Suche
 

WTI und Nordsee-Brent: Aus den Fugen geraten!

23.04.2012  |  Uli Pfauntsch
Ausblick Ölpreis

In der CompanyMaker-Ausgabe 34 vom 23. Februar hieß es: "Bei aktuell über 105 Dollar würde ich nicht mehr auf steigende Ölpreise setzen. Denn in Wirklichkeit haben wir mehr Öl als genug. Die IEA prognostiziert einen Produktionszuwachs von 1,4 Millionen Barrel pro Tag - der Verbrauch wird aber lediglich um 1,3 Millionen Barrel zunehmen. Je mehr Trader auf den Zug aufspringen, desto vorsichtiger sollte man werden. Viel mehr als 3 bis 4 Dollar gebe ich dem Ölpreis nicht nach oben".

Open in new window

WTI 12 Monate


Tatsächlich erreichte der US-Ölpreis WTI am 29. Februar das vorläufige Zwischenhoch bei 110,55 Dollar und notiert aktuell um die 100-Dollar-Marke. Die für den Weltmarkt maßgebliche Ölsorte Nordsee-Brent erreichte am gleichen Tag mit 128,40 Dollar ebenfalls einen Höchststand und notiert aktuell um 120 Dollar. Der Spread zwischen WTI und BrentOilbelief sich in den letzten neun Jahren auf durchschnittlich 1,33 Dollar. Womit erklärt sich diese beispiellose Marktverzerrung?

Open in new window

Brent 12 Monate


Ölmarkt gerät aus den Fugen!

Um den drastischen Preisunterschied zwischen WTI und Brent zu erklären, genügt ein Blick auf die Lagerbestände: Zum Monatsende haben die Ölvorräte in den USA um 9 Millionen auf 362 Millionen Barrel zugelegt - das entspricht dem höchsten Anstieg in 11 Jahren. Die US-Öllager sind so voll wie seit 9 Monaten nicht mehr. In Europa ist das Gegenteil der Fall: Derzeit befinden sich unsere Ölvorräte auf dem tiefsten Niveau seit 15 Jahren.


"Ölschwemme" in Cushing!

Die USA sind so unabhängig von Ölimporten wie seit 10 Jahren nicht mehr. Im letzten Jahr stieg die US-Ölproduktion auf 5,65 Millionen Barrel pro Tag. Das Analystenhaus Raymond James geht davon aus, dass der Ausstoß bis 2015 um weitere 61 Prozent auf 9,1 Millionen Barrel pro Tag zunehmen wird. Das wäre die höchste Ölförderung in den USA seit 1970. Die Stadt Cushing, Oklahoma, ist Lieferpunkt für WTI-Terminkontrakte und wird durch die boomende Schieferölproduktion sintflutartig im Öl "ertränkt". Das Problem: Die Ölinfrastruktur in den USA kann kaum noch mit dem Produktionszuwachs mithalten. Es fehlen geeignete Pipeline- und Raffinerie-Kapazitäten. Öl aus Cushing muss zum Großteil per Eisenbahn durch die Vereinigten Staaten transportiert werden. Dadurch kommt es auch im heimischen Markt zu einer Preisverzerrung mit unterschiedlich hohen Spritpreisen.


Neue Pipelines schaffen Abhilfe!

Das kanadische Unternehmen Enbridge (ENB) und das US-Unternehmen Enterprise Product Partners (EPD) wollen den Engpass mit dem Ausbau der Seaway-Pipeline lösen. Voraussichtlich ab Juni soll die Pipeline freigegeben werden und Öl fließen. Dann haben Ölproduzenten aus Kanada und North Dakota direkten Zugang zu den Raffinerien an der Golfküste. Mit Investitionen über 2,8 Milliarden Dollar soll die Kapazität bis Mitte 2014 auf 850.000 Barrel Öl pro Tag erweitert werden.

Der Konkurrent TransCanada(TRP) beginnt ebenfalls im Juni mit der Ergänzung und Erweiterung Keystone XL der bereits bestehenden Keystone Pipeline über 2.700 Kilometer von Cushing bis zur Golfküste. Die umstrittene nördliche Verlängerung von den Ölsandprojekten im kanadischen Alberta bis Oklahoma wurde von Obama kürzlich gestoppt. Stattdessen wird der Betreiber eine alternative Route wählen.


Goldman Sachs: Differenz wird kleiner!

David Greely, Chef des Energie-Researchs bei Goldman Sachs, ist sich sicher, dass die Preisdifferenz zwischen Crude und WTI schrumpfen wird. "Wenn das Öl durch die Seaway-Pipeline fließt, erwarten wir, dass der WTI-Preis eng an den Brent-Preis gebunden sein wird, mit WTI wahrscheinlich handelnd zu 3 bis 5 Dollar Discount". Und weiter: "Das Chance-Risiko-Verhältnis über die nächsten Monate favorisiert eine Long-Position in WTI-Kontrakten aufgrund der Inbetriebnahme der Seaway-Pipeline. WTI wird in sechs Monaten bei rund 115 Dollar pro Barrel notieren und heute in einem Jahr bei 123,5 Dollar. Die Nordsee-Sorte Brent wird bei um die 120 Dollar in sechs Monaten stehen und noch in 2012 das Jahreshoch von 127,5 Dollar hinter sich lassen.




Bewerten 
A A A
PDF Versenden Drucken

Für den Inhalt des Beitrages ist allein der Autor verantwortlich bzw. die aufgeführte Quelle. Bild- oder Filmrechte liegen beim Autor/Quelle bzw. bei der vom ihm benannten Quelle. Bei Übersetzungen können Fehler nicht ausgeschlossen werden. Der vertretene Standpunkt eines Autors spiegelt generell nicht die Meinung des Webseiten-Betreibers wieder. Mittels der Veröffentlichung will dieser lediglich ein pluralistisches Meinungsbild darstellen. Direkte oder indirekte Aussagen in einem Beitrag stellen keinerlei Aufforderung zum Kauf-/Verkauf von Wertpapieren dar. Wir wehren uns gegen jede Form von Hass, Diskriminierung und Verletzung der Menschenwürde. Beachten Sie bitte auch unsere AGB/Disclaimer!




Alle Angaben ohne Gewähr! Copyright © by GoldSeiten.de 1999-2019.
Die Reproduktion, Modifikation oder Verwendung der Inhalte ganz oder teilweise ohne schriftliche Genehmigung ist untersagt!

"Wir weisen Sie ausdrücklich auf unser virtuelles Hausrecht hin!"