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Wirtschaftliche Absurditäten und ein seltsamer Sommer

17.06.2016  |  John Mauldin
"Eine verlorene Wahl kann den gleichen Schock erzeugen wie der Moment, in dem sich die Falltür unter dem Galgen öffnet; sie kann eine dunkle Nacht über die Seele hereinbrechen lassen, in der die Zukunft auf allem lastet wie eine schwere Wolke, die niemals weiterzieht." - James Wolcott

"Eine Rezession ist, wenn ein Nachbar seine Arbeit verliert. Eine Depression ist es dann, wenn man selbst die eigene Arbeit verliert." - Ronald Reagan


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Bei uns, den Bewohnern der nördlichen Hemisphäre, wird schon bald Sommer sein. Viele würden vielleicht sagen, dass der Sommer schon da ist - die meisten Schulen sind geschlossen und eine gewisse allgemeine Trägheit macht sich breit, insbesondere unter denjenigen, die zur Gesellschaftsschicht der "Geschützten" zählen. Viele von ihnen verbringen den Sommer in den Hamptons, in Lake Tahoe oder irgendwo in den Tropen.

Für die "Schutzlosen" ist der Sommer keine Zeit der Erholung. Arbeitende Eltern fürchten diese Jahreszeit oft, weil sie eine Betreuung für ihre Kinder finden und bezahlen müssen. Urlaub in den Tropen oder irgendwo anders ist für diese Familie nichts mehr als ein ferner Traum.

Wie ich letzten Monat in einem Artikel erklärte, ist die Spaltung der Gesellschaft in Geschützte und Schutzlose in zunehmendem Maße ein bestimmender Faktor in Politik und Wirtschaft. Vielleicht war das auch schon immer so und wir erkennen es erst jetzt. In jedem Fall werden wir mit immer seltsameren Umständen konfrontiert. Ich sehe hier durchaus starke Parallelen zu den 1930er Jahren. Ein Teil der aktuellen Entwicklungen ist innerhalb der nächsten Monate jedenfalls auf Kollisionskurs mit manchen anderen Trends.

Ich hatte eigentlich geplant, in dieser Woche einige der spannenden Ideen zu erläutern, die vor zwei Wochen auf meiner Strategic Investment Conference diskutiert wurden, doch die drohenden Ereignisse in Europa bedürfen definitiv unserer Aufmerksamkeit. Die makroökonomischen Investmentideen werden auch nächste Woche noch da sein. Am Ende dieses Artikels werde ich außerdem auf eine informelle Umfrage eingehen, die ich zum Zeitpunkt der nächsten Rezession durchgeführt habe.

Uns könnte ein sehr heißer Sommer erwarten. Wo sollen wir beginnen?


Die EZB verteilt Bares

Diese Woche hat die Europäische Zentralbank ihre neue Strategie zur Stimulierung der Wirtschaft gestartet: der direkte Kauf von Unternehmensanleihen. Diese erwirbt die Notenbank zusätzlich zu den Staatsanleihen im Wert von mehr als 800 Milliarden Euro, die sie seit März 2015 bereits gekauft hat.

Die EZB möchte Inflation erzeugen, indem sie Kreditnehmern ein Angebot macht, dass sie nicht ablehnen können. Die europäischen Unternehmen haben in diesem Jahr im Rekordtempo neue Schuldverschreibungen ausgegeben. Ich kann verstehen, warum: Die Zinssätze waren niedriger als je zuvor und die EZB will sie am liebsten noch weiter senken, womöglich gar bis in den Minusbereich.

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Wenn Sie im Management eines europäischen Unternehmens sitzen und Ihre Zentralbank Ihnen kostenloses Kapital oder sogar eine Belohnung für die Aufnahme eines Kredits bietet, nehmen Sie das natürlich gern an. Japan hat im Januar bereits bewiesen, dass das funktionieren kann, als die Bank of Japan erstmals Unternehmensanleihen mit Negativzinsen kaufte. Die neue Taktik der EZB wird jedoch nicht nur die Anleihen europäischer Firmen beeinflussen. Auch multinationale Konzerne aus den USA mit europäischen Tochtergesellschaften (die die meisten dieser Unternehmen besitzen) werden sich in die Schlange einreihen, um die Tatsache auszunutzen, dass es eine Zentralbank gibt, die bis zu 70% aller Schuldtitel aufkauft, die das Unternehmen ausstellt - und das zu Zinssätzen, die in den Vereinigten Staaten nicht zu haben sind. Zumindest bisher. Glauben Sie wirklich, die USA werden vom Zentralbankengeschäft im europäischen Stil verschont bleiben?

Wenn Sie ein europäisches Unternehmen sind, dann ist die schwierigere Frage eigentlich, was Sie mit dem ganzen Geld anfangen sollen. Die EZB will, dass Sie Sachen kaufen und die Preise in die Höhe treiben. Dann hätten Sie zwar mehr Sachen, aber wenn Sie davon ausgehen, dass die Deflation sich fortsetzen wird, wäre das keine rationale Entscheidung. Die EZB befindet sich also in einem Dilemma. Sie kann keine Inflation erzeugen, solange Unternehmen und private Haushalte nicht mehr Geld ausgeben, aber andererseits horten alle ihr Bargeld so lange, bis sie davon überzeugt sind, dass die Inflation wieder zunimmt.

Ein weiteres Problem stellt die Liquidität dar. Bloomberg hat ausgerechnet, dass die Unternehmensanleihen, die für Käufe durch die EZB in Frage kämen, ein Gesamtvolumen von rund 620 Milliarden Euro haben. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, müsste die Notenbank einen signifikanten Anteil an diesem Markt in ihren Besitz bringen. An einem gewissen Punkt handelt es sich dann allerdings nicht mehr um einen "Markt" im herkömmlichen Sinn.

Japan schlägt sich bereits mit diesen und schlimmeren Problemen herum, denn das Land kauft nicht nur Unternehmensanleihen, sondern auch Aktien-ETFs. Der Markt für japanische Staatsanleihen (JGB) wird zunehmend zum Monopson, dem Gegenteil eines Monopols. Statt eines einzigen Verkäufers haben die JGBs nur noch einen einzigen Käufer. Es ist durchaus möglich, dass auch andere Märkte bald auf diese Weise operieren. Wie kann eine solche Wirtschaft noch funktionieren? Wo endet die Verzerrung der Marktsituation? Ich weiß es nicht. Doch auch Kuroda und Draghi haben darauf keine Antwort. Draghi kauft die Anleihen des Privatsektors, weil es seiner Meinung nach keine besseren Optionen gibt. Selbst die verhältnismäßig geringen Mengen, die die EZB derzeit erwirbt, verzerren die Kreditmärkte.

Die EZB wird erst im nächsten Monat offiziell bekanntgeben, welche Anleihen sie gekauft hat, doch es sprach sich schnell herum, dass Anheuser-Busch, InBev, Siemens und andere bekannte Namen unter den Unternehmen waren. Denken Sie, dass der eine oder andere Trader an den Anleihemärkten diese Informationen vielleicht zu seinem eigenen Vorteil genutzt hat, bevor sie in der Presse zu lesen waren? Sie kennen die Antwort darauf.

Nichtsdestotrotz wird Draghi weiterhin Assets aufkaufen. Er könnte die halbe Eurozone kaufen, ohne dabei die angestrebte Inflation zu erzielen.



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