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Interview: Der Zukunftsforscher Gerald Celente (Teil 2/2)

11.07.2014
Den ersten Teil können sie hier lesen ...


Daily Bell: Daily Bell: Wann ist der Punkt gekommen, an dem das kippt? Gibt es den?

Gerald Celente: Ich glaub nicht, dass es den in den Vereinigten Staaten geben wird. Auch hier muss ich wieder sagen, dass ein paar meiner Prognosen falsch waren: Ich dachte, die Leute würden schon längst auf der Straße sein. Das lag auch an einer bestimmten Betrachtungsweise - wenn man an die Große Depression zurückdenkt, dann gab es Hunger und Schlangen vor den Suppenküchen.

Wissen Sie, warum es die heute nicht gibt? Lebensmittelmarken. Das hält die Leute heute von der Straße fern. Nicht nur Lebensmittelmarken - die Leute können sich ja jeden Mist kaufen, den sie wollen. Schauen Sie sich die Fotos armer Menschen in den 1930ern an, und dann schauen Sie sich die Leute von heute an. Heute sind die Armen auch die Fettleibigsten - immer mit der Ausrede, dass das schlechte Essen auch das billige ist. Vergleichen Sie das mit damals - Reis und Bohnen.

Das ist natürlich ein Haufen Quatsch. Es stimmt überhaupt nicht. Natürlich sprechen wir hier von ganz unterschiedlichen Ebenen und die Vergleiche hinken. In den Vereinigten Staaten werden mehr rezeptpflichtige Medikamente und antipsychotische Präparate verwendet als irgendwo sonst auf dieser Welt, wir sind zudem die fettleibigste Nation überhaupt: Wir sind also ganz aus dem Häuschen, kommen aber nicht mehr auf die eigenen Füße. Hier wird es also keine Revolution geben.

Und wer rausgeht und kämpft, den legt die Polente dann ordentlich zusammen. Denken Sie nur an die Frau, die jetzt im Gefängnis ihre Haft absitzt, Cecily McMillan, sie stieß einem Polizisten den Ellenbogen ins Auge, und jetzt sitzt sie - mit einem dreiwöchigen Prozess.

Wer in Amerika aus der Reihe tanzt, geht in den Knast. Wer aber richtig aus der Reihe tanzt, den töten sie mit einem Drohnenangriff, weil das Oberste Verfassungsgericht entschieden hat, dass es für El Presidente of the United States rechtens ist, verdächtigte Terroristen“ auszuschalten - wohlgemerkt ‘verdächtigte‘.

Man ist nicht angeklagt, man kommt vor kein Gericht und man wird wegen nichts verurteilt. Man kann einfach getötet werden. 'Habeas corpus‘ hat in den Gesetzesschriften keinen Bedeutung mehr. Selbst die Magna Carta ist in unserem Land durch - ganz zu schweigen von der Constitution und den Bill of Rights. Es wird wohl keine Revolten in den Vereinigten Staaten geben, ich glaube es nicht.


Daily Bell: Daily Bell: In der Frühlingsausgabe schrieben Sie ausführlich über die Revolten und Aufstände in der Welt. Zitat: “Bei allen oberflächlichen Unterschieden verbindet sie vor allem eines: Wenn sie nichts mehr zu verlieren haben, dann verlieren sie den Verstand." Deswegen gibt es also Probleme in Europa und sonst wo - aber eben nicht in den USA??

Gerald Celente: In Europa stehen die Menschen mehr zusammen. In den Vereinigten Staaten sind die Menschen sehr voneinander getrennt. In den Städten wimmelt es zwar vor Menschen, sie sind aber mental sehr voneinander getrennt. In Europa ist das anders - selbst in den Städten, wo es kleine Kieze innerhalb dieser Städte gibt; das gibt es hier nicht. Hier hat man die ausgedehnten Stadtränder.

Und Nummer zwei: In Europa gibt es immer noch eine Art kultureller Einheit - das existiert in den USA vielerorts überhaupt nicht mehr. Wir haben uns zum Nichts zersplittert. Wenn man über Miley Cyrus und Justin Bieber redet und dabei noch das Wort “Popkultur" in dem Mund nimmt - dann hat man ein wunderbares Oxymoron. Da ist nichts Kulturelles mehr in der gesamten amerikanischen Mainstream-Unterhaltungslandschaft. Was ich meine ist: In den Vereinigten Staaten fehlen das Gefüge - der Leim.

Darüber hinaus sind die Menschen in Europa bezüglich Trends besser informiert – inwieweit aktuell Ereignisse zukünftige Trends prägen und schaffen. Und trotzdem fallen sie immer noch auf denselben Quatsch rein. Nur eine Minderheit begehrt auf. In den meisten Ländern folgen die Massen immer noch ihren Führern und glauben die Lügen, mit denen sie gefüttert werden.

Andernfalls gäbe es keine Austeritätsmaßnahmen, es gäbe keine Privatisierungen, es gäbe keine massive Arbeitslosigkeit und es gäbe keine Eurozone, wenn die Menschen nur richtig gegen die multinationalen Unternehmen und Zentralbanker rebellieren würden, die den Staat übernommen haben. Es ist also nur eine kleine Minderheit.

Bei den letzten Wahlen gab es für diese eigentlich nur zwei Erfolge - die United Kingdom Independence Party, UKIP, und Le Pens Partei in Frankreich. Ansonsten schaffte es keine von diesen - auch nicht in Italien. Spanien hat ein paar Randparteien, die jetzt wieder hochkommen, ihre Anschauungen und Ziele sind aber so radikal, dass ich sie mir nicht als große Parteien vorstellen kann.

Aber ich denke aber nicht, dass solche Bewegungen in Europa verstummen werden, weil es ja mit Blick auf die Wirtschaftsdaten - und es kommen ja, wie gesagt, bald neue Daten - trotz aller Billionen-Stimuli und Niedrigstzinsen kein Erholung gibt. Die Arbeitslosenquoten werden meiner Meinung nach hoch bleiben - und somit auch der Ärger und die Frustration.

Wenn Menschen ohne Arbeit sind und hungrig, dann werden sie rebellieren und damit nicht aufhören. Unter den vielen Jugendlichen herrscht nun auch noch eine astronomisch hohe Arbeitslosigkeit. Sie stecken voller Testosteron, sie sind wütend und sie sehen keine Zukunft - genau das sind diejenigen, die man immer öfter in den Straßen sehen wird.

Aber man sollte auch die Älteren nicht vergessen - ob nun in der Ukraine, Italien, Spanien, Portugal oder Irland, viele ältere Menschen beteiligen sich hier. Viele von ihnen haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben und das Ende zeichnet sich ab, selbst haben sie aber nichts, um bis zum letzten Tag zu überbrücken. Es sind also multigenerationelle Probleme.




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