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Interview mit Gerald Celente: Freiheitsrechte, Freihandel, Frieden und Krieg

09.01.2015  |  Presse anonym
Daily Bell: Freut mich, dass Sie im Trubel der Feiertage Zeit für dieses Interview finden. Wir wollen über die Top-Trend für 2015 reden. Sie bringen das Wort “Bankismus“ an und schreiben, dass das Weltwirtschaftssystem bald vom “Bankismus“ beherrscht ist. Was meinen Sie damit?

Gerald Celente: Eigentlich ziemlich klar, was es ist, denn Kapitalismus gibt es ja nicht mehr. Kapitalismus bedeutet, dass es Too-Big-To-Fail nicht geben kann, und die, die zu groß sind, um Pleite zu gehen, sind nun einmal die Banken. Die Banken schmeißen den Laden, nicht nur hier in den Vereinigten Staaten, Sie können sich jedes andere Land nehmen.

Anfang Dezember war zum Beispiel zu beobachten, wie der Dow wegtrudelte, zum Jahresende markierte er dann aber wieder neue Hochs. Und warum war das so? Weil die Zentralbank, die Federal Reserve, erklärte, dass die Zinssätze niedrig bleiben werden. Die Zentralbank benutzte den Ausdruck "geduldig”. Geduld haben also! Schließlich wurden die Zinssätze seit 2006 nicht mehr angehoben.

Das heißt, die Banken kontrollieren die Weltwirtschaft; nicht nur in den USA, man schaue nur rüber zur EZB, dort wird dasselbe Spiel gespielt. Dort gibt es negative Zinsen. Was genau wurde gemacht? Erst gab es in den Staaten eine Runde quantitativer Lockerungen und 2015 werden wir sehen, dass die Europäische Zentralbank nicht nur Staatsanleihen aufkaufen möchte, sondern höchstwahrscheinlich auch Unternehmensanleihen.

Die Banken haben die Herrschaft. Übrigens: In den meisten US-Präsidentschaftswahlkämpfen des 19. Jahrhunderts ging es auch darum, das Aufkommen einer Zentralbank zu verhindern, die das Geldangebot und die Geldschöpfung kontrolliert; aber natürlich bekamen wir dann Anfang des 20. Jh. unsere schöne Privatbank, die Federal Reserve.

Also: Kapitalismus wurde durch Bankismus ersetzt. Wenn man eine Bank ist, gibt es keine natürliche Unternehmensentwicklung, also auch keinen Einbruch. Die Banken sind an der Macht. Wie gesagt: Vier Worte haben es kaputtgemacht: too big to fail. Nomi Prins wird für uns einen Beitrag zum Thema schreiben; sie hat auch das wunderbare, sehr aufschlussreiche und wissenschaftliche Buch “All the President‘s Bankers“ geschrieben. Das soll nur eine kleine Vorschau auf die Themenvielfalt sein, die das Trend Journal zu bieten hat.


Daily Bell: Reden wir über einen anderen Trend - einen, bei dem es um Inflation und Deflation geht. Habe ich Recht, dass Sie für das Jahr 2015 einen deflationären Trend vorhersehen?

Gerald Celente: Ich bin nie Verfechter der Ansicht gewesen, dass Dollar-Schöpfung Inflation erzeugen werde, weil hier noch andere Trends, mit denen wir uns beschäftigen, hineinspielen - und das sind Preiskriege. Wir sehen, wie die Preise für Öl und Erdgas weiter sinken. 2014 haben diese Märkte schwere Verluste hinnehmen müssen. Es ist mehr eine Frage des Angebots als der Nachfrage - zu viel Angebot und eine sinkende Nachfrage. Das sehen wir nicht nur beim Öl, auch beim Getreide, ebenso beim Kupfer. In China kann man eine Tonne Betonstahl inzwischen billiger kaufen als eine Tonne Kohl.

Wenn man aber zufällig Russe ist und mit Rubel bezahlt, dann muss man schnell das Doppelte hinlegen. Aber nicht etwa, weil die Preise gestiegen wären, in Wirklichkeit sinkt der Preis ja. Sondern weil die eigene Währung entwertet wurde. So etwas werden wir noch häufiger sehen - nicht Inflation aufgrund von Angebot und Nachfrage, sondern Inflation wegen Währungsabwertung.

Niemand könnte aktuell ein klareres Bild davon haben als die Russen. Würde man in den Staaten oder Kanada leben und in Rubel bezahlt werden, hätte man eben mal eine Einkommenshalbierung miterlebt. Der Produktpreis ist eigentlich gar nicht stark gestiegen. In einigen Bereichen sind die Produktpreise sogar gefallen, Sie als Käufer müssen aber in Rubel bezahlen. Eine Produktpreisdeflation mit gleichzeitiger Kosteninflation aufgrund sinkender Einkommen und nachgebender Währungen.


Daily Bell: Wird diese Preisdeflation zum Teil auch künstlich erzeugt, wie zum Beispiel beim Saudi-arabischen Öl? Kennen Sie noch andere, ähnliche gelagerte Situationen?

Gerald Celente: Ich halte das nicht für künstlich. Wirklich nicht. Wie gesagt, wenn man sich die Rohstoffpreise anschaut, sieht man, dass viele Märkte aufgrund der Nachfrage 5-Jahre-Tiefs markiert haben. Wenn die Amerikaner und die Europäer weniger Sachen kaufen, stellen China, Indonesien, Vietnam, Bangladesch - alle Billiglohnländer - auch keine Sachen mehr her. Wenn sie keine Sachen mehr herstellen, dann exportieren Kanada, Indien, Chile, Brasilien - rohstoffreiche Länder - dorthin weniger wegen sinkender Nachfrage nach ihrem Produkt. Das treibt die Rohstoffpreise nach unten, und der Grund ist die Nachfrage.

Also sind die billigen Ölpreise für mich nicht das Ergebnis saudischer Manipulation. Aber vielleicht wollen die Saudis den Preis so niedrig haben, um die Konkurrenz loszuwerden? Sie sollen es sogar selbst gesagt haben. Aber wäre das eine realistische Strategie? Ich weiß nicht. Ich weiß aber, dass Rio Tinto in Australien immer mehr Eisenerz produziert und verkauft, um die an der Kostengrenze operierenden Akteure, also ihre Konkurrenz, aus dem Markt zu werfen. Kann das aber langfristig funktionieren? Das bezweifle ich. Ich denke, dass es letztendlich allen schaden wird. Für mich ist das, was die Saudis machen, aber keine Verschwörung. Für mich ist es eine unüberlegte Strategie.



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