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Das Damoklesschwert über dem Gold-Papiermarkt - Interview mit Craig Hemke

17.05.2016  |  Mike Gleason
Mike Gleason: Hallo, hier ist Mike Gleason von Money Metals Exchange und es ist mir eine Ehre, heute Craig Hemke von TF Metals Report zum Interview begrüßen zu dürfen. Craig betreibt einen der bekanntesten und geachtetsten Blogs in unserer Branche und schreibt nun schon seit fast zehn Jahren über den Edelmetallsektor. Er hat einige der besten Analysen über die Machenschaften den Banken, die Schwachstellen der keynesianischen Wirtschaftspolitik und die Belege für Manipulationen an den Gold- und Silbermärkten verfasst. Craig, schön, dass du heute wieder bei uns bist.

Craig Hemke: Es ist mir ein Vergnügen, Mike, und danke für die netten Worte.


Mike Gleason: Seit unserem letzten Interview am 7. Januar hat sich ja einiges getan. Gold liegt in diesem Jahr bislang 21% im Plus und der Silberkurs konnte sogar noch größere Gewinne verzeichnen. Silber hatte vor allem im April einen sehr starken Monat und ist bisher 26% nach oben geklettert. Allerdings haben wir in den vergangenen Jahren schon öfter eine zunächst positive Preisentwicklung erlebt, die sich dann jedoch nicht fortsetzte, insbesondere Anfang 2014 und 2015. Doch dieses Mal fühlt es sich einfach anders an. Wie sehen Sie das? Glauben Sie, dass endlich ein neuer Bullenmarkt begonnen hat? Und wie ist die allgemeine Stimmung unter den Anlegern im Edelmetallsektor? Viele der Investoren besuchen ja regelmäßig Ihre Webseite.

Craig Hemke: Ich bin ganz Ihrer Meinung Mike, diesmal scheint es wirklich anders zu sein und auch die bisherigen Entwicklungen bestätigen das. Dieses Gefühl rührt wahrscheinlich daher, dass die Edelmetallkurse in einem erbarmungslosen Abwärtstrend gefangen waren, seitdem sie am 12. und 15. April 2013 auf manipulative Weise unter die Unterstützungslinie bei 1.525 $ gedrückt wurden. Seitdem ging es fast ausnahmslos weiter nach unten.

Es gab die eine oder andere kleine Rally, die jedoch nie das vorherige Hoch wieder erreichen konnte. Dann beobachteten wir die Zunahme der Short-Positionen der Banken an den Terminmärkten und schon brach der Kurs wieder ein. Dieser Trend schien sich endlos fortzusetzen und nirgends einen Boden zu finden. Als wir die Talsohle dann letztes Endes erreichten, sah es so aus, als hätte die Situation am physischen Markt endlich dazu geführt, dass die Preise an den Papiermärkten nicht weiter fallen konnten, besonders am Silbermarkt.

2016 sind einige ungewöhnliche Dinge geschehen, die die Vermutung nahelegen, dass die 2002 oder 2003 begonnene Hausse wieder aufgenommen wurde. Die Kurse sind endlich wieder auf höhere Hochs gestiegen, zuerst der Goldkurs und letztlich auch der Silberkurs. Als im Februar wieder Schwung in den Goldmarkt kam, stieg der Preis auf über 1.190 $ und übertraf damit das Hoch vom vergangenen Oktober. Dann ging es weiter bergauf und das Hoch vom Mai letzten Jahres bei 1.230 $ wurde erreicht. Eher in dieser Woche stieg der Goldkurs dann sogar auf 1.306 $, was ziemlich genau dem Preisniveau vom letzten Januar entspricht. Bei jeder Rally geht es ein bisschen höher.

Am Silbermarkt lässt sich das Gleiche beobachten. Das weiße Metall hatte zunächst Schwierigkeiten, auf über 16,38 $ zu steigen, doch es gelang schließlich. In der letzten Woche kletterte es dann auf 17,71 $ und erreichte damit den Kursstand vom Mai letzten Jahres. Jetzt rücken die Hochs vom Januar 2015 in Sicht. Wie Sie schon gesagt haben - es fühlt sich definitiv anders an, weil es auch anders aussieht. Der Trend der letzten drei Jahre hat sich vollständig gewandelt und es hat den Anschein, als würde es nun so weitergehen.


Mike Gleason: Sie haben auf TF Metals auch über die neue chinesische Börse Shanghai Gold & Silver Exchange berichtet. Diese Entwicklung hat unter den Edelmetallinvestoren und -analysten für einiges Aufsehen gesorgt. Im Vergleich zur COMEX sind die in Shanghai gehandelten Kontrakte mit deutlich mehr physischem Gold hinterlegt, daher schätzen wir, dass sich der Handel zunehmend nach China verlagern wird. Investoren sollten jedoch keiner Börse blind vertrauen, die mit Papiergold und Papiersilber handelt und man darf auch nicht vergessen, dass der Shanghaier Handelsplatz unter der Kontrolle des chinesischen Staates steht.

Denken Sie, dass sich die Shanghai Exchange positiv auf die Preisbildung am Goldmarkt auswirken wird? Und glauben Sie, dass es durch den Handel an der chinesischen Börse für die Manipulatoren im Westen schwieriger wird, die Kurse erfolgreich zu beeinflussen?


Craig Hemke: Ja, auf jeden Fall, daran habe ich keinen Zweifel. Das ist eines der bedeutendsten Ereignisse, die sich im Laufe der letzten hundert Jahren an den physischen Edelmetallmärkten zugetragen haben. Während der letzten 97 Jahre wurde die Preisbildung, oder sagen wir die Fähigkeit zur Preisbildung, durch die beiden täglichen Goldpreis-Fixings von London kontrolliert. Für diejenigen, die nicht genau wissen, wie das funktioniert: Wir können alle den Handel zum Spot-Preis und die Preisschwankungen innerhalb eines Tages live mitverfolgen und wir können die Kursentwicklung an den Terminmärkten beobachten. Letztere sind jedoch eine relativ neue Erfindung.

Die COMEX wurde erst vor 40 Jahren gegründet. Die Frage ist, welchen Preis die Schmuckhändler und die Minengesellschaften, bzw. die Produzenten und die Konsumenten im Großhandelsbereich allgemein verwenden, um ihre riesigen Geschäfte abzuwickeln. Auf welchen Preis einigt man sich, wenn es um tausende von Unzen oder gar mehrere Tonnen Gold und Silber geht? Man kann sich nicht einfach ein Datum suchen und sagen "Hm, um 10:02 Londoner Zeit lag der Preis bei X". Es muss eine Art internationalen Referenzpunkt geben und diese Funktion erfüllt das Londoner Preisfixing. Der zweimal täglich festgelegte Goldpreis war 97 Jahre lang der einzige international gültige Referenzpreis.

Das war zumindest bis zum 19. April so, als plötzlich, nach langer Arbeit und umfassenden Vorbereitungen, auch in Shanghai zweimal täglich ein Goldpreis-Fixing durchgeführt wurde. Der Preis wird allerdings nicht in Pfund bestimmt, wie in London, sondern in chinesischen Yuan. Das ist ein sehr wichtiger Schritt. Das physische Gold wandert derzeit von West nach Ost, daher sollte auch die Kontrolle über die Preisbildung bei den Staaten der östlichen Hemisphäre liegen.

So wie London den Goldmarkt im 20. Jahrhundert dominiert hat, wird China meiner Ansicht nach im 21. Jahrhundert die Vorherrschaft übernehmen. Sie haben da auf einen wichtigen Punkt hingewiesen, Mike: Der Londoner Goldmarkt ist hauptsächlich ein Papiermarkt und die Mengen, die dort jeden Tag gehandelt werden, sind der absolute Wahnsinn. Dabei handelt es sich nicht um physisches Gold, sondern nur um Papierkontrakte.

Shanghai ist dagegen ein physischer Markt und das könnte in Zukunft noch richtig interessant werden, da die Shanghai Exchange letztlich nur ein verlängerter Arm der chinesischen Regierung ist. Diese kann die Arbitrage zwischen dem Papierhandel im Westen und dem physischen Handel im Osten zu einem großen Teil kontrollieren, wenn sie das wünscht. Mit der Bestimmung des Referenzpreises in Yuan kann China die Preisdifferenz jederzeit in die Höhe treiben.

Lassen wir einmal außer Acht, dass es sich um verschiedene Währungen handelt und nehmen wir an, der Spread zwischen London und Shanghai beträgt 2 $. Dafür würde sich wahrscheinlich niemand die Mühe machen, 400-Unzen-Barren aus London in 1-Kilo-Barren mit einem Feingehalt von 99.99% umschmelzen zu lassen, um sie nach Shanghai zu liefern. Doch wenn die chinesische Regierung beschließt, dass sie lieber eine Preisdifferenz von 20 $ oder 30 $ je Unze möchte, dann wird das den Abfluss physischen Metalls aus den Londoner Tresoren mit Sicherheit enorm beschleunigen und die Bullionbanken werden zunehmend unter Druck geraten, während sie versuchen, all ihren Lieferverpflichtungen nachzukommen.


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