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Veröffentlicht von Christian Wolf am 19.05.2005 um 9:08 Uhr

Die Geschichte(n) der abendländischen Inflation (Teil II)

"Stabipakt, ruhe in Frieden" - "Wir werden Dich nie vergessen!" (Handelsblatt: Titelstory vom 22.3.2005)

Unsere EU-Finanzminister-Vertretung in Brüssel, Hans Eichel, wird vermutlich die weitreichende Änderung des Maastrichtvertrages mit einem weinenden und einem lachenden Auge mitentschieden haben. Als studiertem Historiker müssten Herrn Eichel bei Unterzeichnung der Änderung vor Schmerz die Tränen in die Augen geschossen sein, hat er doch in der Zeit von 1961 - 1968 die Vorlesungen der Geschichte neben denen der Philosophie, der Politik, der Germanistik und der Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg und an der Freien Universität Berlin genossen. (www.spd.de)

Sollte er die Vorlesungen nicht versäumt haben, so weiß er, dass eine Finanzierung von Haushaltslöchern bzw. Zinseszinszahlungen durch unkontrollierte Schuldenaufnahmen schon immer zu ausufernden Inflationen führte. Inflation ist historisch gesehen, allezeit eine Enteignung der Bevölkerung ohne Gesetz und ohne Grenzen!

Zur Freude von Hans Eichel müssten dagegen seine Augen feucht geworden sein, da er in seiner Funktion als Bundesfinanzminister durch die beschlossene Reform des Stabilitätspaktes neuen finanzpolitischen Spielraum gewonnen hat. Formal bleibt zwar alles für die Mehrheit der vermutlich geistig-obdachlosen EU-Bevölkerung beim Alten. Für alle EU-Finanzminister eröffnen sich jedoch erhebliche Interpretationsspielräume beim Aufweichen ihrer "Währung ohne Heimat".

Die Beerdingung des Stabilitätspaktes in der 12. Kalenderwoche 2005 möchte ich zum Anlass nehmen, um eine weitere Geschichte der abendländischen Inflation zu "erzählen" und um eventuelle Wissenslücken für Entscheidungsträger zu füllen bzw. aufzufrischen.

"Als Schutz vor finanziellen Illusionen oder Verrücktheiten ist das Gedächtnis weit besser als ein Gesetz".
- John Kenneth Galbraith -



Die Zeit der Kipper und Wipper (1618 bis 1623)

Zu Zeiten des Kaisers Ferdinand II. von Habsburg bestand das Staatengebilde seines "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" aus vielen Einzelstaaten. Diese morbide staatliche Ordnung wurde durch die Lücken und strukturellen Fehler der Reichsmünzordnung von 1559 verstärkt. Die Münzkonstitution verbot den Landesherren die Prägung von Reichsmünzen wie zum Beispiel Taler oder Gulden. Sie erlaubte jedoch die Prägung beliebig vieler Landesmünzen mit geringem Silberanteil. Um ihren Geldbedarfshunger zu stillen, verpachteten oder verkauften diese "Münzherren" ihre Münzrechte an Spekulanten. Der großzügige Lebenswandel des Adels führte zudem zu einer passiven Handelsbilanz, da besonders aus Italien, England und den Niederlanden mehr Waren eingeführt als ausgeführt wurden.

Hinzu kamen die konfessionellen Gegensätze zwischen der Katholischen Liga unter Führung von Herzog Maximilian I. von Bayern sowie der Protestantischen Union unter Leitung des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz und nach dessen Tod gefolgt von seinen Sohn Friedrich V., der als Winterkönig in die Geschichte einging. Es war schon im Jahre 1615 unübersehbar, dass es auf eine bewaffnete Auseinandersetzung hinaus laufen würde. Neben den religiösen Verbalattacken waren vermutlich auch ein politischer und zwei wirtschaftliche Hintergründe die Ursachen der bevorstehenden Konfrontation, die im Dreißigjährigen Krieg endete. Die Pfälzer Kurfürstenwürde (protestantisch) war politisch sehr wichtig, da sie zur Wahl des Kaisers berechtigte. Zudem war zu jenen Zeiten einerseits die heutige Oberpfalz - damals Obere Pfalz (protestantisch) - mit seinem Reichtum an Eisenerz und Hammerstätten als das Ruhrgebiet des Mittelalters strategisch bedeutend, andererseits das Königtum Böhmen (katholisch, aber aufständisch gegen Habsburg) mit seinen Silberbergwerken sehr begehrt.

Um die Aufrüstung der zukünftigen Söldnerheere bezahlen zu können wurden erhebliche Geldmittel benötigt. Zur Finanzierung dieser Rüstungsausgaben suchten die Münzherren aus dem Münzschlag durch ständige Verringerung des Feingehaltes und des Gewichtes soviel Gewinn als möglich herauszuholen. So gab es zwei organisatorische Möglichkeiten der Geldbeschaffung.

Zu einen bildete man ein sogenanntes Münzkonsortium nach dem Vorbild deren von Liechtenstein, Wallenstein, de Witte sowie anderen adeligen Konsorten und fälschte im großem Stil mit kaiserlichem Privileg. Zum anderen betätigte man sich als "freier" Fälscher und bot beim Wechseln der Bevölkerung den Umtausch ihrer Großmünzen gegen minderwertige Kleinmünzen plus Aufgeld an.

Überliefert wird, dass für einen Reichstaler 80 Kreuzer geboten wurden. Der offizielle Reichskurs war aber zu 72 Kreuzer notiert. Der Verkäufer machte einen Gewinn von 8 Kreuzern. Der Käufer dagegen verwendete das Reichstaler-Metall und prägte daraus 90 Kreuzer (Daniel Vogt: Die Kipper- und Wipperinflation - 1618-1623 - in München). Aufgrund der logischen Lukrativität dieses Geschäftes beteiligten sich nicht nur die Landesherren und deren Pächter an dieser Manipulation, sondern auch die Städte und zunehmende Anzahl freier Fälscher wollten an das „schnelle“ Geld. Die Leute brachten ihr gutes Erspartes, die Hausfrauen ihre kupfernen Pfannen und Kessel zu den Wechslern und Aufkäufern der Münzen. Sie freuten sich an der Masse des erhaltenen Geldes. Alle Welt hatte viel Geld und glaubte, im Handumdrehen reich werden zu können.

Die Vorgehensweise der Kipper und Wipper wurde effektiver und krimineller. Kippen nannte man im Volksmund das Beschneiden der Münzen an den Rändern. Wippen war das betrügerische Auswiegen durch geschickte Handhabung der Waage. Alle daran Beteiligten gingen so als "Kipper und Wipper" in die Geschichte ein.

Als die herrschende Elite merkte, dass ihr lukratives Pyramidenspiel ausuferte, wurde ein Münzediktentwurf verfasst, um die „Kleinen“ aus dem Spiel zu drängen. Es wurden schwerste Strafen für Münzaufkäufer, Auswechselungen von Münzen und Münzverfälschungen angedroht. Exempel sollten statuiert und die Überführten bei lebendigem Leibe verbrannt werden. Öffentliche Sammlungen wurden angeordnet, um die besoldeten Lehrer und Geistlichen vor der äußersten Not zu schützen.

Wie so manch moderne Preisstopppolitik versagte aber auch dieses Preisedikt, indem sie die offiziell manipulierte Geldproduktion in eine kreative Schattenwirtschaft trieb. Die neu geschaffenen Münzen wurden mit Phantasiewappen bzw. religiösen Werbeslogans versehen, damit der betrogene Empfänger die von angeblich staatlicher oder kirchlicher Stelle eingeführten Münzen akzeptierte und somit kein Verdacht auf die Fälscher fiel. Der überlieferte Spruch "Ahn Gottes segen ist alles gelegen" (1621) verdeckte wahrscheinlich die monetäre Illusion; man betrachte die Analogie zum US-Dollar "In God we trust" (2005). Neue Verfahren wie das Weißsieden wurde angewendet. Auf diese Weise konnte man die kupferhaltigen minderwertigen Geldstücke nicht sofort erkennen. Neu hergestellte Münzen wurden mit Säuren behandelt, damit sie älter aussahen.

Die Auswirkung der exorbitanten Geldmengenausweitung führte zu massiven Preissteigerungen bei allen Gütern und war für "Normalverdiener" oder Besoldete existenzbedrohend.


(Abb. 1: vgl. Gaettens, Geschichte der Inflation, München 1957)


Erst nach der Währungsreform von 1623 (im Norden bereits 1621) kehrte man zu "normalen" Geldverhältnissen zurück. Dabei wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Die minderwertigen Münzen wurden vom Markt genommen
  • "Gute" Münzen wurden neu geprägt
  • Die überhöhten Kurse der groben Sorten wurden schrittweise gesenkt
  • Das Preis- und Lohngefüge wurde durch eine detaillierte Taxordnung geregelt
  • Die Ausfuhr von Silber wurde verboten

Die schwersten Einbußen der Währungsreform ging zu Lasten der kleinen Kaufleute, Handwerker, Bauern und Arbeiter, da ihnen die offiziellen Ämter die Kippermünzen zu stark reduzierten Kursen zurücknahmen. Der Einlösungstermin wurde wegen der ungeheueren Menge des umlaufenden Geldes mehrfach, schließlich bis Ende 1625 verlängert. Der Verlust beim Umtausch betrug 86,7%, d.h. für 100 Taler Kippermünzen wurden 13,3 Taler Reichsmünzen ausgezahlt.

Der Volkszorn entlud sich auf die "kipperischen Strauchräuber, Galgenhühner, Säckel-, Beutel- und Taschenräumer, Blutegel, halbstinkenden Wucherer, Kauderer und Geldwänste". Sie wurden gehetzt, geschlagen,und hin- und wieder aufgeknüpft. Spottverse wurden gedichtet: "Kipp den Wipp zum Tor hinaus, der Galgen ist den Wechselhaus". Überlieferungen beschreiben von Geistlichen, die sogar "der verdammten Kippers-Rott, den Geld-, Land- und Leutverderbern" die Sakramente und eine religiöse Bestattung ablehnten. Um die empörte Bevölkerung zu beruhigen wurden Prozesse abgehalten. Es wurden seltsamerweise nur die kleinen Münzmeister verurteilt.

Das Pächterkartell um Fürst zu Lichtenstein, von Wallenstein und Fürst von Eggenberg konnte über die betrügerische Ausnutzung des kaiserlichen Münzregals die schönsten Früchte ernten. Es erwarben damit "legal" einen großen Teil der in Böhmen zu beschlagnahmenden protestantischen Güter.

Besondere Schwierigkeiten machte die Frage der Rückzahlung von Darlehen. Der Krieg (1618 bis 1648) schob die Klärung dieser Frage weiter hinaus. Erst 1650 regelte ein Patent diese Frage: Die Kapitalien wurden mit rund 14% zurückgezahlt.


Wertverfall des Kreuzers gegen den Reichstaler



Fazit

Die Kipper- und Wipperzeit war die erste große Inflation nach der römischen Münzkatastrophe des dritten Jahrhunderts. Sie hat viele große Vermögen und die Ersparnisse des breiten Bürgertums, die sich in der langen Friedenszeit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts angesammelt hatten, vernichtet bzw. umverteilt. Diese Zeit hat den materiellen Wohlstand Deutschlands stärker zerstört als der Dreißigjährige Krieg in seinen sonstigen unmittelbaren ökonomischen Auswirkungen.

"Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise.
Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere die Geschichte.
"
- Kurt Tucholsky (1890 - 1935) -


Das Beispiel der Kipper und Wipper zeigt, dass alle Inflationen ob historisch, gegenwärtig und zukünftig, durch eine Überversorgung der Volkswirtschaften mit Geld ausgelöst werden. Immer wenn die Geldmenge unnatürlich schneller wuchs als das Potenzial einer Volkswirtschaft stand am Ende dieser Entwicklung eine Inflation.

Weitblickende Anleger und Sparer konnten sich schon immer vor dieser "Geisel der Menschheit" schützen, indem sie ihren Portfolios physisches Gold oder Silber beimischten. Leider ist diese Asset-Klasse bei den Notenbankern, den elitären Volkswirtschaftsprofessoren sowie den provisionsgesteuerten Verkaufsmaschinen nicht gerade populär und wird als zu spekulativ angesehen.

Der Begriff "Spekulant" gilt heutzutage als ein Synonym für Spieler, Hedgefondsmanager sowie Abenteurer, die verstärkt durch die Medien als die Inkarnation des Bösen an den weltweiten Märkten gesehen werden. Früher wurden Spekulanten als umsichtige strategische Akteure am Börsenparkett bewundert (lat. speculari; spähen und beobachten).

In unserer modernen Zeit werden Edelmetalle (Gold und Silber) mit derivativen Instrumenten wie Schweinebäuche und Orangesaftkonzentrat verglichen. Historische und moderne Studien belegen aber, dass durch die Beimischung von Rohstoffen (physisch oder in Form von Rohstofftitel, Fonds, Zertifikate etc.) das Gesamtportfoliorisiko erheblich reduziert wird.

Ein Gedicht von Erich Kästner sollte diese Geschichte abrunden, wobei man zeitgemäß "Deutsche" durch EU-Bürger bzw. EU-Sparer ersetzen sollte!


Worauf mag die Gabe des Fleißes,
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutsch sein heißt (der Deutsche weiß es)
Dinge um ihrer selbst willen tun.

Wenn er spart, dann nicht deswegen,
dass er später davon was hat.
Nein, ach nein! Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.

Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut ihr's uns ja sowieso.



© Christian Wolf




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