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Die Welt - ein Kasino

11.08.2016  |  Rudy Fritsch
In meinem letzten Artikel mit dem Titel "Costs of Compliance" schrieb ich über das Konzept des Grenznutzens, welches vom österreichischen Ökonom Carl Menger entwickelt wurde, und insbesondere darüber, wie es auf die Arbeitsproduktivität anzuwenden ist. Ich erläuterte, wie mit Hilfe dieses Konzepts die Grenze zwischen Gewinn und Verlust in Hinblick auf die Produktivität der eingesetzten Arbeit und die anfallenden Kosten bestimmt werden kann. Ich erwähnte zudem, dass sich dieses Prinzip gleichfalls auf den Grenzertrag von investiertem Kapital anwenden lässt, d. h. wann Investitionen in Produktivkapital gewinnbringend sind.

In einer Welt des ehrlichen Geldes ist diese Situation leicht erklärt. Ersparnisse sind in diesem Fall gehortete Reserven, Gold- und Silbermünzen oder Edelmetallbarren, die unter der Matratze versteckt oder im Garten vergraben werden, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Der Besitzer dieser Ersparnisse kann sich über die natürliche Wertsteigerung und den Zugewinn an Kaufkraft seines gesparten Geldes freuen, denn während es in der Weltwirtschaft aufwärts geht, sinken die Produktionskosten der meisten Güter langsam aber stetig.

In einer solchen ehrlichen Welt ist Investieren leicht. Investitionen beinhalten üblicherweise den Kauf von Goldanleihen, die Rendite in Form von Gold abwerfen und bei deren Fälligkeit der Nennbetrag in Gold ausgezahlt wird. Diese Anleihen werden durch extra dafür geschaffene Tilgungsfonds vor Schwankungen im Marktwert geschützt. In diesem Szenario garantieren Investitionen in Anleihen absolute Sicherheit und ein beständiges Einkommen für Witwen, Waisen und alle anderen. Bei Auszahlung hat der Nennbetrag nicht nur seinen vollen Wert behalten, sondern seine Kaufkraft ist sogar etwas gestiegen. Dazu kommen noch die bescheidenen, aber zuverlässigen Rendite.

Auch Spekulationen haben in der Welt des ehrlichen Geldes ihren Platz. Diese simple Tatsache ist heutzutage größtenteils in Vergessenheit geraten und Spekulationen werden mit einer Art Glücksspiel gleichgesetzt. Doch in Wahrheit sind das zwei verschiedene Dingen. Spekulative Anlagen sind mehr als nur eine Lotterie und erfüllen in einer ehrlichen Wirtschaft einen wichtigen und positiven Zweck.

Spekulanten kaufen mit ihrem Kapital Unternehmensaktien - und ja, Aktienkäufe sind Spekulationen, denn woher soll der Investor genau wissen, ob das Unternehmen Erfolg haben und Erträge (Dividende) generieren wird bzw. ob es überhaupt überleben wird? Spekulationen stellen folglich das Kapital zur Verfügung, welches für Investitionen benötigt wird und sind damit eine entscheidende Komponente der wirtschaftlichen Entwicklung.

Zudem sind sie von grundlegender Bedeutung für die Rohstoffmärkte, an denen Güter wie Getreide und Kraftstoffe gehandelt werden. Diese Märkte fungieren dabei praktisch als regulierte Plattform für genau definierte Termingeschäfte. Ein Getreidebauer möchte seine Ernte beispielsweise zu einem vernünftigen Preis verkaufen, bevor das Getreide überhaupt reif ist. Dadurch vermeidet der Erzeuger das Risiko eines Preisverfalls aufgrund eines Überangebots an Getreide oder einer geringeren Nachfrage.

Gleichzeitig verzichtet er damit auch auf die Möglichkeit, einen höheren Gewinn zu machen, falls die Preise infolge einer schlechten Ernte oder einer unerwartet hohen Nachfrage steigen. Auf der anderen Seite möchte auch der Betreiber der Kornmühle das Getreide gern zu einem im Voraus bekannten Preis kaufen, um das Risiko eines plötzlichen Preisanstiegs zu vermeiden. Auch er verzichtet dabei freiwillig auf einen potentiell höheren Profit, falls die Preise sinken.

Anders gesagt sind die Produzenten und Käufer bestrebt, das Risiko gering zu halten. Die Rohstoffmärkte ermöglichen das auf systematische Weise, doch ohne Liquidität, d. h. ohne große Mengen verfügbaren Geldes, können sie nicht funktionieren. Das Bereitstellen von Liquidität ist daher eine weitere Aufgabe der Spekulanten. Diese nehmen die Risiken auf sich, die die Erzeuger und Konsumenten vermeiden wollen und haben dafür die Möglichkeit, mit Hilfe der Preisänderungen einen Profit zu erzielen. Die spekulativen Käufe und Verkäufe führen nicht nur Produzenten und Verbraucher zusammen, sondern sie verringern im Normalfall auch wilde Kursschwankungen: Wenn die Preise sinken, kaufen die Spekulanten und unterstützen dadurch die Bauern; wenn sie steigen, kommen die Verkäufe den Konsumenten zu Gute.

Letztlich gibt es auch noch etwas, das wir Glücksspiel nennen - es ist eine Form der "Unterhaltung". Das Glücksspiel verschafft den Spielern einen Nervenkitzel und bereichert die Kasinobetreiber, aber es trägt in keiner Weise zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Die menschliche Natur scheint so veranlagt zu sein, dass wir Glücksspiel spannend finden, aber in einem ordentlichen Wirtschaftssystem gibt es dafür keinen Platz. Glücksspiel übernimmt im Gegensatz zu Investitionen oder angemessenen Spekulationen keine wichtige Funktion an den Märkten.

In der Österreichischen Wirtschaftsschule werden Spekulationen als Wetten auf Naturphänomene behandelt, beispielsweise auf schlechtes Wetter, welches die Ernte beeinträchtigt. Glücksspiel wird dagegen als Wette auf von Menschen geschaffene Risiken angesehen. Das Wetter wird von keinem Kasino kontrolliert. In unserer heutigen Welt des Fiatgeldes sind Spekulationen allerdings zum Glücksspiel verkommen. Die Zins- und Devisenmärkte, die größten Terminmärkte der Welt, sind nichts anderes als eine Plattform für Glücksspiele. Die Risiken werden von den Kasinobetreibern geschaffen, denn Menschen bestimmen über die Währungskurse und die Zinssätze, nicht die Natur.

So tief sind wir gesunken. Anleihen wurden einmal als sichere, zuverlässige Einkommensquellen für Witwen und Waisen betrachtet, doch heute ist der Anleihemarkt das größte Kasino von allen. Die Politik der Null- und Negativzinsen führt dazu, dass Sparer und Anleihebesitzer keine Kapitaleinkünfte mehr haben, aber den fälschlicherweise als Spekulanten bezeichneten Glücksspielern leisten die steigenden und fallenden Zinsen und die umgekehrt dazu fallenden und steigenden Anleihekurse gute Dienste.

Den Ökonomen, die dem "Mainstream" der Österreichischen Wirtschaftsschule angehören, ist die Tatsache nicht bewusst. Sie hängen noch immer bei den Worten von Ludwig von Mises fest, die dieser vor vielen Jahrzehnten geschrieben hat, lange bevor die "Spekulationen" an den Zins- und Devisenmärkten an Bedeutung gewannen.


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