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Ein paar Worte wegen Jean-Claude Juncker

14.09.2017  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1.1873 (07.37 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1.1870 im fernöstlichen Geschäft markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 110.46. In der Folge notiert EUR-JPY bei 131.16. EUR-CHF oszilliert bei 1.1454.


EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker machte gestern Schlagzeilen.

Seine Rede war geprägt von einer sehr starken positiven Emotion für Europa. Diese Emotion begrüßen wir und teilen wir. Nun sollte in den Eliten einer derartige Emotion Grundlage für hohes Engagement sein, das aber die Sachlichkeit und Rationalität in der Ausformung der Politikansätze nicht aus den Augen verlieren darf. Ansonsten spielte man mit der Struktur und reagierte gegen die Basis der europäischen Konstrukte der Gemeinsamkeiten.


Was sagte Jean-Claude Juncker?


Herr Juncker will 2019 nicht wieder als Kommissionspräsident antreten. Juncker hat eine lange Karriere in der EU und europäischen Politik hinter sich. In der Phase einer Neuausrichtung nach der Krisenbewältigung ist es angebracht, auch mit neuen Köpfen in diesen Positionen anzutreten. Danke und "Chapeau" Herr Juncker!

Juncker forderte einen europäischen Finanzminister, der Kommissionsmitglied und Eurogruppenchef sein sollte. Der ESM solle sukzessive zu einem europäischen Währungsfonds ausgeweitet werden. Die Kommission plant eine neue europäische Industriestruktur. Es sollen eine europäische Internet- Sicherheitsagentur und eine Behörde, die die Standards auf dem Arbeitsmarkt überwacht, entstehen. Das ist grundsätzlich sinnvoll.

Laut Juncker soll der Euro Instrument der gesamten EU werden. Es solle ein "Euro-Vorbereitungsinstrument" etabliert werden, das technische und auch finanzielle Hilfe leisten soll. Auch soll die EU auf 30 Mitgliedsländer wachsen. Bezüglich der gegebenen EU-Verträge ist es ohnehin das Ziel der EU, den Euro in den Ländern der EU einzuführen. Lediglich das Vereinigte Königreich und Dänemark sind aus diesem Zielkatalog exkludiert. Als Vision ist diese Aussage zu unterstützen.

Diese Aussage ist aber auch provokant, da sie die Fehler, die in den Erweiterungsprozessen der EU, in den Assoziierungsprozessen der EU und in den Beitrittsmodalitäten zur Eurozone völlig außer Acht lässt. So erfüllte nur eines der zwölf Länder, die der EU (Osterweiterung) beitraten in vollständiger Form die Bedingungen zum Beitritt. So sagte Guido Westerwelle als Außenminister, dass die Ukraine die Bedingungen zur Assoziierung im ersten Assoziierungsverfahren, dass durch Deutschland am 2. Mai 2012 beendet wurde, mangels Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative (KO-Kriterium!) nicht erfülle. Die dann erfolgte Assoziierung der Ukraine im zweiten Anlauf wirft mehr Fragen auf, als dass Antworten gegeben werden können (korrupter, undemokratischer, keine Gewaltenteilung, wirtschaftlich zerrütteter als 2014 vor Maidan).

Bei der Gründung der Eurozone wurden die Maastricht-Kriterien gebeugt. Bei dem Beitritt Griechenlands ist bekanntlich das Maß der Kreativität massiv gewesen. So hatte Eurostat unter anderem sachlich unbestechlich gewarnt.


Wer bei den Standards zum Beitritt latent nivelliert, hat am Ende kein Niveau.

Diese Fehler der Vergangenheit haben beinahe den Euroraum und die EU zerstört! Daraus müssen zwingende Lernkurven erfolgen. Beitritt darf nur der erhoffen, der die Bedingungen vollständig erfüllt und auch dem Wertekanon der europäischen Aufklärung entspricht. Jede andere Form der Erweiterung wäre die Negation der Erfahrungen der noch nicht beendeten Krise der EU und der Eurozone.

Mehr noch muss die Frage gestellt werden, ob mit dieser Erweiterungspolitik die Interessen der Menschen in der EU, die durch das EU-Parlament und die Kommission vertreten werden, auch sachlich respektiert werden. Denn das Steueraufkommen der Bürger alimentiert diese Strukturen. Die Ablehnung, auf die die EU bei den eigenen Bürgern im Laufe der letzten Jahre stieß (auch Brexit), hat genau mit dieser Problematik zu tun.

Ergo interpretieren wir die Einlassungen Junckers als Vision, die alle diese eben dargestellten Inhalte nicht außer Acht lassen wird, sondern in sachlich unbestechlicher Manier die Lernkurven daraus tief im Herzen verankert und mehr noch im Verstand und Handeln vollständig berücksichtigen wird. Dann bin ich weder wegen der EU noch der Eurozone in tiefer Sorge. Die Zeit der heißen Nähte bei tragenden Entscheidungen im Organigramm der EU und der Eurozone, die in Krisen dazu neigen zu platzen, müssen ein Ende haben. Das gilt auch in Richtung der Einlassung Herrn Oettingers zu Bulgarien …


An den Finanzmärkten kommt das Thema US-Steuerreform zunehmend in den Fokus:


Präsident Trump sucht dazu die Nähe der Demokraten ähnlich dem Vorgehen bei der temporären Haushaltslösung. Es sieht in der Tat in Richtung Jahresende 2017 so aus, als dass ein Kompromiss möglich ist, der nicht das versprochene Volumen aus der Wahlschlacht liefert, aber konjunkturelle Phantasien beflügeln hilft.

Diesbezüglich entspannt sich Risikowahrnehmung an den Märkten bezüglich der Lage der USA. Der USD kann ein wenig punkten und bewegt sich derzeit als Folge südlich von 1,19 gegenüber dem Euro.


Aus der Eurozone erreichte uns gestern ein positiver Datensatz:

Die Industrieproduktion legte per Juli im Monatsvergleich um 0,1% zu. Die Prognose lag bei 0,0%. Im jahresvergleich stellte sich der Anstieg auf 3,2% nach zuvor 2,8%. Das Thema Aufschwung in der Eurozone setzt sich weiter fort. Das wird insbesondere an den Jahresvergleichsraten deutlich.


Aus den USA erreichten uns Informationen von der Preisfront:


Die Erzeugerpreise nahmen per August im Monatsvergleich um 0,2% (Prognose 0,3%) zu. Im jahresvergleich stellte sich der Anstieg auf 2,4% nach zuvor 1,9% (Prognose 2,5%).
Die Kernrate legte im Monatsvergleich um 0,1% und im Jahresvergleich um 2,0% nach zuvor 1,8% zu. Das Thema Inflation ist derzeit kein Sorgenträger für Märkte. Das mäßige Niveau ist eher Sorgenträger der Federal Reserve.

Aktuell ergibt sich ein Szenario, das eine positive Haltung bezüglich der Bewertung des Euros favorisiert. Erst ein Unterschreiten der Unterstützungszone bei 1.1650 – 80 negiert den positiven Bias des Euros.

Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank



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