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Das gewaltige Experiment des Mario Draghi

18.06.2017  |  Manfred Gburek
Zuerst die gute Nachricht: Die Wirtschaft in Europa und in Amerika wächst. Nun die weniger gute: Das Wachstum ist teuer erkauft. Warum? Weil die Konjunktur in Europa ganz wesentlich von der EZB abhängt, die unter ihrem Zampano Mario Draghi die Geldpolitik zulasten Deutschlands auf die Spitze treibt. Und weil die Konjunktur in Amerika - abgesehen davon, dass die dortige Notenbank Fed mit ihrer Geldpolitik ebenfalls stark in die Wirtschaft hineinregiert - auf einer Kreditblase beruht, der allmählich die Luft ausgeht, deutlich erkennbar in der Auto- wie auch in der Immobilienbranche.

Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute schwelgten zuletzt in den Zahlen zur Konjunktur. Da fielen sogar Begriffe wie Aufschwung auf breiter Front und Überhitzung, falls alles so weiter geht wie bisher. Das Ganze garniert mit Wachstumsprognosen bis 1,8 Prozent, wenn auch erst im nächsten Jahr. Zweifellos profitiert Deutschland vom Export im Allgemeinen und von der Erholung der Wirtschaft anderer Euroländer im Besonderen. Doch womit erkaufen wir uns diesen Erfolg? Indem Deutschland einen erheblichen Teil seiner Souveränität abgibt!

Die Begründung fällt nicht schwer, sie ist offensichtlich. Nehmen wir als Beispiel ausnahmsweise mal nicht das völlig überschuldete Italien oder das erneut durchgepäppelte Griechenland, sondern unseren Freund und Nachbarn Frankreich, wo am Sonntag ganz nebenbei der nächste Wahlgang ansteht. Beschlossene Sache ist jedenfalls, dass ein deutsch-französisches Expertenteam bereits im Juli ein Gerüst zur Reform der Währungsunion mitsamt einem noch zu bestimmenden Euroraum-Finanzminister präsentieren soll. Jawohl, Sie haben richtig gelesen: Zu einer Reform, für die normalerweise viele Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte erforderlich wären.

Warum auf einmal diese Eile? Jetzt wird es hochpolitisch: Angela Merkel will bis zur Bundestagswahl möglichst viel Glamour ausstrahlen, um wiedergewählt zu werden und möglichst auch die Amtszeit ihres jetzt verstorbenen Förderers Helmut Kohl zu übertreffen. Dazu kommt ihr neuer französischer Freund Emmanuel Macron wie gerufen, denn gemeinsam können sie den Amerikanern unter deren wackeligem Präsidenten Donald Trump und den sonstigen Potentaten auf dieser Welt viel besser die Stirn bieten.

Allerdings verfolgen sie in Wahrheit unterschiedliche Absichten: Merkel hat primär politische Ziele im Sinn; eine Reform der Währungsunion nimmt sie bestenfalls billigend in Kauf, ohne sich jedoch um deren Details kümmern zu wollen. Dagegen strebt Macron mithilfe der Reform in erster Linie eine Euro-Schuldengemeinschaft an, natürlich zum Wohl Frankreichs unter Einbeziehung einer kräftigen Finanzspritze aus Deutschland.

Das funktioniert aus französischer Sicht - und natürlich auch aus der Sicht der übrigen hoch verschuldeten Euroländer - am effektivsten auf dem Umweg über die EZB mit ihren Anleihekäufen. So etwas bezeichnet man dann als Vergemeinschaftung der Schulden oder einfach nur als Transferunion.

Bundesbank-Präsident und EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann bringt das Schuldenproblem in einem aktuellen Beitrag für die Ludwig-Erhard-Stiftung wie folgt auf den Punkt: "Staatsanleihekäufe durch Notenbanken schirmen die Regierungen beziehungsweise einen beträchtlichen Teil ihrer Schulden gegen die disziplinierende Wirkung der Kapitalmärkte ab.

Gerade hoch verschuldete Länder könnten sich vor diesem Hintergrund der Illusion hingeben, sie hätten bereits genug für eine dauerhaft tragfähige Staatsfinanzierung getan. Sie laufen damit Gefahr, abhängig von den niedrigen Zinsen zu werden. Für die Geldpolitik wäre dies aber sehr gefährlich, denn sie könnte am Ende unter Druck geraten, hohe Schulden durch niedrige Zinsen tragfähig zu machen."

Volltreffer! Mit dem Wort "könnten" benutzt Weidmann zwar den Konjunktiv; aber das ist aus Sicht eines Bundes- und Notenbankers, der sich kraft Amtes diplomatisch ausdrücken muss, schon konkret genug. Halten wir fest: Schulden zu machen, ist ist derzeit billig und verführt dazu, viel mehr auf Pump zu leben, als angemessen wäre. Das gilt gleichermaßen für Staaten, Unternehmen und Verbraucher. Der Zins hat seine Funktion als Regulativ, als Preis des Geldes und als Messlatte für das Risiko weitgehend eingebüßt.

Wahrscheinlich ist Ihnen längst aufgefallen, wie trickreich Banken und Sparkassen aus Anlass von Gebührenerhöhungen und Negativzinsen argumentieren und wie geradezu devot sie sich dabei oft geben - als hätten sie es nötig, ihren Kunden bis ins Detail Grundkenntnisse der Bankbetriebslehre zu vermitteln.

Ja, die meisten Institute haben jahrelang geschlafen, ja, ihre Geschäftsmodelle sind stark überarbeitungsbedürftig. Aber die ganze Diskussion drumherum lässt leider den wichtigsten Punkt vermissen: Je länger die Geldpolitik der extrem niedrigen bis negativen Zinsen anhält, desto mehr Banken und Sparkassen geraten in eine Schieflage - mit der dann nicht mehr auszuschließenden Folge einer Finanzkrise, die weit über das Ausmaß der letzten aus dem Jahr 2008 hinausgehen dürfte.

Mario Draghi mit seinen Gefolgsleuten im EZB-Rat denkt zurzeit indes nicht im Traum an eine Zinserhöhung. Bestenfalls äußert er sich vage zu einem irgendwann möglichen Ende der Anleihekäufe. Wann es so weit sein wird, weiß niemand, auch Draghi nicht. Und so können Franzosen, Italiener, Griechen und der Rest der Schuldensünder aus dem Euroraum weiter über ihre Verhältnisse leben, ohne dass jemand sie daran hindert.

Das alles wird nicht ohne Folgen für Ihre persönlichen Finanzen bleiben können. Was für Folgen, und wann werden sie eintreten? Fest steht: Draghi hat den Zins als Regulativ, als Preis des Geldes und als Messlatte für das Risiko so gut wie abgeschafft. Das ist ein gewaltiges Experiment. Es findet mit Wissen der wichtigsten Regierungen des Euroraums statt, siehe MM (Merkel/Macron). Die Höhe der Schulden ist ihnen egal - es wird schon irgendwie gut gehen, hoffen sie.

Bereiten Sie sich darauf vor, indem Sie Ihr Vermögen verteilen, wie hier immer wieder empfohlen. Bleiben Sie flexibel, indem Sie trotz Null- und Negativzinsen sowie trotz steigender Kontogebühren erhebliche Beträge auf Tagesgeldkonten bei verschiedenen Banken und Sparkassen parken, indem Sie private Kredite meiden, mögen die Sollzinsen noch so verlockend niedrig erscheinen, und indem Sie sich täglich mindestens eine Viertelstunde mit der aktuellen Börsenentwicklung beschäftigen, auch wenn Sie von Berufs wegen nichts damit zu tun haben.

Was die Anlageklassen jenseits des Tagesgelds betrifft, sollte die Prognose für die kommenden Jahre wie folgt aufgehen: Indem der Daumen bei Anleihen (außer inflationsindexierten) und Immobilien nach unten zeigt, bei Gold und Silber nach oben. Das ist ein antizyklischer Ansatz, der einige Geduld erfordert.

Und Aktien? Sie werden immer mehr zu einem Tummelfeld der großen Spekulanten, von Vermögensverwaltern und gängigen Aktienfonds bis zu undurchsichtigen ausländischen Hedgefonds. Der einzige Rat, der in diesem Umfeld opportun erscheint, läuft darauf hinaus, Gewinne laufen zu lassen und möglichst keine neuen Engagements einzugehen, besonders nicht in Indexfonds.

Neu bei gburek.eu: Der richtige Umfang mit Aktien


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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