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Warum wir uns auf mehr Inflation einrichten sollten

24.05.2015  |  Manfred Gburek
Der Euro zeigt seit einigen Tagen wieder eine bemerkenswerte Schwäche. Sie tritt mit Unterbrechungen bekanntlich schon monatelang auf. Ihre Ursache ist eher struktureller als konjunktureller Natur. Denn während die Wirtschaftsleistung im Euroraum seit Beginn der Gemeinschaftswährung nur um 20 Prozent zugelegt hat, ist die Geldmenge in derselben Zeit um gut 130 Prozent gestiegen. Dadurch erklärt sich unter anderem auch, warum zuletzt die Kurse der Bundesanleihen eingebrochen sind. Das Vertrauen in den Euro schwindet halt dahin. Während der kommenden Monate werden wir mehr davon erleben, weil die Inflation in Deutschland wie auch im gesamten Euroraum anziehen wird.

Solange Geld allgemein akzeptiert wird und nicht gerade mit hoher Umlaufgeschwindigkeit von einem Besitzer zum nächsten wechselt, herrscht die sogenannte Geldillusion vor. In dieser Zeit neigen die Menschen dazu, alle Werte nach dem Nominalprinzip einzustufen. Doch irgendwann ist Schluss mit dem Denken in nominalen Kategorien, und die Geldillusion schwindet. Dumm nur, dass man den Zeitpunkt, zu dem das geschieht, nicht vorhersehen kann. So kommt es dann zu Ereignissen wie dem jüngsten Anleihencrash. Am Ende einer solchen Entwicklung kam es in den vergangenen Jahrhunderten übrigens häufiger zur Goldillusion. Das bedeutet im Kern, dass nur Gold als wahres Geld akzeptiert wurde.

Jetzt ist die Zeit reif, um sich Gedanken zum immer näher kommenden Ende der Geldillusion zu machen. Um das Thema griffiger zu gestalten, habe ich es an der Inflation aufgehängt. Dazu gleich die entscheidende Passage aus meinem neuen Ebook mit dem Titel "Von der Kunst finanziell zu überleben". Mehr zum Buch über den folgenden Link: https://www.epubli.de/shop/buch/45597

Definieren wir Inflation der Einfachheit halber als Aufblähung. Dann drängt sich die Frage auf, was aufgebläht wird. Machen wir es uns wieder einfach und behaupten wir: die Geldmenge. Zweifellos steigt und steigt sie: in den USA nachweisbar schon seit fast drei Jahrzehnten, in der Eurozone zwar noch nicht so lange, aber zuletzt erheblich beschleunigt, anderswo auf der ganzen Welt ebenfalls. Doch wie kann es sein, dass die offizielle Inflationsrate vorübergehend ins Minus gerutscht ist?

Die Antwort überlasse ich dem amerikanischen Professor Martin Feldstein, weil er sie in einem Beitrag für die Wirtschaftswoche präzise wie folgt gegeben hat: „Um dies zu verstehen, muss man unterscheiden zwischen der Geldmenge, die die Zentralbank in das Bankensystem pumpt, und der Geldmenge, die sich im Besitz der Nichtbanken befindet. Letztere ist die für die Inflation relevante Geldmenge. Sie setzt sich aus dem Bargeld und den Einlagen der Unternehmen und der privaten Haushalte bei den Geschäftsbanken zusammen.“

Nichtbanken, das klingt nach nichts, doch in Wahrheit verbirgt sich dahinter ganz viel. Denn zu den Nichtbanken gehören über Unternehmen und private Haushalte hinaus ja auch all die Spekulanten, die dank rasant gefallener Zinsen die Anleihenkurse in die Höhe getrieben haben, dazu gehören die Käufer von Aktien, die den Dax hoch hinaus über 12.000 Punkte gejagt haben, und spekulative Investoren, die für die Aufblähung der Immobilienpreise verantwortlich sind - trotz überzogener Grunderwerbsteuer und trotz Mietpreisbremse. Das alles nennt man Asset Inflation; Asset bedeutet Vermögen, Asset Inflation folglich Aufblähung von Vermögenswerten.

Die EZB bleibt ihrer lockeren Geldpolitik ebenso treu wie die Fed in den USA (obwohl diese oft so tut, als wolle sie bald davon Abstand nehmen). Beide haben ein Inflationsziel ausgegeben, hüben etwas unter, drüben glatt 2 Prozent. Was das soll? Die Antworten der Geldpolitiker fallen vage aus. Warum, liegt auf der Hand: Weil sie wissen, dass die Inflation, sobald sie in Gang kommt, nicht so einfach bei 2 Prozent zu stoppen sein wird.

Es handelt sich ja um einen dynamischen Prozess: Der schleichenden folgt die trabende Inflation (etwa um 5 Prozent), der trabenden die galoppierende Inflation (zweistellig). Sind 2 Prozent erst einmal erreicht, steigen neben der Inflationsrate auch die Inflationserwartungen. Die Menschen besinnen sich der gefühlten Inflation, die im Gegensatz zur kollektiven Inflation von einem individuellen Warenkorb ausgeht und allemal höher ist.

Im kollektiven deutschen Warenkorb bildet alles rund ums Haus (Miete und Nebenkosten) mit derzeit 31,7 Prozent das Schwergewicht. Mit großem Abstand und 13,5 Prozent folgt der Verkehr, mit 11,5 Prozent Freizeit/Kultur/Unterhaltung und mit 10,3 Prozent kommen erst an vierter Stelle Nahrungsmittel einschließlich alkoholfreier Getränke.

Bekanntlich beschloss der EZB-Rat in diesem Jahr mehrheitlich eine Geldschwemme, die sich noch einmal verstärkt preistreibend auf Aktien und Immobilien ausgewirkt hat; sogar Anleihen sind weiterhin begünstigt gewesen, und das trotz mickriger Renditen. Unter der Geldschwemme hat der Euro im Vergleich zum Dollar, aber auch zu manch anderen Währungen stark gelitten. Daraus kann sich die importierte Inflation entwickeln, weil die Euro-Kaufkraft durch die Abwertung abgenommen hat.

Fallen obendrein die preisdämpfenden Effekte der Globalisierung weg, lohnt sich also zum Beispiel die Produktion in China für deutsche Unternehmen nicht mehr so wie in den vergangenen Jahren, kann die Inflation schneller in die Eurozone und besonders auch nach Deutschland zurückkommen als allgemein erwartet.

Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die man in ähnlicher Art über Jahrhunderte zurückverfolgen kann und die geradezu etwas Zwanghaftes an sich hat: Staaten als die größten Schuldner verschulden sich so hoch, dass ihnen die Entschuldung mit stabilem Geld eines Tages nicht mehr möglich ist. Folglich sorgen sie in trauter Eintracht mit ihren Zentralbanken durch Inflation für weniger stabiles Geld. Damit können sie sich dann entschulden. Die Dummen sind ihre Gläubiger, also etwa die Besitzer von nicht inflationsgeschützten Staatsanleihen. Je länger deren Laufzeit ist, desto gefährlicher werden sie für Anleger. Das Ganze heißt finanzielle Repression.

Ein Phänomen, das hier eine wichtige Rolle spielt, ist die Asymmetrie zwischen Inflation und Deflation. Damit ist der folgende Zusammenhang gemeint: Steigt die Inflationsrate, sind Schuldner die Gewinner, Gläubiger die Verlierer. Kommt es dagegen zur Deflation, sind Gläubiger zwar die Gewinner, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Schuldner nicht pleite gehen. Pleiten sind indes bei Deflation an der Tagesordnung.

Warum nicht allein der Internationale Währungsfonds vor Deflation warnt, sondern auch eine ganze Phalanx von angelsächsisch angehauchten Professoren, wird erst verständlich, wenn man sich vorstellt, ein Staat müsste seine Schulden mit deflationiertem Geld abtragen, also real mehr Schulden zurückzahlen, als er aufgenommen hat. Allein die staatlichen Hoheitsrechte sprechen dagegen, dass so etwas je geschehen kann. Daraus lässt sich schließen, dass die nächste Inflationswelle so gut wie programmiert ist. Lediglich der Zeithorizont steht noch nicht fest. Irgendwann noch in diesem Jahrzehnt, das ist bestimmt eine Wette wert.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu

Herr Gburek ist Fachjournalist und Buchautor. Seine letzten Werke waren: Außer diversen Börsenbüchern schrieb er: "Das Goldbuch", das Wörterbuch "Geld und Gold klipp und klar von A bis Z", "Die 382 dümmsten Sprüche der Banker" und zuletzt das Ebook "Ach du liebes Geld!".



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