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Europa: Deutsche Tugenden vs. Griechische Laster, vom Null zu Negativ, Überschuss- und Defizitländer, Euro-Goldstandard? (Teil 1/2)

22.04.2015  |  Michael Shedlock
- Seite 2 -
Nationalistische Träume

Europäische Nationalisten haben uns mit Erfolg, und gegen alle Logik, davon überzeugt, dass die europäische Krise ein Konflikt zwischen Nationen sei und nicht zwischen Wirtschaftssektoren.

Obgleich Verzerrungen der Sparquoten das eigentlich fundamentale Thema der europäischen Krise sind, scheint kaum ein Analyst, wenn überhaupt einer, begriffen zu haben, warum das so ist. Bislang begreifen erschreckend viele Europäer die Krise hauptsächlich vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Wesenszüge, Fragen ökonomischer Tugendhaftigkeit sowie als moralischen Kampf zwischen Besonnenheit und Verantwortungslosigkeit.

Auch wenn sich diese Lesart intuitiv aufdrängen mag, so ist sie doch fast vollständig unzutreffend. Und da es bei den Kosten der Rettung Europas eben um Schuldenerlasse geht, muss sich Europa entscheiden, ob diese Kosten es wert sind (meiner Meinung nach sind sie es).

Doch solange die europäische Krise als Kampf zwischen verantwortungsvollen und verantwortungslosen Ländern betrachtet wird, ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Europäer gewillt sein werden, diese Kosten zu tragen.“



Verzerrung der Sparquoten

“Im Zeitraum von 2000-04 fuhr Spanien stabile Handelsbilanzdefizite von ca. 3-4% des BIPs ein, das war mehr oder weniger das Doppelte der Defizite der vergangenen Dekade. Nach einem Jahrzehnt mit Handelsbilanzdefiziten von knapp 1% des BIP startete Deutschland mit leicht erhöhten Defiziten in das neue Jahrhundert. Bis 2002 war der Ausgleich auf 0% erreicht und in den nächsten 2 Jahren wurden dann stabile Überschüsse im Bereich von 2% erreicht.

2005 änderte sich dann alles. Deutschlands Handelsbilanzüberschüsse stiegen sprunghaft auf 5% des BIP an und pegelten sich in den nächsten vier Jahren bei durchschnittlich 6% ein. Das Gegenteil passierte in Spanien. Zwischen 2005 und 2009 kam es zu einer ungefähren Verdoppelung des Handelsbilanzdefizits gemessen an den Ständen der fünf vorhergehenden Jahre, in denen es im Durchschnitt zwischen 3-4% lag.

Die Zahlen lassen sich natürlich nicht direkt vergleichen. Doch während dieser vier Jahre absorbierte Spanien Kapitalzuflüsse, die über der normalen Zuflussquote lagen - so zum Beispiel erstaunliche 21-22% des BIP im Zeitraum zwischen 2005 und 2009 oder aber 31-32% des BIP im Zeitraum zwischen 2000 bis 2009.

Aber nicht nur Spanien. Im genannten Zeitraum 2005-09 erlebten einige der peripheren Staaten der Europäischen Union ähnlich starke Nettokapitalzuflüsse.

Im Prinzip ist es nicht offensichtlich, in welcher Abfolge sich Kapitalbilanzzuflüsse und Handelsbilanzdefizite kausal bedingten (aufgerechnet müssen beide immer null ergeben).

Anders ausgedrückt: Deutsches Geld könnte in diese Länder “gedrückt“ (push) worden sein, wie es aus dem “alles Deutschlands Schuld“-Lager heißt. Es könnte aber auch dort hinein “gezogen“ (pull) worden sein, um die Ausgabeorgien in diesen Länder zu finanzieren, so das “alle anderen, aber nicht Deutschland“-Lager.

Wer lieber mit präziseren Begriffen umgeht: Deutschland hat den Einbruch der spanischen Sparquote im Vergleich zu den spanischen Investitionen entweder herbeigeführt oder aber durch günstige Umstände befördert.

Würde das Letztere zutreffen, dann wäre es zumindest ein erstaunlicher Zufall, dass sich so viele Länder exakt zur selben Zeit zu Kauforgien hinreißen ließen.



Push vs. Pull

Meiner Meinung nach können wir dieses Thema auch aus einer anderen Perspektive betrachten. Um Kredit anzuziehen, erhöht man den Zinssatz. Um Kredit zu “drücken“, senkt man die Zinssätze.

Betrachtet man die Push-Pull-Kontroverse aus der Perspektive der Zinssätze, dürfte das Lager, das die Schuld bei Deutschland sehen möchte, das bessere Argument haben.


Argumente gegen Schuldenerlass

Pettis führt eine Reihe häufig benutzter Argumente an, die gegen Schuldenerlass sprechen.

Die Argumente lassen sich auf ein paar zentrale Überzeugungen herunterbrechen. Die meisten von Ihnen werden die eine oder andere schon gehört haben.

1. Das deutsche Volk versorgte Spanien mit realen, hartverdienten Ressourcen, die die Spanier falsch verwendeten. Es ist weder fair noch ehrenhaft, dass Spanien das deutsche Volk für dessen Großzügigkeit bestraft. Der Erlass von Schulden wäre auch für andere ein Anreiz das Falsche zu tun - also ein Moral Hazard.

2. Spanien hatte die Wahl gehabt. Es hat sich aber dafür entschieden, das Geld schamlos für Frivolitäten und wertlose Investmentprojekte auszugeben. Hätte sich Spanien mehr wie Deutschland verhalten und exzessiven Konsum gescheut (eine Konsequenz einer nationalen Charakterschwäche) - dann hätte es nicht unter den spekulativen Aktien- und Immobilienmarktblasen zu leiden. Leider müssen auch normale Spanier unter der Eigennützigkeit und Korruptheit ihrer Führung leiden, doch letztendlich trägt Spanien dafür die Verantwortung.



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