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Veröffentlicht von Christian Wolf am 22.03.2005 um 14:54 Uhr

Geschichte(n) der abendländischen Inflation

Das geschichtliche Erinnerungsvermögen der Menschen ist sehr vergänglich. Die meisten Personen haben Probleme sich an Gefühle, Gedanken oder auch Ereignisse der letzten fünf, zehn oder fünfzehn Jahre zu erinnern. Erst wenn man ein Bild aus seiner Jugend erblickt, kommt die Erinnerung langsam hervor. Und trotzdem weichen meist die heutigen Vorstellungen zur damaligen Realität voneinander ab.

An der beschränkten Leistungsfähigkeit unseres Gehirns kann es nicht liegen, eher am Verdrängungsmechanismus unseres Unterbewusstseins, dass sich die Bilder so zurecht legt, wie es unserem Ego am besten erscheint. Nun stellt sich die Frage, wenn schon das einzelne Individuum mit der Aufzeichnung seiner selbsterlebten Geschichte "Schönfärberei" betreibt: Wie sieht es mit der Aufarbeitung der Historie für das kollektive Gedächtnis der Menschheit aus?

Schließen wir die Augen und Ohren vor unangenehmen Fakten oder kann man bei genauer Betrachtung aus Fehlern vergangener Generationen lernen?


I. Alles schon mal da gewesen" vs. "Geschichte wiederholt sich nicht"

Die Geschichtswissenschaft steht in allen Staaten in hohem Ansehen. Leider hat man dem Zweig der Wirtschaftsgeschichte keine gleiche intensive Beachtung geschenkt, wie z.B. die geringe Zahl der Lehrstühle dieses Faches an deutschen Universitäten beweist. Auch die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises (eigentlich Bank-of-Sweden-Preis) im Jahre 1993 an die Pioniere der in den 50er Jahren aufgekommenen Forschungsrichtung der Wirtschaftsgeschichte, Cliometrie, an Robert W. Fogel und Douglass C. North, hatte im deutschsprachigen Raum nicht die Beachtung gefunden. Die Cliometrie versucht, ökonomische Fragestellungen und Modelle sowie ökonometrische Methoden mit der wirtschaftshistorischen Forschung zu verknüpfen. Sie handelt nach der strikten Aufdeckung und Prüfung historischer ökonomischer Gesetze. Insbesondere französische und angelsächsische Historiker suchen nach Wiederholungen und Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte. Die historische Fachwissenschaft im deutschsprachigen Raum dagegen bringt die Überzeugung zum Ausdruck, dass jede Zeit ihren individuellen Gegebenheiten folgt und nur aus sich selbst heraus interpretiert werden kann.

Empirische Wissenschaft ist Hypothesenprüfung. Es ist offensichtlich, dass man komplexe Zusammenhänge kaum durch intuitiv aufgestellte Hypothesen beweisen kann. Dies gilt auch für die Frage nach der Wiederkehr historischer Ereignisse, v.a. bei unstrukturierter, lückenhafter und komplizierter Datenlage. Zudem sollte jede historische Quelle nach dem Interesse hinterfragt werden, aus dem sie geschrieben wurde. Trotzdem kann man aber behaupten, dass die "Kontinuität" bzw. "Ähnlichkeit" historischer Ereignisse auf einigen Teilgebieten auf der Hand liegt. (vgl. Kiehling, Kursstürze am Aktienmarkt, München, 2000)


II. Inflation

Der Großteil der heute lebenden Deutschen hat die Geißel der Inflation nicht am eigenen Leibe erfahren müssen oder kann sich nur vage daran erinnern. Nur aus Erzählungen der Großeltern oder des Lehrers im Geschichtsunterricht sind uns diese "Gräuelmärchen" über die "Wilden Zwanziger" im Gedächtnis geblieben. Wo man für eine Milliarde Reichsmark nur Streichhölzer bekam und Kinder nach der Währungsreform von 1923 mit Bergen von Papiergeld spielten. Von der preisgestoppten Inflation des angeblichen tausendjährigen Reiches wissen wir nur noch, dass am Ende mit Zigaretten bezahlt wurde und nach der Währungsreform 1948 der Schwarzmarkt spurlos verschwand.

Von den autofreien Sonntagen in den 70ern ist uns bekannt, dass die Ölkrise daran Schuld war und man in dieser Zeit tolle zweistellige Prozentsätze auf Anleihen-Engagements bekam; denen heute noch unwissende Anleger hinterher weinen.

Die Ursachen und Anlässe der einzelnen Geldkatastrophen bzw. die Rückkehr zu geordneten Geldverhältnissen ist den Menschen vollkommen unbekannt. Warum sollte man sich auch mit dieser trockenen und unangenehmen Materie beschäftigen. Leben wir doch in einer einmaligen Zeit des Wohlstands und des Überflusses auf unserer Insel der "Glückseeligkeit".


III. Römische Inflation

Das dachten sich wahrscheinlich auch die Bürger des römischen Reiches als ihre Truppen, befehligt durch ihre zahlreichen Cäsaren, das Imperium kontinuierlich ausbauten und Barbarenstämme reihenweise "befriedeten". Aufgebaut war die römische Münzordnung auf die grundlegenden Änderungen des Münzwesens durch Kaiser Gaius Octavius Thurinus (Augustus, lat. der "Erhabene"), der von 27 v. bis 14 n. Chr. herrschte. Er führte eine feste Relation der Metalle untereinander ein. Zudem wurde die Prägung von Gold und Silber ausschließlich zu kaiserlichem Recht erhoben; allein die Prägung der Kupfermünzen verblieb dem Senat.

Folgendes Wertverhältnis der Münzen untereinander ist uns überliefert:

1 Gold-Aureus = 25 Silber-Denare = 100 Messing-Sesterzen = 400 Kuper-Asse.
(vgl. Gaettens, Geschichte der Inflationen, München 1957)


Augustus wollte mit dem Aureus und dem Denar Weltmünzen schaffen, die auch außerhalb der römischen Grenzen als Zahlungsmittel umlaufen sollten. Dieses Ziel wurde erreicht, wie aus schriftlichen Quellen überliefert wurde. Vor allem Indien und Germanien nahmen in großem Umfang römisches Gold und Silber. Römische Goldmünzen nahmen sogar ihren Weg ins chinesische Reich, nach Sibirien, Skandinavien und bis an die Ostküste Afrikas.

Die römischen Kaiser und die Oberschicht "litten" permanent unter chronischem Geldmangel. Dies wurde durch ihren luxuriösen Lebensstil, durch externe und interne kriegerische Konflikte sowie der Aufrechterhaltung einer enormen Bürokratie hervorgerufen. Um der Begrenztheit der finanziellen Mittel Abhilfe zu schaffen, begannen die Cäsaren durch Verwässerung der Reinheit der Münzen neue Geldquellen zu schaffen. Die Münzordnung des Augustus blieb bis Nero unverändert. Erst Nero, röm. Kaiser von 54 - 68 n. Chr., setzte erstmals sowohl den Wert des Aureus wie den des Denars etwas herab. Den permanenten Überhang an Einfuhren v.a. von Luxusgütern aus Indien, Arabien und Germanien finanzierten Neros Nachfolger - mit großem Eifer - mit weiteren Entwertungsrunden. Die Folgen des Münzbetruges waren einerseits extreme Preissteigerungsraten im Reich (es sind Raten von ca. 1.900% für die Artrebe Weizen oder ca. 7.000% für Wein (Metretes) in der Zeit von 200 bis 289 n. Chr. überliefert), andererseits die Erfahrungen des "Greshamschen Gesetzes", d.h. dass schlechte Münzen gute verdrängten bzw. die reinen Münzen außer Landes gingen oder eingeschmolzen bzw. gehortet wurden. Man hat den Edelmetallabfluss für die Zeit von Augustus bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts berechnet und festgestellt, dass er beim Gold - unter Berücksichtigung aller Goldproduktion - 4/5 und beim Silber 2/3 des ursprünglichen Bestandes betragen haben dürfte. (vgl. Heichelheim, Wirtschaftsgeschichte des Altertums, Leyden 1938)


(vgl. Gaettens, Geschichte der Inflationen, München 1957)


Preissteigerungen konnte man auch am Sold der Legionäre feststellen. Söldner kämpften historisch gesehen immer nur solange auf der Geldgeberseite, solange man sie monetär bei "Laune" hielt. Überlieferungen zeigen aber immer wieder auf, dass Soldempfänger, d.h. Geistliche, Lehrer, Richter, Verwaltungsbeamte, etc., obwohl Anpassungen stattfanden, bisher immer den Inflationsraten hinterliefen.
(Vgl.: "Der Truppensold der Kaiserzeit", Neue Heidelberger Jahrbücher X, 1900)


(vgl. Gaettens, Geschichte der Inflationen, München 1957)


Die römische Inflation hatte durch die Manipulation der Währung solche dimensionale Auswüchse angenommen, dass von einem Aufstand der Münzer in Rom im Jahre 273 berichtet wird, der nur durch den Einsatz von Truppen niedergeworfen werden konnte. Bei diesen Kämpfen sollen nach Überlieferungen 7.000 reguläre Söldner gefallen sein. Danach hat man berechnet, dass ca. 40.000 Münzer an dem Gemetzel beteiligt gewesen sein müssen. Plötzlich erhellt dieser Bericht, wie ausufernd die Inflation vorangeschritten sein musste, wenn allein in den Münzbetrieben in Rom 40.000 Menschen mit dem Ausprägen neuer Münzen beschäftigt waren.

Der Grund für diesen Aufstand war Cäsar Aurelian (Amtzeit: 270 - 275) zuzuschreiben, der mit energischer Hand in das wirtschaftliche Chaos eingriff und eine durchgreifende Münzreform ankündigte. Wahrscheinlich erwarteten die Münzer daraufhin das Ende der Inflation und damit den Verlust ihrer Stellung.

Auch Kaiser Diokletian (284 bis 305) veranlasste weitreichende Reformen, die auch heute noch viele Nachahmer praktizieren, um die völlig zerrütteten Geldverhältnisse in den Griff zu bekommen:

  • In einer Verwaltungsreform wurden die Provinzen verkleinert
  • Ein neues Steuersystem wurde eingeführt
  • Der wuchernden Geldentwertung stellte Diokletian sein Höchstpreisedikt entgegen


Im Übertretungsfall wurde die Todesstrafe angedroht für den Aufkäufer, für den Verkäufer und jene, die Ware aufspeicherten und verheimlichten. Wie so manche moderne Preisstopppolitik versagte aber auch dieses Preisedikt, indem es den Warenverkehr in die Schattenwirtschaft trieb.

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