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Zentralbanken als Aktionäre - keine gute Idee

03.09.2016  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Der Erwerb von Aktien durch Zentralbanken ist ein sehr schwerwiegender Eingriff in die Marktwirtschaft.

Hier und da war jüngst zu hören, die Europäische Zentralbank (EZB) erwäge, vielleicht künftig auch Aktien (in Form von ETFs) zu kaufen. Dies biete ihr eine weitere Möglichkeit, um die Geldmenge auszuweiten: Kauft die EZB zum Beispiel einen Aktienindex-ETF an der Börse, dann bezahlt sie den Kaufpreis mit neu geschaffenen Euro. Die auf diese Weise ausgeweitete Euro-Geldmenge treibt nachfolgend die Preise in die Höhe, so die Überlegung.

Beim Kauf eines Aktienindex-ETFs wird die Zentralbank nicht, wie man zunächst meinen könnte, Teileigentümer der Unternehmen. Sie partizipiert vielmehr nur an der Wertentwicklung des Aktienindexes. Der Kauf eines Aktienindex-ETF durch die Zentralbank löst dabei jedoch eine Transaktionskette aus, hinter der sich üblicherweise ein oder mehrere Swap-Geschäft(e) verbergen.

Ein Mitspieler in dieser Kette wird letztlich die Aktien zu Absicherungszwecken direkt erwerben. Vermutlich wird es eine Großbank sein.

Die Aktien werden also erworben, nicht weil die Bank sich unternehmerisch betätigen will, sondern weil sie ihre Zahlungsverbindlichkeiten, die sie im Swap-Geschäft eingegangen ist und von denen sie sich einen Gewinn erwartet, absichern will. Hier offenbart sich ein Problem:

Die Aktienbörse ist bekanntlich der Marktplatz, auf dem knappes Kapital zum besten Wirt gelenkt werden soll. Kauft die Zentralbank Aktienindex-ETFs, treibt sie nicht nur künstlich die Aktienpreise in die Höhe. Die Aktien werden zudem auch in die Hände von Marktakteuren gespült, die kein Interesse haben, langfristig am Unternehmenserfolg mitzuwirken. Das wird Kapitalfehlallokationen zur Folge haben, die Wachstum und Beschäftigung schmälern.

Bei Kauf von Aktien würde die Zentralbank natürlich unmittelbar zum Teileigentümer der Unternehmen. Sie hätte ein Stimmrecht auszuüben, Mitverantwortung zu tragen, würde unmittelbar den Unternehmenserfolg beeinflussen.

Auch erhält die Zentralbank möglicherweise Dividenden, die sie wiederanlegen muss. Sind jedoch bürokratische Zentralbanker zu einer solchen unternehmerischen Leistung befähigt?

Wohl nicht. Ansonsten wären sie ja Unternehmer oder gleich Investoren geworden. Der Erwerb von Aktien durch eine Zentralbank ist ein schwerwiegender Schlag gegen die Marktwirtschaft: Er kommt einer Sozialisierung von Unternehmervermögen gleich, die unweigerlich dazu führt, dass das Herzstück der Marktwirtschaft (oder das, was von ihr noch übrig geblieben ist) erlahmt oder gar außer Kraft gesetzt wird.

Dass die Zentralbanken direkt in die Aktienmärkte eingreifen werden, wenn es zur Lösung tagesaktueller Problemen opportun erscheint (wie zum Beispiel das Abwehren eines "Aktienmarkt-Crashs"), ist nicht von der Hand zu weisen.

Denn mit ihrer Niedrig - beziehungsweise Negativzinspolitik üben sie ja bereits einen verzerrenden Einfluss auf im Grunde alle Finanzmarktpreise, einschließlich der Aktien, aus. Die Skrupel, noch stärker in die Märkte für Unternehmensanteile einzugreifen, dürfte vermutlich bereits relativ gering geworden sein. Anleger sollten sich also nicht von möglichen Kurssteigerungen blenden lassen, die Aktienkäufe durch die Zentralbanken nach sich ziehen. Sie sollten vielmehr die Probleme vor Augen haben, die eine solche Politik nach sich ziehen würde.

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Die Schweizer Nationalbank (SNB) kauft mittlerweile ausländische Aktien. Mitte 2016 waren etwa 20 Prozent ihrer Fremdwährungsreserven in Unternehmensanteilen investiert - das dürften etwa 130 Mrd. CHF sein. Damit hat die SNB einen beträchtlichen Teil ihrer Euro-Guthaben, die sie zuvor zur Abwertung des Franken-Außenwertes aufgekauft hat, in Dividendenpapiere gesteckt.

Auf diese Weise entgeht sie den Niedrig - beziehungsweise Nullzinsen, die sie erleiden würde, wenn sie Euro-Papiere und -guthaben halten würde. Allerdings kauft die SNB keine Schweizer Aktien. Vermutlich ist auch der Schweizer Aktienmarkt mit einer Marktkapitalisierung von etwas mehr als 1 Billionen CHF zu klein, als dass die SNB Aktien kaufen könnte, ohne dabei die Kurse für alle Augen sichtbar zu beeinflussen.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH



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