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Wie sich die Depression stoppen lässt - Interview mit Antal E. Fekete (Teil I)

22.03.2012  |  Prof. Antal E. Fekete
Jorge Nascimento Rodrigues (Chefredakteur der Portuguese and Brazilian Management Review) im Interview mit Antal E. Fekete (Professor für Geld- und Bankenwesen an der San Francisco School of Economics)


Jorge Nascimento Rodrigues: Was sind die Grundursachen der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise?

Antal E. Fekete: Es gibt nur eine Grundursache, wie auch schon bei der Großen Depression der 1930er: Kapitalvernichtung. Seit Jahrzehnten wird Kapital schleichend und unbemerkt vernichtet oder verbraucht. Dieser Prozess ist dann vorbei, wenn kein Kapital mehr verbraucht werden kann, weil keins mehr da ist. Nach sieben fetten Jahren, müssen sieben magere Jahre beginnen.

Kapitalvernichtung ist aber nichts Natürliches oder Unvermeidliches. Sie wurde der Weltwirtschaft durch eine unbedachte und unverantwortliche Geldpolitik der Vereinigten Staaten auferlegt, indem man den Leitzins vorsätzlich auf null senkte.

Sinkende Zinssätze müssen sorgfältig von "niedrigen aber gleichzeitig stabilen“ Zinssätzen unterschieden werden: Die einen sind tödlich, die anderen nützlich und gesund. Die Amerikaner haben der Welt eine sinkende Zinsstruktur untergeschoben, weil sie besessen von Gedanken sind, die Hegemonie des US-Dollar zu erhalten. Und diese Zinsstruktur wirkt heimtückisch und unbemerkt.

Fallen die Zinssätze, steigt der Liquidationswert von Schulden. Die Schuldenlast wird durch sinkende Zinssätze keineswegs gesenkt, sondern viel mehr erhöht. Ökonomen, Wirtschaftsprüfer und Bankrevisoren erkennen das Konzept des Liquidationswerts von Schulden einfach nicht, ganz zu schweigen von seinem inversen Verhältnis zu den Zinssätzen. Obwohl genau dasselbe inverse Verhältnis für den Marktwert einer Anleihe und ihrem Zinssatz gilt und sich allgemeiner Bekanntheit erfreut: Fallen die Zinssätze, akzeptieren die Gläubiger den nominalen Tilgungswert der Anleihe nicht mehr.

Bei niedrigeren Zinsen reichen die laufenden Erlöse der Zinsscheine nicht mehr aus, um den Nominalwert der Anleihe zu amortisieren. Um diesen Fehlbetrag auszugleichen, muss der Kurswert der Anleihe angehoben werden. Folglich lassen die Gläubiger den Marktpreis der Anleihe in die Höhe. Sollte ein Schuldner sich nun vor Ablauf der Anleihelaufzeit seiner Schulden entledigen wollen, so muss er den über den eigentlichen Nennwert liegenden Marktpreis der Anleihe zahlen. Und das beweist eindeutig, dass sinkende Zinssätze den Liquidationswert von Schulden steigen lassen.

Sobald der Liquidationswert der Verbindlichkeiten abzüglich der Aktivposten das Kapital übersteigt, wird die Firma insolvent. Ihr Kapital ist weg. Sie hat keine Möglichkeit mehr, an Kredite zu kommen Das passierte den Banken in den USA und Großbritannien. Und das passierte auch der US-amerikanischen Autoindustrie und allen anderen US-amerikanischen Industriezweigen, die jetzt ausgelöst sind.

Wer meine Analyse der aktuellen Krise auf Grundlage der Kapitalvernichtung als unwahrscheinliche, monokausale Erklärung eines komplexen Phänomens abtut, muss jedoch die folgende Frage beantworten können. Wie hoch ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Banken, Finanzinstitutionen und die drei großen US-Automobilhersteller alle gleichzeitig Bankrott gehen? Die Wahrscheinlichkeit liegt praktisch bei null, es sei denn, der Bankrott hat eine einzige, gemeinsame Ursache.


Jorge Nascimento Rodrigues: Diente Japan als “Testgebiet” für die Bekämpfung von Stagflation-Deflation oder eher als "Forschungslabor", wo man seit zwei Jahrzehnten das Heilmittel für die das Stop & Go-Wirtschaftswachstum testet?

Antal E. Fekete: Ein interessanter Gedanke, dass Japan quasi ein „Laborexperiment“ für die Deflationsbekämpfung durch Zinssatzsenkungen bis auf null dient. Aber wie die Ergebnisse dieses Experiments eindrücklich zeigen, sind Zinssatzsenkungen kein Mittel gegen die Deflation, sondern Gift für die Wirtschaft. Sinkende Zinssätze verstärken die Deflation, sie verschlimmern sie.

Japan hätte die Ratschläge der amerikanischen Gelddoktoren ignorieren sollen und weiterhin eine unabhängige Geld- und Fiskalpolitik betreiben sollen. Doch stattdessen öffnete sich Japan dem bestehenden Mischkonzept aus keynesianischem und friedmanschem Nonsens und stürzte sich kopfüber in ein Meer aus Defiziten und Schulden. Folglich wurde die Misere des Landes in die Länge gezogen. Man darf stark bezweifeln, dass die amerikanischen Gelddoktoren aus dem Scheitern ihres japanischen Experiments lernen werden. Aber wie heißt es so schön in Poor Richard‘s Almanach: Erfahrung ist eine teure Schule, doch nur hier lernen die Dummen.


Jorge Nascimento Rodrigues: Sind Kreditblasen und -krisen nun typisch für das kapitalistische Produktionssystem? Haben die Zentralbanken das Geldangebot und die Zinssätze schon seit Anfang an manipuliert, oder handelt es sich dabei um eine Innovation der politischen Entscheidungsträger, die eher jüngeren Datums ist?

Antal E. Fekete: Kreditblasen und Kreditkrisen haben nichts mit dem kapitalistischen Produktionssystem zu tun, sondern vor allem etwas mit staatlicher Einflussnahme, wobei die Zentralbank als Erfüllungsgehilfe des Staates die Zinssätze drückt. Anfänglich war die Zentralbank noch eine relativ zahme Institution. Sie stritt sogar ab, dass sie zur Manipulation des Geldangebots oder zur Zinssatzbeeinflussung fähig oder gar berufen wäre - vielleicht mit Ausnahme des Tages- und Termingeldhandels. Später ermutigten skrupellose Politiker die Zentralbank zum Griff nach der uneingeschränkten Macht, die sie im System der nichteinlösbaren Währung haben würde. Eines ist sicher: Wer die Währung drucken kann, verfügt über uneingeschränkte Macht.




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