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Was durch die Hintertür auf uns zukommt

11.10.2015  |  Manfred Gburek
Tausende von Anlegern fragen sich, ob wir gerade die Wende des Goldpreises - und damit auch die des Silberpreises - nach oben erleben. Es gibt gute Gründe, die Frage mit ja zu beantworten: vorneweg die alles dominierende internationale Geldschwemme, die von der latenten Schwäche der US-Konjunktur ablenkende Zinsdiskussion, das Beharren der Notenbanken auf dem Ziel der zweiprozentigen Inflation und damit der finanziellen Repression (negativer Realzins, Entschuldung der Staaten mit immer wertloser werdendem Geld), das Durchbrechen einiger (aber noch nicht aller) Abwärts-Trendlinien bei den Edelmetallpreisen und speziell in der Eurozone die Vermischung von Geld- und Fiskalpolitik durch die Hintertür.

Zur Geldschwemme gibt es kaum etwas Neues zu berichten; sie bleibt uns erhalten, in der Eurozone und in Japan ohne Unterbrechung, in den USA mit zwischenzeitlichen Pausen. Derweil lässt die sehr stark vom Konsum abhängige amerikanische Konjunktur zu wünschen übrig. Die Zinsdiskussion ist einfach lächerlich, sie verkommt zum Ritual. Und die finanzielle Repression wird fortgesetzt, obwohl ihr Erfolg noch nicht feststeht.

Die Abwärts-Trendlinien sind im Fokus vieler Trader, auch solcher, die überwiegend fundamentale statt charttechnische Daten verwenden. Das hat einen einleuchtenden Grund: Überspringt der Preis von Gold oder Silber zum Beispiel die traditionell viel verwendete 200-Tage-Linie, werden Kaufsignale ausgelöst, die ihrerseits wiederum zu Preistreibern werden können. Das ist den Computerprogrammen geschuldet, die von Großanlegern eingesetzt werden. Die - auch fundamentalen - Begründungen folgen auf dem Fuß und können dann den gängigen Mainstream-Kommentaren entnommen werden. Sie enthalten überwiegend Blabla.

Geld- und Fiskalpolitik werden zurzeit besonders in der Eurozone gern vermischt. Unter den großen Euroländern machen sich dafür vor allem Italien und Frankreich stark. Letzten Endes entscheidend ist indes EZB-Präsident Mario Draghi mit seinem Tross im Hochhaus an der Frankfurter Sonnemannstraße. Sein Sparringspartner ist Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, und der hat vor gut zwei Wochen in Gütersloh vor dem dortigen Unternehmerverband eine bemerkenswerte Rede gehalten, aus der ich wegen ihrer Brisanz hier einige entscheidende Sätze zitiere:

"Die europäische Geldpolitik ist seit nunmehr sieben Jahren im Ausnahmezustand. Da die Gewinne und Verluste aus diesen Papieren (gemeint sind Staatsanleihen einzelner Krisenländer) zwischen den Notenbanken des Eurosystems geteilt werden, bedeuten diese Käufe ökonomisch nichts anderes als die Einführung von Eurobonds durch die Hintertür. Solche Käufe lassen die Grenze von Geldpolitik und Fiskalpolitik verschwimmen.

Die zahlreichen Rettungs- und Krisenmaßnahmen der vergangenen Jahre haben den Euroraum vorübergehend stabilisiert. Sie haben aber auch faktisch Elemente von Gemeinschaftshaftung etabliert. Sie haben damit das Verhältnis von Haftung und Kontrolle aus dem Gleichgewicht gebracht. Denn es wurden zwar Risiken vergemeinschaftet, entsprechende Kontrollrechte wurden der Gemeinschaft aber nicht übertragen.“

Können Sie sich vorstellen, dass Weidmann und Draghi noch irgendwann Freunde im Geiste werden? Ich nicht. Weidmann denkt und redet strategisch, nicht zuletzt auch im eigenen Interesse, indem er eine Gegenpolition zu Draghi aufbaut. Dieser denkt und redet ebenfalls strategisch, aber unter umgekehrten Vorzeichen. Der eine wird zum Dauer-Mahner; er dürfte in nicht allzu ferner Zukunft recht bekommen. Der andere hat längst die Rolle des Dauer-Beschwichtigers übernommen; ob er recht bekommen wird, hängt vom Erfolg der EZB-Geldschwemme ab, Quantitative Easing genannt.

Ein wichtiges Element dieses fragwürdigen Erfolgs ist das Inflationsziel. Es besteht darin, dass die Inflationsrate in der Eurozone auf etwas unter 2 Prozent steigen und dann halt machen soll - ein verwegenes Ziel, denn sobald die Inflation in Gang gekommen ist, lässt sie sich nicht so einfach stoppen.

Womit wir bei einer weiteren Hintertür wären. Sie öffnet den Weg zur Geldentwertung. Oder aus der Perspektive von Gold- und Silberbesitzern betrachtet: Sie rechtfertigt das Halten und (Zu)kaufen der beiden Edelmetalle als Schutz vor der Geldentwertung, auch wenn sie null Zinsen abwerfen. Diese Betrachtungsweise fordert Anlegern natürlich ein wenig Phantasie ab. Das heißt, ihre Hoffnung auf steigende Edelmetallpreise sollte nicht dem Wunsch nach Reichtum entsprechen, sondern der Absicherung des angesparten Vermögens dienen.

Wir bewegen uns gerade im Vorstadium dieser Entwicklung. Das ist übrigens nicht allein an den Gold- und Silbercharts abzulesen, sondern auch an den Preiskurven der Rohstoffe, etwa Kupfer und erst recht Öl. Wenn deren Notierungen weiter ansteigen, kommt es zum Basiseffekt. Soll heißen: Sobald der Preisanstieg prozentual zweistellig wird, schlägt er zeitverzögert über kurz oder lang spürbar auf die Verbraucherpreise durch.

Das hat fürs Erste weniger mit der Konjunktur zu tun, die üblicherweise ein Preistreiber für Rohstoffe aller Art ist, sondern mit Inflationserwartungen, die sich an den Edelmetall- und Rohstoffbörsen widerspiegeln. Am Ende wird es zur Stagflation kommen; das ist eine Mischung aus Stagnation der Wirtschaft und Inflation der Verbraucherpreise.

Gestatten Sie mir, in diesem Zusammenhang den passenden Auszug aus einem Welt am Sonntag-Interview vom 20. September mit Allan Meltzer wiederzugeben, Historiker der US-Notenbank Fed. Einwand der Redakteure: "Aber von Inflation ist doch weit und breit nichts zu sehen, obwohl Experten wie Sie seit Jahren davor warnen."

Antwort von Meltzer: "Das liegt nur daran, dass die gewaltigen Geldsummen noch nicht ins System zurückgeflossen sind. Sobald das geschieht, wird die Inflation rasant steigen. Ich beobachte das Finanzsystem schon so lange und kann gar nicht sagen, wie oft der angebliche Tod der Inflation ausgerufen wurde. Das hat sich bisher noch jedes Mal als falsch herausgestellt."

Menschen neigen dazu, Aussagen wie der hier zitierten besonders viel Glauben zu schenken, falls sie derselben Meinung sind. Auch mir geht es so, und deshalb bemühe ich mich zum Ausgleich immer um Gegenmeinungen. Als da sind: Deflation, sogar Depression, Erreichen und Festhalten von 2 Prozent Inflation in den USA und leicht darunter in der Eurozone, nicht zuletzt auch der Glaube an die Beherrschbarkeit der Inflation. Dazu nur Folgendes: Vorübergehender Rückfall der Inflation unter null Prozent bedeutet längst noch nicht Deflation, geschweige denn Depression. Und wie erwähnt, lassen sich 2 Prozent Inflation nicht einfach festhalten.

Bliebe noch ein Argument gegen den Schutz vor Inflation durch Aktien und Immobilien anstelle von Gold und Silber. Nach dem Motto: Aktien bringen laufende Erträge in Form von Dividenden, Immobilien in Form von Mieten. Dem ist entgegenzuhalten: Aktienkurse schwanken, falsches Timing - man braucht nicht nur an VW-, RWE- oder Deutsche Bank-Aktien zu denken - kann die Dividende mehrfach vernichten. Immobilienpreise schwanken zwar auch, aber ohne Börsennotierung. Außerdem sind mit ihnen hohe einmalige (vor allem Grunderwerbsteuer) und laufende Kosten (Verwaltung, Reparaturen u.a.) verbunden.

Ich bin weit davon entfernt, Aktien und Immobilien pauschal mies zu machen. Doch man muss bedenken, was für einen Höhenflug beide Anlagekategorien schon hinter sich haben. Kurzum, bei ihnen kommt es auf das Timing an. Das gilt auch für Gold und Silber - allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass beide Edelmetalle seit vier Jahren alles andere als einen Höhenflug hinter sich haben. Das bedeutet angesichts der eingangs erwähnten internationalen Geldschwemme mitsamt ihren Folgen: Gold und Silber sind und bleiben bis auf Weiteres kaufenswert.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu

Herr Gburek ist Fachjournalist und Buchautor. Seine letzten Werke waren: Außer diversen Börsenbüchern schrieb er: "Das Goldbuch", das Wörterbuch "Geld und Gold klipp und klar von A bis Z", "Die 382 dümmsten Sprüche der Banker" und zuletzt das Ebook "Ach du liebes Geld!".



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