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Bill Holter: Ein Sündenbock für den Crash

28.05.2016
Haben Sie sich je gefragt, wem man diesmal die Schuld in die Schuhe schieben wird? Bis heute sprechen wir vom "Lehman-Ereignis", wenn wir auf 2008 zurückblicken. Natürlich war die Finanzkrise nicht die Schuld von Lehman Brothers. Die Bank wurde gezwungen, geopfert oder mit Absicht vernichtet, wie auch immer Sie es ausdrücken wollen. So wie ich die Sache sehe, brauchte das Bankensystem eine Finanzspritze, es brauchte billiges Kapital, und zwar sehr viel davon. Die einzige Möglichkeit, an die öffentlichen Gelder zu gelangen, war es, eine Krise zu "erschaffen" bevor der Ernstfall eintrat und alle mit in den Abgrund gerissen würden. Also haben die Banken genau das getan.

Acht Jahre und viele Billionen Dollar später werden wir nun erneut mit einer "Liquiditätskrise" konfrontiert. Es gibt nicht besonders viel Sinn, dass flüssiges Kapital nach all den verschiedenen Erhöhungen der Geldmenge in Form von quantitativen Lockerungen knapp ist, aber so ist es nun einmal. Die Kreditmärkte sind äußerst eng und selbst der Handel mit kleinen Mengen an Schuldverschreibungen ist mittlerweile harte Arbeit. Es fehlt die nötige Liquidität, um das reibungslose Funktionieren der Märkte zu garantieren. Die Frage ist jetzt, welche Finanzinstitution man diesmal zum Schuldigen erklären wird.

Ich glaube, dass wir die Antwort darauf in den letzten Wochen schon erhalten haben. Meine Vermutung ist, dass es die Deutsche Bank treffen wird, das größte oder zweitgrößte Derivatemonster auf diesem Planeten. Die Bank hat erst kürzlich mehrere Verfahren hinter sich gebracht, bei denen ihre Rolle im Libor-Skandal sowie etwaige Einflussnahmen auf die Aktienmärkte und das Londoner Gold- und Silberpreisfixing untersucht wurden. Ich finde es recht unterhaltsam, dass uns jahrelang versichert wurde, die Gold- und Silbermärkte wären die einzigen Märkte, die nicht manipuliert würden...Wie konnten wir so etwas nur denken?

Wie Sie wissen, bietet die Deutsche Bank in Brüssel jetzt Zinsen in Höhe von 5% auf Festgelder mit einer Laufzeit von 90 Tagen. Das ergibt eigentlich keinerlei Sinn, weil die Bank theoretisch in der Lage sein sollte, sich an den Kreditmärkten oder direkt über die EZB zu 0% oder sogar zu negativen Zinssätzen zu refinanzieren. Doch aus irgendeinem Grund ist das nicht möglich. Ich spekuliere, dass die Deutsche Bank "aus dem Club geworfen" wurde und nun keinen Zugang zu Kapital mehr hat. Das kann richtig oder auch falsch sein, aber es wäre zumindest insofern logisch, als die Bank sich bereiterklärte bei den Ermittlungen gegen andere Finanzgesellschaften als Kronzeuge aufzutreten.

Erst am Dienstag dieser Woche hatte sich das Rating der Deutschen Bank verschlechtert. Ihre Kreditwürdigkeit liegt nun nur noch zwei Stufen über Ramsch-Status. Dadurch wird es für die Bank natürlich noch schwerer, Kapital aufzutreiben und ihre Kosten für die Kapitalbeschaffung steigen. Von einem systemischen Standpunkt aus betrachtet finde ich das sehr interessant, denn die Derivatemärkte haben jetzt eine ins Wanken gekommene Gegenpartei, die Derivate in Höhe von deutlich mehr als 50 Billionen US-Dollar hält! Wir ruhig werden diejenigen, die auf der anderen Seite des Derivatehandels stehen, noch schlafen können? Ist die Deutsche Bank wirklich angemessen abgesichert? Zweifellos wäre es besser, das nie herausfinden zu müssen. Aber das ist reines Wunschdenken.

Ein anderer Aspekt ist die juristische Seite. Es hat den Anschein, als würden die Gerichte künftig Zivilklagen gegen die Banken aufgrund von strafbaren Handlungen zulassen. Selbst im Kollektiv werden die Banken dann nicht über genügend Kapital verfügen, um alle kommenden Verfahren beizulegen. Das alte Modell, nach dem die Kreditinstitute gelegentliche Strafzahlungen in Kauf genommen haben, wenn sie ihr Spiel anschließend fortsetzen konnten, und mit dem sie so lange gut gefahren sind, könnte dadurch hinfällig werden. Es wäre möglich, dass die Zahlungen dann die Spielgewinne übersteigen.

All das führt mich zu der wichtigen Schlussfolgerung, dass das Bankenkollektiv einen Systemcrash und einen Sündenbock braucht. Wem man diesmal zu Schuld geben wird ist offensichtlich, doch warum muss das gesamte Finanzwesen zusammenbrechen? Wenn der Kollaps allumfassend ist, ist es schwer, einzelne Übeltäter an den Pranger zu stellen (vielleicht mit Ausnahme der Deutschen Bank). Die nächste Frage ist, wie die Gerichte zu einer für die Kläger gerechten Entscheidung gelangen können, wenn alle Banken pleite sind? Kann man aus völlig insolventen Kreditinstituten wirklich noch etwas herauspressen? Zudem würde eine Bestrafung der Banken, ungeachtet ihrer Taten, wahrscheinlich nicht als etwas angesehen, was "dem Gemeinwohl dient".

Stellen wir uns der Wahrheit: Ein Systemcrash wird auf die eine oder andere Weise kommen. Wenn Sie das jetzt noch nicht erkennen können, dann kann ich Ihnen nur viel Glück wünschen. Wenn die Banken an einem Punkt angelangt sind, an dem es kein Zurück mehr gibt, ist es dann nicht logisch, dass sie versuchen werden den Kollaps zu "kontrollieren"? Oder zumindest die Art, wie dieser der Öffentlichkeit präsentiert wird? Ist es für sie nicht besser, wenn sie auf eine "Bad Bank" zeigen können, statt zugeben zu müssen, dass das gesamte Bankenwesen fehlerhaft und korrumpiert war? Es wird interessant sein zu beobachten, wie genau sich die Ereignisse künftig entwickeln, aber ich würde wetten, dass die Deutsche Bank als Sündenbock à la Lehman herhalten muss.


© Bill Holter


Der Artikel wurde am 25. Mai 2016 auf www.jsmineset.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.



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