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Das Fernduell Draghi kontra Weidmann und die logischen Konsequenzen für Anleger

15.05.2016  |  Manfred Gburek
EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, im Nebenberuf EZB-Ratsmitglied, befinden sich ständig in einem Fernduell. Die Spitzen, die sie gegenseitig austeilen, sind bei der Wortwahl zwar eher subtil, aber im Kern knallhart. Ein Beispiel: Am 28. April gab Draghi der Bild-Zeitung ein Interview, in dem er frech behauptete: "Die Sparer haben es mit ihren Anlageentscheidungen auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfallen, auch in Zeiten niedriger Zinsen. Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten."

Welche, ließ Draghi vorsorglich aus, nur um gleich fortzufahren: "Die Bundesbank hat kürzlich berechnet, dass die privaten Haushalte in Deutschland auf ihr gesamtes Vermögen einen realen Ertrag von derzeit knapp 2 Prozent erhalten." Unglaublich, was sich aus einem Durchschnitt, hier in Bezug auf das Vermögen der Deutschen, so alles herausholen lässt.

Und Weidmann? Bereits einen Tag nach Draghis Bild-Anlageberatung schien er zum EZB-Präsidenten auf Schmusekurs zu gehen, als er in der bayerischen Hauptverwaltung der Bundesbank vor einem illustren Kreis von Bundesbankern kurz auf Draghis Prozentrechnung einging und verlauten ließ: "Der durchschnittliche reale Ertrag des Geldvermögens der privaten Haushalte in Deutschland lag zuletzt bei gut 2 Prozent."

Doch Weidmann wäre nicht er selbst, wenn er es dabei belassen hätte. Also legte er wenige Minuten später mit harschen Worten los: "Meine kritische Haltung im Hinblick auf den Ankauf von Staatsanleihen sind bekannt. Ich halte solche Käufe für ein reines Notfallinstrument. Notenbankkäufe von Staatsanleihen führen zu einer gefährlichen Vermengung von Geld- und Fiskalpolitik."

Nun sind solche Töne nicht neu. Ihre ständige Wiederholung zeugt indes von dem starken Zerwürfnis zwischen Weidmann und Draghi, einem Zerwürfnis, das im entscheidenden Moment ganz gefährlich werden kann. Nämlich dann, wenn beide Kampfhähne gezwungen sein werden, den Weg aus der nächsten Finanzkrise gemeinsam zu ebnen, natürlich auch in Abstimmung mit den anderen großen Notenbanken. Wie soll das gehen? Entweder Weidmann muss klein beigeben, was ganz und gar nicht seine Art ist. Oder Draghi schwenkt auf eine andere Linie um. Nur auf was für eine?

Die Antwort wird er uns so lange schuldig bleiben, bis es an den Börsen richtig kracht. Das muss nicht zwingend von heute auf morgen geschehen, genug Spielgeld ist ja vorhanden. Doch sobald es geschieht, wird Draghis Geldpolitik Geschichte sein. Bis dahin sollten Sie die Börsen möglichst laufend verfolgen, auch wenn das zeitweise hektische Hin und Her der Aktien- und Anleihenkurse eher verwirrend als aufschlussreich ist.

Draghi hat, zuletzt auch im Bild-Interview, eine vielsagende Parole ausgegeben. Sie läuft darauf hinaus, dass die EZB mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik die große amerikanische Schwester Fed kopiert und weiter kopieren wird. Dazu das passende Bild-Zitat: "In den USA lag der Leitzins sieben Jahre bei null. Das Finanzsystem, Banken und Versicherer haben trotzdem funktioniert. Das Geld wurde unterschiedlich angelegt, was gute Erträge ermöglicht hat."

Doch das ist weitgehend Vergangenheit. Wenn die Kurse amerikanischer Aktien zwischendurch mal wieder steigen, ist das weniger auf die Ertragskraft der dortigen Unternehmen zurückzuführen als auf deren Aktienrückkäufe. Der Effekt liegt auf der Hand: Bei allem noch so schönen Kursanstieg schrumpft das Eigenkapital, und mittelbar vermindern sich dadurch die Investitionen in Maschinen, Anlagen, Forschung und so weiter. Gleichzeitig steigt damit zwangsläufig der Anteil des Fremdkapitals an der Bilanzsumme. Das bedeutet: Die Aktienkurse werden anfällig, und während des nächsten Abwärtstrends fehlt das Geld, das vorher in Aktienrückkäufe gesteckt wurde – eine ganz und gar nicht schöne Bescherung.


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