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Gold - erst hui, dann pfui

17.06.2016  |  Eugen Weinberg
Energie

Öl hat sich gestern den sechsten Tag in Folge verbilligt. Trotz einer leichten Erholung am Morgen kostet ein Barrel Brentöl mit knapp 48 USD fast 10% weniger als im Jahreshoch Mitte letzter Woche. Der Preisrückgang ist dem schwachen Umfeld geschuldet (siehe Edelmetalle). Die Versorgungslage am Ölmarkt bleibt dagegen knapp: Nicht nur, dass die Produktionsausfälle hoch bleiben, fällt auch in den USA die Produktion immer weiter. Mit 8,7 Mio. Barrel pro Tag wurden Mitte Juni immerhin ½ Mio. Barrel pro Tag weniger gefördert als fünf Monate zuvor. Vor dem Hintergrund des momentan ausgeglichenen Marktes erachten wir das weitere Korrekturpotenzial als begrenzt.

Am Markt für Mineralölprodukte haben sich derweil die Verhältnisse verschoben (Grafik des Tages): Der Preisabstand zwischen Diesel und Rohöl hat nach der Anomalie ungewöhnlich niedriger Diesel Crack-Spreads im Winter deutlich angezogen. Der Streik in Frankreichs Raffinerien dürfte dazu beitragen. Die IEA schätzt, dass die tägliche Verarbeitung in Frankreich im Juni mit 875 Tsd. Barrel pro Tag rund 300 Tsd. Barrel geringer ist als üblich.

Der die Margen belastende Überhang der ARA Gasöl-Vorräte ist deutlich zurückgekommen. Gleichzeitig sind die Crack-Spreads am Benzinmarkt gesunken. Zwar könnte in den USA, dem mit Abstand größten Benzinmarkt der Welt, die Nachfrage im Sommer auf einen neuen Rekordwert klettern, aber zuletzt haben die US-Raffinerien den Anteil der Benzinproduktion an der Raffinerieverarbeitung hochgeschraubt. Entsprechend sind die US-Benzinvorräte seit dem Frühjahr mehr als 10% höher als üblich, was die Marge belastet.

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Edelmetalle

Am Goldmarkt war das Bild gestern zweigeteilt. Zunächst zündete Gold die Raketen in einem von hoher Risikoaversion gekennzeichneten Umfeld - die Aktienmärkte waren zeitweise klar im Minus, der US-Dollar wertete deutlich auf, und die Ölpreise gaben weiter spürbar nach. Der Preis stieg um 2% auf 1.316 USD je Feinunze, den höchsten Stand seit fast zwei Jahren.

Durch den festen US-Dollar fiel die Aufwärtsbewegung von Gold in Euro gerechnet noch stärker aus: Es verteuerte sich um 3% bzw. 35 EUR auf 1.182 EUR je Feinunze, das höchste Niveau seit April 2013. Begleitet wurde der Preisanstieg von andauernden Zuflüssen in die Gold-ETFs. Gestern gab es mit 4,2 Tonnen den höchsten Zufluss in dieser Woche.

Seit Monatsbeginn wurden die Bestände der Gold-ETFs damit um 44,4 Tonnen aufgebaut. Am späten Nachmittag drehte sich allerdings die Stimmung der Marktteilnehmer komplett: Die Aktienmärkte holten ihre Verluste auf, die Anleiherenditen zogen an und der US-Dollar wertete wieder ab. Gold gab daraufhin sämtliche Gewinne wieder ab und beendete den Handel sogar rund 1% im Minus. Heute Morgen handelt Gold weitgehend unverändert bei gut 1.280 USD bzw. 1.140 EUR je Feinunze.

In Indien bleibt die Goldnachfrage offenbar schwach. Marktteilnehmern zufolge stieg der Abschlag der dortigen Goldpreise zu den Weltmarktpreisen in dieser Woche auf ein Rekordhoch von 50 USD je Feinunze. Lokale Händler führen die schwachen Marktkonditionen auf den Schmuggel von Gold zurück. Mit dem Schmuggel wird die 10%-ige Importsteuer auf Gold in Indien umgangen.


Industriemetalle

Während die Aktienmärkte gestern im späten Handel einen Teil ihrer Verluste aufholten, schlossen die Industriemetalle auf oder nahe ihren Tagestiefständen. Kupfer fiel auf 4.525 USD je Tonne, Zink rutschte wieder unter die Marke von 2.000 USD je Tonne und Aluminium kostete zeitweise weniger als 1.600 USD je Tonne. Heute Morgen erholen sich die Metallpreise leicht.

Nickel legt auf fast 9.000 USD je Tonne zu. Norilsk Nickel, der weltweit größte Nickelproduzent, erwartet am globalen Nickelmarkt in diesem Jahr ein Angebotsdefizit von 60 Tsd. Tonnen. Denn sollte der Nickelpreis auf dem aktuellen Niveau bleiben, wird das globale Angebot laut Norilsk Nickel deutlich reduziert werden. Im nächsten Jahr könnte sich demnach sogar ein Defizit von 100 Tsd. Tonnen auftun.

Allerdings erklärt Norilsk Nickel auch, dass das Defizit ein rein statistischer Effekt wäre. Denn wegen der hohen Lagerbestände würde es keine wirkliche Knappheit geben. Die hohen Vorräte und das allgemein schwierige Rohstoffmarktumfeld würden zudem stärkeren Preisanstiegen entgegenstehen.

Laut Aussagen des Handelshauses Marubeni sind die japanischen Aluminiumvorräte in drei großen Häfen des Landes im Mai erstmals seit acht Monaten wieder gestiegen. Mit 337,2 Tsd. Tonnen liegen sie aber noch nahe eines 19-Monatstiefs. Die höheren Vorräte machen sich Handelskreisen zufolge in geringeren Importaktivitäten bemerkbar.


Agrarrohstoffe

Der Preis für Kautschuk an der Börse in Singapur hat einen Großteil der Gewinne aus dem Frühjahr - zwischen Mitte Februar und Mitte April war Kautschuk ausgehend von einem 12½-Jahrestief um 50% gestiegen - wieder abgegeben. Erstmals seit Anfang März kostete ein Kilogramm Kautschuk weniger als 120 US-Cent.

Zwar reduzierte die Vereinigung der Naturkautschuk produzierenden Länder ANRPC ihre Produktionsprognose für das Gesamtjahr 2016 gerade leicht auf 11,075 Mio. Tonnen und sieht damit nur noch einen marginalen Anstieg gegenüber 2015. Deren Mitglieder stehen für 90% des weltweiten Angebots an Naturkautschuk. Allerdings läuft nun die wetterbedingt produktionsschwache Phase des Jahres in den wichtigen Produktionsländern aus. Entsprechend ist in den nächsten Monaten mit einem höheren Angebot auf dem Kautschukmarkt zu rechnen, auch wenn derzeit in einigen Gebieten Thailands noch starke Regenfälle die Ernte ("tapping") erschweren.

Thailand, der größte Anbieter, stellt gut ein Drittel der Weltproduktion. Zwar waren umgekehrt die Importe des weltgrößten Nachfragers China in den ersten 5 Monaten des Jahres um 11% gestiegen, diese dürften aber laut Prognose der ANRPC in den nächsten drei Monaten um 16% hinter das Vorjahr zurückfallen. Dabei spielen auch die Strafzölle der USA auf bestimmte Reifen chinesischer Herkunft eine Rolle. Weltweit erwartet die ANRPC wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten eine schwache Nachfrage. Dies dürfte die Preise bis auf weiteres belasten.



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