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Wie die EZB dem deutschen Mittelstand schadet

17.07.2016  |  Manfred Gburek
Achten Sie am Montag, dem 18. Juli, auf eine Veröffentlichung der EZB, die es in sich haben dürfte: die Liste mit den von der EZB gekauften Unternehmensanleihen. Vielleicht fragen Sie sich, was denn so Besonderes daran sei. Blicken wir deshalb gut einen Monat zurück. Damals hieß es in Börsenhändlerkreisen, die EZB habe beispielsweise Anleihen von Siemens, von Telecom Italia, von Spaniens Telefónica, von Deutschlands angeschlagenem Energieriesen RWE und Frankreichs Autoschmiede Renault im Visier - um nur ein paar illustre Namen zu nennen. Die Brisanz der Liste, wie auch immer sie konkret aussehen mag, wird sich daraus ergeben, dass jegliche Entscheidung der EZB für die Unternehmensanleihe des Konzerns X gleichzeitig eine Entscheidung gegen die Unternehmensanleihe des Konzerns Y ist. So etwas nennt man Wettbewerbsverzerrung, und das ausgerechnet vonseiten der zur Neutralität verpflichteten obersten europäischen Notenbank.

Jetzt brauchen Sie sich nur noch vorzustellen, der Chemiekonzern Bayer schlucke den umstrittenen Konkurrenten Monsanto, nachdem er das Angebot für dessen Übernahme erhöht und sich dadurch mehr als ursprünglich vorgesehen verschuldet hat. Oder angenommen, BASF steige wirklich ernsthaft in die Übernahmeschlacht ein und lege zwecks Monsanto-Kauf eine Schuldenschippe drauf. Dann tauchen zwangsläufig Fragen auf wie diese: Handelt die EZB überhaupt noch innerhalb ihres Mandats, falls sie Anleihen von einem dieser Konzerne kauft?

Oder: Greift die EZB nicht zu tief in die Struktur der deutschen Wirtschaft ein, indem sie Anleihen von Konzernen, zum Teil mit mittelprächtigem Rating, den in letzter Zeit aus dem Boden schießenden Mittelstandanleihen ohne Rating vorzieht? Oder: Sollen Banken und Sparkassen mit ihrem zu Unternehmensanleihen konkurrierenden Kreditgeschäft bleiben, wo der Pfeffer wächst, Hauptsache, EZB-Chef Mario Draghi kann seinen Dickkopf durchsetzen?

Das Schlimme daran: Auf diese und viele weitere Fragen wird es nie befriedigende Antworten geben. Für die meisten Politiker ist das Thema zu kompliziert, sodass sie es bestenfalls in Sonntagsreden antippen. Und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schert sich einen Teufel um die vonseiten der EZB zu erwartenden finanziellen Verzerrungen, Hauptsache, das Spitzen-Rating der Bundesrepublik verhilft ihm, wie gerade geschehen, zur Emission einer zehnjährigen Bundesanleihe mit negativer "Rendite".

Sieht man von den Warnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (Bank der Notenbanken) ab, werden weder auf höchster politischer Ebene noch unter den führenden Geldpolitikern Stimmen laut, die vor der Orgie mit negativen "Renditen" warnen. So kommt es, dass von den rund 6 Milliarden Euro an Staatsanleihen im Euroraum inzwischen die Hälfte mit dem Stigma negativer "Renditen" behaftet ist.

Wenn Draghi gefragt wird, wie er die kommende Entwicklung der Geldpolitik unter solchen Vorzeichen einschätzt, läuft seine stereotype Antwort darauf hinaus, dass es zum "Weiter so" keine Alternative gebe. Also Anleihen kaufen, was das Zeug hält. Aber mit welchen Konsequenzen! Die Risikoprämien werden immer geringer, heißt es dazu im Finanzjargon. Im Klartext: Es ist zunehmend leichter, Anleihen von fragwürdiger Qualität zu platzieren. Folge: Die Finanzminister Frankreichs, Italiens, Spaniens und weiterer Euroländer lachen sich ins Fäustchen, denn so billig wie jetzt konnten sie sich noch nie finanzieren. Und die Kassenwarte der großen Konzerne machen es ihnen nach, siehe oben.

Was den zuletzt genannten Punkt angeht, sind weitere Konsequenzen absehbar. Angenommen, ein Konzern mit gutem Rating emittiert Anleihen zu einem durchschnittlichen Zinssatz in Höhe von 2 Prozent. Dann braucht er nur eine Unternehmensrendite von etwas mehr als 2 Prozent zu erwirtschaften, um die Ausgabe von Anleihen zu rechtfertigen. Das verführt den Finanzchef eines Konzerns nicht nur dazu, in neue Produkte, Maschinen, Gebäude, Service und sonst was zu investieren, sondern auch, andere Konzerne zu übernehmen. Das haben zum Beispiel Siemens und Evonik in den USA getan; und das versucht jetzt Bayer in der Absicht, Monsanto zu kaufen.

Die Konsequenzen reichen noch viel weiter. Wer die Charts der Aktienkurse von Siemens, Evonik und Bayer verfolgt, fühlt sich an lahme Enten erinnert. Das hat nicht unbedingt etwas mit der jeweiligen Branchenkonjunktur zu tun, sondern eher damit, dass gekaufte Firmen in die eigene Konzernstruktur integriert werden müssen, dass üblicherweise Abschreibungen auf Firmenwerte erforderlich werden und dass Börsianer einschließlich der mit ihnen kooperierenden Finanzanalysten den Aktien der übernehmenden Konzerne meistens einen Konglomeratsabschlag verpassen, ihren Kursen also vergleichsweise wenig Potenzial zubilligen.

Eine überwiegend von Profis beachtete Konsequenz besteht im Ausgrenzen von Aktien. Damit hat es Folgendes auf sich: Die Aktien von Siemens, Bayer und weiteren Konzernen werden von vielen Finanzanalysten ständig begleitet und mit "Kaufen", "Halten" oder "Verkaufen" eingestuft. Dagegen können sich die Firmenchefs der überwiegend mittelständischen Unternehmen ohne Indexzugehörigkeit, aber auch solcher aus dem SDax und zum Teil sogar aus dem MDax schon freuen, wenn zwei bis drei Finanzanalysten ihnen ständig Gesellschaft leisten. Das führt in bestimmten Börsenphasen dazu, dass die Kurse der Mittelständleraktien zurückbleiben, ohne dass dies aufgrund fundamentaler Daten gerechtfertigt wäre.

Niedrige Aktienkurse verteuern die Aufnahme von Eigenkapital. Und je weniger Finanzanalysten sich um Aktien ohne Indexzugehörigkeit oder um solche aus SDax und MDax kümmern, desto teurer wird das Eigenkapital. Derweil findet die Ausgrenzung der Mittelständler auch bei Anleihen statt. Denn sie können im Gegensatz zu vielen Konzernen nicht mit einem Rating protzen, während die Anleihen der Konzerne dank der extrem expansiven Geldpolitik der EZB die Chance erhalten, in Draghis Olymp aufgenommen zu werden. Die Folge: Es kommt zum Kollateralschaden für das Herzstück der deutschen Wirtschaft, während Konzerne ihr Übernahme-Monopoly - nicht zuletzt dank EZB-Assistenz - ruhig weiter spielen dürfen.

Bislang wurde die EZB-Geldpolitik erst wenig oder gar nicht unter dem Aspekt diskutiert, wie sehr sie dem deutschen Mittelstand schadet und damit die Struktur der hiesigen Wirtschaft durcheinander bringt. Es ist eine Schande, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sich lieber im juristischen Gestrüpp des Edeka-Tengelmann-Deals verheddert, als eine dringliche Warnung in Richtung EZB auszustoßen oder Alternativen zur Mittelstands-Finanzierung ausarbeiten zu lassen.

Zu guter Letzt bleibt wenigstens die Hoffnung, dass Anleger aus dem Kreis der unterbewerteten Aktien das eine oder andere Mittelstands-Schnäppchen ausfindig machen können - vorausgesetzt, das Eigenkapital ist in den fraglichen Fällen so hoch, dass es der Diskriminierung durch die EZB standhält. Wer Geduld mitbringt, kann auf diese Weise später, wenn Finanzanalysten den Mittelstand wiederentdecken, wahrscheinlich überdurchschnittliche Kursgewinne erzielen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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