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Verstecken lasche Bilanzierungsregeln die Kapitalzerstörung?

04.11.2014  |  Prof. Antal E. Fekete
Die korrekte Bewertung der Passiven besagt, dass die Schulden eines Unternehmens in der Bilanz zu ihrem Wert bei Fälligkeit oder zum Liquidationswert zu buchen sind, je nachdem, welcher höher ist. Dieser Grundsatz wird jedoch von den gegenwärtigen Rechnungslegungsstandards ignoriert. Dies bedroht die Wirtschaft mit massiver Deflation durch die Zerstörung von Kapital angesichts des nun 30 Jahre anhaltenden Rückgangs der Zinsen, weil die Erhöhung des Liquidationswerts der Schulden ignoriert wird.


Das Dilemma des Buchhalters

Eines der Stücke von George Bernard Shaw, durch den Dramatiker selbst als "stossend" bezeichnet, trägt den Titel "Der Arzt am Scheideweg". Der Protagonist, ein Arzt, gerät in Konflikt mit dem Eid des Hippokrates (460-377 v. Chr). Er hat eine neue Behandlung für eine tödliche Krankheit entwickelt, aber die Zahl der an der Behandlung interessierten Probanden übersteigt die Anzahl der Betten in seiner Klinik. Ohne es zu wollen, findet sich der Arzt in der Rolle Gottes wieder, da er entscheidet, wer leben und wer sterben soll.

Aus dem gleichen Grund könnte Shaw ein weiteres "sehr stossendes" Stück mit dem Titel "Das Dilemma des Buchhalters" geschrieben haben. Der Protagonist, ein Buchhalter, befindet sich im Konflikt mit dem Buchstaben und dem Geist der Buchführung von Luca Pacioli (1450-1509). Indem der Buchhalter die hohen Standards des Berufsstandes durchlöchert, wird er zum Zerstörer der westlichen Zivilisation.


Eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes

Luca Pacioli lehrte Mathematik an allen bekannten Universitäten des Quattrocento (unter anderem in Perugia, Neapel, Mailand, Florenz, Rom und Venedig). Im Jahre 1494 veröffentlichte er seine Summa Arithmetica. Das Traktat Nr. 11 ist ein Lehrbuch über die Buchhaltung. Der Autor zeigt, dass die Aktiva und Passiva eines Unternehmens sich immer ausgleichen, vorausgesetzt, ein neues Element wird in die Spalte eingefügt, das durch nachfolgende Autoren "Kapital", "Nettowert" oder "Goodwill" genannt wird. Diese Innovation erlaubt es, das Hauptbuch am Ende eines jeden Geschäftstages zu überprüfen und festzustellen, ob die Summen der Vermögenswerte abzüglich der Verbindlichkeiten sich aufheben. Wenn nicht, muss es sich um einen Rechnungs- oder Buchungsfehler handeln.

Aber was Pacioli entdeckte, war etwas viel wichtigeres als die Methode, Rechnungsfehler aufzudecken. Es war die Erfindung von dem, was wir heute als doppelte Buchführung bezeichnen und was Gothe in seinem Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" als "eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes" bezeichnete.

Warum war diese Entdeckung so wichtig für die Geschichte der westlichen Zivilisation? Zum ersten Mal überhaupt war es nun möglich, Eigenkapital mit Präzision zu berechnen und zu überprüfen. Dies ist bei der Gründung und Führung einer Aktiengesellschaft unverzichtbar. Ohne diese Innovation könnten neue Aktionäre nicht an Bord kommen und die alten nicht sicher aussteigen. Es gäbe keine Aktienmärkte. Die Volkswirtschaft würde aus einem Konglomerat von Heimarbeit bestehen und wäre nicht in der Lage, Grossprojekte zu finanzieren wie beispielsweise den Bau einer transkontinentalen Eisenbahn oder die Gründung einer internationalen Reederei.

Die Erfindung der Bilanz bedeutete für das Management derselbe Durchbruch wie die Erfindung des Kompasses für die Navigation auf hoher See: Seeleute brauchten nicht mehr auf klaren Himmel zu warten, um die richtige Route zu halten. Der Kompass ermöglichte es, auch bei bewölktem Himmel mit der gleichen Sicherheit zu segeln. Ebenso mussten Manager nicht mehr auf risikofreie Möglichkeiten warten, um die Rentabilität ihres Unternehmens zu sichern. Die Bilanz zeigte ihnen, welche Risiken tragbar waren und welche nicht.

Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass die gegenwärtige industrielle Struktur der westlichen Zivilisation auf dem Eckpfeiler der doppelten Buchführung beruht. Die Zivilisationen im fernen Osten (China) und dem Mittleren Osten (Osmanisches Reich) würden uns überholt haben, hätten sie die doppelte Buchführung früher entdeckt. Aus dem gleichen Grund hängt auch die Führungsrolle des Westens davon ab, ob diese Buchführungsstandards auch weiterhin befolgt und von politischen Einflüssen isoliert werden können.


Barbarisches Relikt oder Werkzeug für das Rechnungswesen?

In dieser Hinsicht gibt es jedoch Anlass zur Sorge. Während der vergangenen 75 Jahren hat der Westen die Propagandalinie vertreten, die John Maynard Keynes zugeschrieben wird, nämlich, dass der Goldstandard ein "barbarisches Relikt" sei - reif, verworfen zu werden. Die unangenehme Wahrheit jedoch, welche diese Propagandisten "vergassen" zu betrachten, besteht darin, dass der Goldstandard nur für eine ordnungsgemässe Buchführung und für moralische Prinzipien steht.

Es ist ein Frühwarnsystem, welche die Erosion von Kapital anzeigt. Es war nicht der Goldstandard an sich, den Politiker und Abenteurer stürzen wollten. Sie wollten bestimmte Prinzipien der Rechnungslegung und der Moral über Bord werfen, die für Banken galten, da sie ihrem Machtstreben und dessen Erhaltung im Wege standen. Historisch gesehen wurden die Prinzipien der Rechnungslegung und der Moral verworfen, noch bevor man dem Goldstandard den Gnadenstoss versetzte.

Der Angriff auf gesunde Rechnungslegungsstandards und auf den Goldstandard wurde im Jahr 1913 durch die Gründung der Federal Reserve System (FED) in den USA eingeleitet, dem Hauptmotor der Monetisierung der Staatsverschuldung. Wie jedoch die Monetisierung von Staatsanleihen zu einer bis dahin unbekannten und undenkbaren Korruption der Rechnungslegungsstandards geführt hatte - das ist eine Frage, die noch nie von unabhängiger Stelle untersucht worden ist.




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