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Wenn die Meute sich auf Gold und Silber stürzt ...

07.08.2016  |  Manfred Gburek
Gold und Silber konsolidieren, heißt es zurzeit unter Börsianern. Damit ist die Pause gemeint, die sich die Edelmetalle nach ihrem Preisanstieg vorübergehend gönnen. Auf Minenaktien trifft das erst recht zu. Gewinnmitnahmen durch spekulative Anleger sind nach dem explosiven Anstieg dieser Aktien nur eine allzu logische Konsequenz. Börsianer bezeichneten früher den ersten Aufwärtsschub der Aktienkurse nach einer Baisse als Liquiditätshausse, der sich die fundamentale Hausse anschloss. Damit war im ersten Fall gemeint, dass viel Geld in Aktien floss, ohne dass die Entwicklung der Unternehmensgewinne dies zu rechtfertigen schien, und im zweiten Fall, dass die Rechtfertigung auf dem Fuß folgte.

Wie sieht es diesbezüglich heute bei Gold, Silber und Minenaktien aus? Entspricht ihre Entwicklung im laufenden Jahr einer Liquiditätshausse? Und folgt ihr eine fundamentale Hausse? Kann man das Muster vom Verlauf der Kurse von Bayer-, Daimler- oder Siemens-Aktien überhaupt auf Edelmetalle und Minenaktien übertragen, oder folgen diese ganz anderen Gesetzmäßigkeiten?

Die richtige Antwort lautet zunächst: von allem etwas. Das heißt, die durch die Notenbanken an Groß- und Kleinspekulanten verschenkte Liquidität treibt - mit Ausnahme einiger Rohstoffe - die Preise von so ziemlich allem in die Höhe, von Aktien und Anleihen über Immobilien bis zu Ackerflächen und Oldtimern. Aus fundamentaler Sicht lässt sich begründen, dass Null- und Minuszinsen die Edelmetallpreise begünstigen - zumal bei demnächst leicht anziehenden Inflationsraten, sodass die realen Zinsen geradezu ein unterirdisches Niveau zu erreichen drohen.

Was die Verlaufsmuster angeht: Egal, ob Aktien von Bayer, Daimler und Siemens oder von Edelmetallkonzernen wie Barrick, Newmont und Silver Wheaton, ihre Kurse und die von abertausend weiteren Aktien folgen ähnlichen Gesetzmäßigkeiten. Das bedeutet: Sind die Kurse im Keller, herrscht Angst; sind sie ganz weit oben angekommen, herrscht Gier. Für Gold und Silber in physischer From gilt das insofern nur eingeschränkt, als die beiden Edelmetalle auch eine defensive Funktion haben, nämlich die als Versicherung und Kaufkraftbewahrer, sodass Angst und Gier hier nur in abgeschwächter Form eine Rolle spielen.

In unzähligen Kommentaren von Bankern und selbst ernannten Gurus heißt es, 10 oder wahlweise auch 20 Prozent Gold gehörten zu einem ordentlich gemischten Depot.

Meistens ist dann vom Timing erst gar nicht die Rede. Dabei wären noch vor einem halben Jahr mindestens 50, wenn nicht sogar 100 Prozent angebracht gewesen, speziell in Minenaktien, wie damals an dieser Stelle empfohlen, zugegeben auch mit etwas Glück. Und wenn schon nur 10 oder 20 Prozent, dann etwa in Form von Barren und Münzen oder als Barrick-, Newmont- und Anglogold-Aktien? Werden Banker gefragt, empfehlen sie gern irgendwelche Goldzertifikate oder -fonds, Letztere vornehmlich als ETF (Exchange Traded Fund), also börsengehandelte Fonds. Timing? Fehlanzeige.

Wie könnte sich der Übergang von der Liquiditäts- zur fundamentalen Gold- und Silberhausse gestalten, welche Antriebskräfte dürften wirksam werden? Die Antwort ist vor allem bei den Notenbanken zu suchen. Greifen wir beispielhaft zwei Sätze von EZB-Chef Mario Draghi heraus, und zwar aus dem Jahr 2013: "Wir sind bereit, alle verfügbaren Instrumente zu nutzen. Wir schließen keine Option aus."

Beide Sätze könnte Draghi auch gestern oder heute gesagt haben, er hat sie ja ständig mit ähnlichen Redewendungen wiederholt. Beide Sätze könnten ebenso von den Chefs der anderen Notenbanken stammen. Womit klar wird, dass wir es mit einem internationalen Phänomen zu tun haben. Wenn keine Option auszuschließen ist, dann bedeutet das: Es wird, sinnbildlich formuliert, so lange Geld gedruckt, bis das Inflationsziel von 2 (USA) bzw. annähernd 2 Prozent (Eurozone) erreicht ist.

Für das Timing ist aus Anlegersicht indes der Weg dahin ausschlaggebend. Das heißt, sobald statt der Inflations-Null vor dem Komma die Eins steht, wird der Goldpreis erheblich höher notieren als heute. Dafür maßgebend dürfte neben der Null- und Negativ-Geldpolitik schon im Lauf der nächsten Monate der schwindende Basiseffekt des vor einem Jahr niedrigen Ölpreises sein. Alles Weitere ist eine Frage der Eigendynamik von Inflationsraten: Sind sie erst einmal in Gang gekommen, lassen sie sich nicht mehr bremsen.

Die Preise von Gold und Silber und noch viel mehr die Kurse der Minenaktien entwickeln erst recht Eigendynamik. Versuchen Sie nicht zu ergründen, mit welchen Chart-Formationen, sondern kaufen Sie sukzessive (falls Sie nicht ohnehin schon genug Edles im Depot haben). Eine interessante Beobachtung am Rand: Minenaktien haben sich seit Jahresbeginn höchst unterschiedlich entwickelt. Das ist ein typisches Zeichen dafür, dass Großanlegern und ihren Analysten - die bisherige Liquiditätshausse hin oder her - fundamentale Faktoren wichtig sind.

Man braucht dafür nur Kursraketen wie DRD Gold und First Majestic mit den Nachzüglern Yamana und Pan American Silver zu vergleichen. Immerhin hat die Liquiditätshausse dafür gesorgt, dass auch die Performance der Nachzügler sich sehen lassen kann.

Was wir bislang erst ansatzweise erlebt haben, sind Fusionen und Übernahmen im Edelmetallsektor. Wer darauf spekulieren will, sollte sich im Internet die umfangreiche Liste der Aktien bei mcewencapital.com vornehmen. Dort wimmelt es vor potenziellen Übernahmekandidaten. Allerdings empfehlen sich im Zweifel Recherchen vor Ort, und das ist mit hohem Aufwand verbunden. Dann doch lieber auf andere Listen zugreifen: auf die der in den Indizes XAU und HUI enthaltenen führenden Aktien, einzusehen bei kitco.com

Für Gold, Silber und Minenaktien spricht nicht nur die Tatsache, dass Übernahmeschlachten, die in der Regel das Ende einer Hausse einleiten, noch weitgehend ausgeblieben sind. Sondern auch, dass die Meute der Hedgefondsmanager und sonstigen Großspekulanten sich erst zaghaft an den Edelmetallsektor heranschleicht. Das hat etwas mit den Volumina zu tun: Im Revier des Standard & Poor's-500-Index ist halt viel mehr große Beute zu machen als in den vergleichsweise kleinen Indizes XAU und HUI. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Zum Schluss ein Rat betreffend die in letzter Zeit grassierenden Preisziele für Gold und Silber und damit indirekt auch für Minenaktien: Ignorieren Sie sie ganz einfach! Das gilt im Übrigen auch für alles andere, was an Börsen gehandelt wird. Oder um nochmals auf das Thema Eigendynamik zurückzukommen: Niemand hat rechtzeitig die ganze Dimension der Gold- und Silberhausse in den 70er Jahren vorhergesagt, niemand die Technologieblase zum Ende der 90er Jahre. Und niemand weiß heute, wie hoch die Preise von Gold und Silber noch steigen werden. Dass sie es nach der jetzigen Konsolidierung tun werden, dafür sprechen allerdings die hier vorgebrachten Argumente.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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