellschaften (die Banken) besitzen, und Verluste sind in ihrem Plan nicht vorgesehen.

Ein unschöner Nebeneffekt des Kreditkaters ist zudem das Schrumpfen von Unternehmen, die davon abhängig waren, dass die Leute mehr Geld leihen, um mehr Produkte zu kaufen. Auch dieser Trend verstärkt sich selbst: Wenn die Umsatzzahlen einbrechen, müssen die Unternehmen ihre Kosten senken, um zahlungsfähig zu bleiben, d. h. sie müssen Angestellte entlassen, Büroflächen verringern, Fabriken stilllegen usw. Die Euphorie der Kreditexpansion verwandelt sich in einen schmerzhaften Abschwung. Niemand ist in dieser Phase zufrieden und natürlich fordern die Menschen, dass jemand etwas unternimmt, damit es aufhört.


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