Die Wahrnehmung bezieht sich im konkreten auf das Erkennen und v.a. Anerkennen von Tatsachen des normalen Lebens. Da sich diese Dinge laufend verändern, ist eine stete Anpassung der Wahrnehmung im Sinne von Erkennen und Nutzen von Möglichkeiten, sich der erkannten und anerkannten Veränderung anzupassen, vonnöten. Tritt Ratlosigkeit, Verwirrung, Desorientierung bzw. ein Antwortenmangel im alltäglichen Leben auf, entsteht eine Zwangslage, Defizit oder Pein. Die entstandene Krise wird als Gefühl der Bedrohung, der Unsicherheit und dem Eindruck, das Ereignis sei von prägendem Einfluss für die Zukunft, identifiziert also wahrgenommen. Ein Vakuum der Notwendigkeit von Handlungsentscheidungen entsteht, um aus dieser Unbekannten herauszufinden. Quelle: Knotwendigkeit, Nick Mott/Andreas Neumann
Die Handlungsentscheidungen sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Einige suchen den Schutz in der Verdrängung, Verharmlosung oder Aufgabe. Auf emotionaler Ebene entsprechen ihr Verzweiflung oder unkontrollierbarer Zorn bzw. Wut.
"Der Unwissende wird zornig, der Weise weiß warum?"
- unbekannt -
Die subjektive Seite der Krise ist ihre Wahrnehmung durch den Betroffenen, die objektive die historisch zurückblickende und Einzelfaktoren zusammen bewertende, distanzierte Sicht.
"Wer nicht in den Tag hinein leben will, muss die Vergangenheit studieren. Allein die Kenntnis der Geschichte
ermöglicht die Erkenntnis der eigenen Situation und damit die Gestaltung der Zukunft."
- Ernst Samhaber -
Berufung auf das Erinnerungsvermögen des eigenen historischen Gedächtnisses
Die Vorstellung, dass unser Gehirn einer Festplatte eines Hochleistungscomputers gleicht, deren Inhalt beliebig abgerufen werden kann, trifft in der Realität nicht zu. Unser Gedächtnis kann uns täuschen. Wir neigen dazu, bestimmte Sachverhalte - meist negativ erlebte - zu verdrängen bzw. zu vergessen. Andere positive Ereignisse, welche man erzählt bekommen hat und selbst aber nicht erlebt hat, hält man gerne für eigene. Zudem beeinflussen starke Gefühle unser Erinnerungsvermögen und können es trüben. Erinnerung ist viel mehr als das Abrufen von gespeicherten Daten. Es ist auch immer ein Stück Selbstbestätigung und wird von uns ständig passend zu unserer gegenwärtigen Verfassung konstruiert. (Quelle: Pflegefreund, Herbst/Winter 2008/09, 11. Jahrgang.)
Wenn uns schon das eigene Gedächtnis täuscht, wie kann man sich dann auf das kollektive Gedächtnis verlassen?
Berufung auf das Erinnerungsvermögen des kollektiven historischen Gedächtnisses
Die Wurzeln mancher Missverständnisse liegen in der Überschätzung der führenden Oberschicht für den Ablauf der Geschichte. Immer hat nur eine Minderheit geherrscht: Krieger, Adel, Priester, reiche Bürger, Beamte, Parteifunktionäre. Sie scharten sich um den Fürsten, den kirchlichen Würdenträger, das Parlament oder sie sammelten sich in einer Partei.
Die herrschende Gruppe erhob immer den Anspruch, für die "Nation" zu sprechen. Sie allein kamen zu Wort und ließen ihre Sicht der Dinge niederschreiben. Die Leidtragenden schwiegen. Auch die Gegner gewöhnten sich daran und machten das gesamte Volk für die Taten dieser kleinen Gruppe verantwortlich.
"Selten war mehr als ein Zehntel der Bevölkerung an dem beteiligt, was man Geschichte zu nennen pflegt."
- Ernst Samhaber -
Die Dichter sangen den Ruhm der Helden. Unzählige Juristen mit unterschiedlichem Rechtsverständnis legten Verträge aus. Die Kleriker und die Chronisten berichteten von Ereignissen, die ihnen oder ihren Landesherren wesentlich erschienen. Daraus ergab sich ein geschlossenes, aber einseitiges Bild der Entwicklung insgesamt. Dramatische Ereignisse traten hervor, tief greifende, langsame Wandlungen blieben im Dunkeln. Je weniger Wissen und Verstehen vorhanden war, desto mehr Fantasie bestimmte das jeweilige kollektive Geschichtsbild. Jede historische Quelle sollte nach dem Interesse hinterfragt werden, aus dem sie geschrieben wurde.
"Jedes Mal, wenn ein Mensch über Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtsschreiber,
haben wir in Betracht zu ziehen, was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischen liegenden Zeiten
in die Vergangenheit zurückversetzt, sodass er das Bild derselben fälscht."
- Sigmund Freud -
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