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Warum der Juni für Anleger besonders spannend wird

05.06.2016  |  Manfred Gburek
Der Juni wird ein Monat der Paukenschläge an den Finanzmärkten. Einen Vorgeschmack bekamen wir am Freitag zu spüren. Da reagierte der Goldpreis stärker als erwartet auf die enttäuschenden Zahlen zum amerikanischen Arbeitsmarkt, indem er kurzfristig nach oben schoss, während es den Dax abwärts trieb. Wahrscheinlich fragen Sie sich zu Recht nach der Logik solcher Reaktionen.

Ich nenne in diesem Fall zunächst die übliche Antwort: schlechter Arbeitsmarkt = amerikanische Zinsen bleiben unten = gut für Gold. Aber warum schlecht für den Dax? Wahrscheinlich, weil Börsianer sich sagen: Wenn die Amis ihre Zinsen wegen enttäuschender Konjunktur - siehe Arbeitsmarkt - unten halten und die Europäer wegen halbwegs guter Konjunktur sich ihre Zinsen einen Tick über den amerikanischen leisten können, lässt das den Euro steigen, was Wettbewerbsnachteile mit sich bringt und damit die Aktienkurse schwächt. Nur sei gleich hinzugefügt, dass gemessen an den Renditen amerikanischer Staatsanleihen und deutscher Bundesanleihen das Zinsniveau drüben doch um einiges höher ist als hierzulande.

Ich habe also den falschen Meinungs-Mainstream wiedergegeben. Er stützt sich in diesem Fall auf kurzfristige Reaktionen und Erwartungen, weniger auf nachhaltige Trends. Insofern kann es bereits im kommenden Monat heißen: US-Arbeitsmarkt erholt = Zinsen vielleicht doch bald höher = schlecht für Gold und gut für den Dax. Dem setze ich die These entgegen: Das hat mit Nachhaltigkeit rein gar nichts zu tun. Denn es gibt Kräfte, die viel stärker sind als Reaktionen aus dem Stand, die auf Erwartungen basieren, die von heute auf morgen ins Gegenteil umschlagen können. Zu solchen Kräften gehört unter anderem die Trendwende des Goldpreises nach oben, mag er kurzfristig noch so sehr hin und her ausschlagen - solange sein Trend aufwärts zeigt, sollte das hektische Tages-Auf und Ab Sie nicht beunruhigen.

Aus welcher Richtung sind Paukenschläge schon im Juni zu erwarten? Wenn wir uns auf die zweite Monatshälfte konzentrieren, sticht der 21. Juni heraus. Dann wird das Bundesverfassungsgericht nicht umhinkommen, ein klares Urteil zur ultraexpansiven Geldpolitik der EZB zu fällen (bislang hat es in dieser Angelegenheit eher nur herumgeeiert). Dabei geht es - wieder mal - um die Frage, ob die EZB sich zu sehr in die Fiskalpolitik einmischt, die nicht zu ihrem Mandat gehört.

Stein des Anstoßes: Die berühmt-berüchtigte Rede von EZB-Präsident Mario Draghi vor nahezu vier Jahren in London, als er mit der Bemerkung „whatever it takes“ andeutete, die EZB werde alles unternehmen, um den Euro zu erhalten. Daraufhin gingen Spekulanten, die auf den Zusammenbruch des Eurosystems gewettet hatten, in die Knie. Zur selben Zeit begannen sich die Kurse der Anleihen schwacher Euroländer zu erholen.

Wie auch immer die deutschen Verfassungsrichter entscheiden werden, die Reaktionen an den Finanzmärkten können kaum ausbleiben. Haben sie an der EZB-Geldpolitik nichts Gravierendes auszusetzen, nehmen sie damit in Kauf, dass die EZB unter anderem ihr im März 2015 begonnenes Programm zum Aufkauf von Unternehmensanleihen intensiviert, wie sie es zuletzt angekündigt hat. Mit der Folge, dass sie zum direkten Financier der Unternehmen wird - und das mittels Anleihen, deren Rating bis zum eher mittelprächtigen, um nicht zu sagen gefährlichen BBB- reichen darf.

Die absehbaren Folgen: 1. Konzerne, sogar auch solche außerhalb des Euroraums, werden die günstige Gelegenheit wahrnehmen und im Zweifel eher ein paar Anleihetranchen zu viel als zu wenig ausgeben, was ihrer Bonität nicht gut tun dürfte. 2. Der überwiegend über direkte Kredite statt über Anleihen finanzierte Mittelstand in Deutschland und anderswo wird das Nachsehen haben. 3. Die Kurse der emittierten Unternehmensanleihen werden stark schwanken und damit die Finanzmärkte in Unruhe versetzen, weil die EZB mit ihren Käufen ja für dünne, wenig liquide Anleihemärkte sorgen wird. 4. Frankreich und die Niederlande als klassische Länder, in denen sich die Emittenten von Unternehmensanleihen tummeln, werden vom Aufkaufprogramm der EZB am meisten profitieren, Deutschland dagegen wird zurückbleiben.

Nun noch kurz zur Frage, was wir zu erwarten haben, falls die deutschen Verfassungsrichter an der EZB-Geldpolitik so viel auszusetzen haben, dass am Ende sogar dem Europäischen Gerichtshof nichts anderes übrig bleiben wird, als sich ihnen anzuschließen. Dieses Szenario dürfte an den Finanzmärkten ein einziges Chaos auslösen. Deshalb wird es von verantwortlicher Seite gern beiseite geschoben. Zugegeben, ad hoc ist es unwahrscheinlich. Doch nachdem die Verfassungsrichter eine neue Verfassungsbeschwerde vorgelegt bekommen haben, drängt sich das Fazit auf, dass da statt des Endes mit Schrecken ein Schrecken ohne Ende auf uns zukommen könnte.

So weit zum Vorfeld des 21. Juni. Aber da gibt es ja noch den 23. Juni, über den sogar viel mehr diskutiert wird: der denkbare Tag des Brexit, des möglichen Austritts der Briten aus der EU - falls die Inselbewohner an diesem Tag entscheiden, dass sie die Brüsseler Bürokratie leid sind. Viele Leute, besonders auf dem Kontinent, sind es ihrerseits leid, dass die Briten ständig die anderen Europäer mit Sonderwünschen nerven (den Euro haben sie sich ja wohlweislich verkniffen). Doch das alles ist nur Geplänkel im Vergleich zu den denkbaren Brexit-Konsequenzen. Als da an erster Stelle wären: die Einladung an andere Staaten, der EU ebenfalls den Rücken zu kehren, und unabsehbare Konsequenzen an den Finanzmärkten.

Was Letztere angeht, hat eine neulich von Merrill Lynch, Tochter der Bank of America, unter Fondsmanagern durchgeführte Umfrage ergeben, dass der Brexit die mit Abstand größte Gefahr für die Finanzmärkte bedeuten würde. Als weitere Gefahrenherde nannten die Fondsmanager China, das Versagen der Geldpolitik, die Politik als solche und die Stagflation in den USA. Erst mit großem Abstand maßen sie geopolitischen Krisen Bedeutung bei. Doch das kann sich schnell ändern, sobald die amerikanische Wahl im November entschieden ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Paukenschläge, die an den Finanzmärkten Spuren hinterlassen werden, bereits im Juni zu erwarten sind. Lediglich ihre Stärke ist nicht absehbar, ihre Dauer ohnehin nicht. Mit dieser Unsicherheit müssen Anleger leben. Am besten, Sie fahren in Erwartung der kommenden Unruhen Ihren Liquiditäts- und nochmals auch Ihren Goldanteil in die Höhe. Und lassen Sie sich nicht vom täglichen Börsengeflüster aus der Ruhe bringen, denn schon am nächsten Tag wird es sich unter umgekehrten Vorzeichen fortsetzen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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