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Der Drache und das Dorf

05.07.2015  |  Gary E. Christenson
Das ist eine Kurzgeschichte. Ich schreibe sie nicht ohne Grund. Sehen Sie selbst.

Vor langer Zeit in einem weit, weit entfernten Land gab es ein Dorf, das gelegentlich von Banditen überfallen wurde, die Lebensmittel, Schmuck und Frauen stahlen. Die Dorfbewohner waren natürlich wütend, aber sie konnten wenig tun, um sich zu schützen.

Eines Tages landete ein großer und furchterregender Drache auf dem Dorfplatz. Nach Verhandlungen mit dem Bürgermeister erklärte der Drache sich bereit das Dorf zu schützen, im Austausch gegen Nahrung.

Ein Jahr verging und das Dorf blieb von weiteren Angriffen verschont. Die Bewohner fühlten sich sicherer und verstanden, dass alle vor dem Drachen Angst hatten. Vor seinen scharfen Klauen und dem Feuer, das er aus seinem Maul speien konnte, um jeden in Brand zu stecken, der es wagte, ihn oder das Dorf zu bedrohen.

Die Bewohner genossen ihre neue Sicherheit, stellten aber fest, dass der Drache sehr viel fraß.

Nach fünf Jahren war das Dorf noch immer sicher, aber es waren einige Probleme aufgetaucht.

  • Der Dorfrat hatte enorme Geldsummen geliehen, um das Futter für den Drachen zu bezahlen und erhob daher Steuern. Das verärgerte die Bewohner, doch ihnen wurde gesagt, der Drache und Steuern erhöhten ihre Sicherheit. Nicht alle glaubten dem Rat.

  • Die Bauern hatten die Preise für die von ihnen produzierten Lebensmittel erhöht, da die Nachfrage durch den Drachen gestiegen war. Die höheren Lebensmittelpreise verärgerten die Dorfbewohner.

  • Das Dorf hatte mehr Arbeiter eingestellt, die nach den unordentlichen und verschwenderischen Fressgelagen des Drachen aufräumten. Es war zwar gut, dass es mehr Arbeitsplätze gab, aber das Dorf musste noch mehr Geld leihen, um die neuen Arbeitskräfte zu bezahlen und das führte zu vielen weiteren Problemen.

  • Weil das Dorf so viel Geld leihen musste, verdreifachten sich die Kapitalkosten. Das schreckte neue Geschäfte ab und machte neue wirtschaftliche Unternehmungen unrentabel. Zwei Märkte mussten schließen.

  • Das Dorf wurde ärmer und der Schuldenberg wuchs. Sogar die Bauern, die dank ihrer Produkte höhere Einnahmen hatten, bemerkten, dass alle ihre Kosten gestiegen waren und es ihnen nicht besser ging als vor der Ankunft des Drachen.

  • Der Lebensstandard der meisten Dorfbewohner war gesunken.

  • Nach einer Dürre und einem teilweisen Ernteausfall verdreifachte sich nicht nur der Preis für Weizen. Auch der Drache bekam nicht genügend Futter, würde übellaunig und verspeiste drei Dorfbewohner. Die Leute beschwerten sich, aber niemand wollte den Drachen verärgern.


Schließlich trafen sich die Bewohner heimlich und trugen ihre Forderungen schließlich dem Dorfrat vor. Sie sagten, der Drache esse mehr, als es der Schutz des Dorfes wert war und wollten ihn loswerden. Sie verlangten vom Bürgermeister, dass er den Drachen wecken gehe und ihn fortschicke. Daraufhin trat dieser sofort zurück und das Dorf blieb für mehrere Jahre ohne amtierenden Bürgermeister.

Das Dorf wurde jedes Jahr ärmer und die Leute begannen, in andere Orte zu ziehen, nachdem ihnen klar geworden war, dass der Drache für immer bleiben würde. Das Dorf verfiel zusehends, in wirtschaftlicher wie in kultureller Hinsicht. Es war längst kein lebendiges, wachsendes Dorf mehr, in dem die Menschen in Sorglosigkeit und relativem Wohlstand leben konnten.

Je mehr sich das Leben im Dorf verschlechterte und je weniger Lebensmittel die Bauern produzierten, desto weniger gab es auch für die Bewohner und den Drachen. Doch der Drache musste gefüttert werden, also opferte man ihm ein paar Unzufriedene und Alte.

Nach zwei weiteren Jahren lebten fast alle Bewohner in Angst davor, dass der Dorfrat zu ihnen kommen und sie dem Drachen zum Fraß vorwerfen würde. Die Menschen flohen aus dem Dorf und nur die Mitglieder des Dorfrates blieben zurück. Sie waren zuversichtlich, dass der Drache sie nicht fressen, sondern beschützen würde.

Sie lagen falsch. Das Dorf starb langsam aus und der Drache verspeiste gegrillte Ratsmitglieder zum Abendbrot. Dann brannte er das Dorf nieder und flog davon, auf der Suche nach einem neuen Dorf, das seinen Schutz brauchte.

Das Dorf wurde vergessen, die Schulden nicht bezahlt und alle Bewohner hatten entweder ihr Leben oder ihr gesamtes Vermögen verloren. Nur der Drache hatte zugenommen und konnte kaum noch fliegen, nachdem er so lange so gut gegessen hatte.

Das Ende.
 

Anmerkungen:

Ich bin nicht drauf eingegangen, für welche Einzelpersonen, Unternehmen, Regierungen oder Kartelle der Drache steht. Mir fallen verschiedene ein. Ihnen mit Sicherheit ebenso.

Ich habe nicht erwähnt, dass der Dorfrat eine Druckerpresse hätte kaufen und mehr Geld drucken können, um das Futter für den Drachen zu bezahlen. Das Dorf wäre dennoch zerstört worden, aber die Bewohner hätten schon eher rebelliert oder das Dorf wegen der gestiegenen Preise und des fehlenden Vertrauens in das neu gedruckte Geld verlassen.

Ich ließ ebenfalls unerwähnt, dass der Drache ein schlechtes Gewissen entwickelte, seinen schädlichen Einfluss auf das Dorf begriff und fortan seine Nahrungsaufnahme reduzierte, denn das ist nicht geschehen. Drachen haben kein Gewissen und sie scheren sich nicht um die Dorfbewohner.

Ich schrieb nicht, dass der Bürgermeister auf dem Dorfplatz besänftigende Reden vor den Bewohnern hielt und sagte, dass es ihnen jetzt besser gehe, und dass er dies mit den Statistiken des Dorfverwalters beweisen könne. Der Bürgermeister wusste, dass dem nicht so war, aber er war dumm und deshalb belog die Menschen.

Ich wies auch nicht darauf hin, dass das Dorf trotz der gelegentlichen Überfälle seit Jahrhunderten überlebt hatte, aber unter dem Schutz des Drachen in weniger als 40 Jahren ausstarb.

Doch dieses Dorf war weit, weit weg und die Geschichte geschah lange bevor die Welt Hochfrequenzhandel, Derivate, expansive Geldpolitik, Ökonomen mit Doktortiteln, Zentralbanken, Papiergeld und karrierebesessene Politiker erfand, die die Geschicke unseres Landes lenken. Vielleicht ist die Geschichte in unserer modernen und hochentwickelten Welt gar nicht mehr von Bedeutung.

Andererseits rate ich Ihnen dazu, sich in entsprechenden Situationen von hungrigen Drachen fernzuhalten.
 

© GE Christenson
aka Deviant Investor

Dieser Artikel wurde am 2. Juli 2015 auf www.deviantinvestor.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.



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