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Den Notenbanken ist alles zuzutrauen

11.09.2016  |  Manfred Gburek
Wie doch der Schein trügen kann: Am vergangenen Donnerstag kaufte sich EZB-Chef Mario Draghi Zeit, indem er offen ließ, wann und wie es mit dem Wertpapier-Kaufprogramm der EZB weiter gehen soll. Doch dass es mit ein paar Veränderungen fortgesetzt wird, steht außer Frage. Wozu also Zeit kaufen? Weil hinter Draghis scheinbarem Zögern seine Erwartung steckt, dass die Inflationsrate im Euroraum bis zum Jahresende von aktuell 0,2 Prozent stärker als allgemein erwartet steigen werde.

Das hat auch etwas mit den anderen Notenbanken zu tun. In den kommenden Wochen wird es nämlich Schlag auf Schlag gehen: Die Chefs der britischen, der amerikanischen und der japanischen Notenbank müssen sich nur zwei Wochen nach der europäischen etwas einfallen lassen, um einerseits die Finanzmärkte zu beruhigen, andererseits ein Signal zu setzen, wohin die Geldpolitik 2017 tendieren soll. Das Ganze in wichtigen Punkten trotz divergierender Interessen möglichst fein abgestimmt, damit die Teilnehmer an den Finanzmärkten - die Meute, wie ich sie vor einigen Wochen genannt habe - bloß nicht verrückt spielen.

Seien wir realistisch: Seit nunmehr fast drei Jahrzehnten reden Notenbanker uns ein, mit dem Inflationsziel von oder um 2 Prozent - in Schwellenländern etwas höher - könne man die Weltwirtschaft lenken. Das hat sich aber als Irrtum erwiesen. Wer prescht jetzt vor und spricht offen aus, dass Inflationsziele wenig taugen? Das trauen sich nur wenige Geldpolitiker im jetzigen Stadium der wirtschaftlichen und monetären Entwicklung. Unter ihnen zuletzt dominant: John Williams, Fed-Gouverneur von San Francisco. Er plädierte neulich entweder für ein höheres Inflationsziel - 4 Prozent machen gerade die Runde - oder für dessen Abschaffung.

Der publikumswirksame Vorstoß von Williams war natürlich mit Fed-Chefin Janet Yellen abgestimmt. Er fiel auf fruchtbaren Boden, weil er die Diskussion über den Abschied von der mittlerweile schlapp gewordenen Geldpolitik endlich mal wieder in eine neue Richtung lenkte. Zumal gleichzeitig Yellen ihrerseits forderte, Notenbanker sollten doch bitteschön prüfen, welche Wertpapiere außer den derzeit gängigen sonst noch für Aufkäufe infrage kämen. Nur ein Wunschtraum? Von wegen! Es riecht geradezu danach, dass die westlichen Notenbanken an einem Modell basteln, wie es Haruhiko Kuroda, Präsident der japanischen Notenbank, seit geraumer Zeit praktiziert und auch seinen Mitstreitern in Washington, London und Frankfurt vorgeschlagen hat. Es schließt sogar den Aufkauf von Aktien ein.

Es wäre eine Verzweiflungstat mit ungewissem Ausgang. Denn die Erfahrungen mit dem japanischen Modell sind gemischt, abzulesen am Auf und Ab der Aktienkurse in Tokio: Erst schossen sie in der anfänglichen Euphorie nach oben, dann fielen sie zurück, zuletzt erholten sie sich wieder. Bis heute sind sie in erster Linie von der extrem hohen Liquidität seitens der japanischen Notenbank getrieben, nicht etwa von besonders steigenden Gewinnen japanischer Konzerne. Und so etwas soll als Blaupause für die Notenbanken in Europa und in den USA dienen? Die richtige Antwort lautet: Im jetzigen Stadium der Weltwirtschaft ist den Notenbanken alles zuzutrauen, auch das.

Die ultralockere Geldpolitik geht mit extrem niedrigen, immer mehr ins Minus rutschenden Zinsen einher. Typisches Beispiel: In der vergangen Woche haben die Konzerne Henkel und Sanofi Anleihen mit negativen "Renditen" emittiert - am Primärmarkt eine Premiere, nachdem zum Beispiel Nestlé-Anleihen schon vor geraumer Zeit als erste im Sekundärmarkt ins Renditeminus vorgestoßen waren. Nun braucht es kaum noch Phantasie zur Prognose, dass weitere Emittenten von Unternehmensanleihen dem Beispiel von Henkel und Sanofi folgen werden - und dass die EZB in Ermangelung attraktiver Staatsanleihen sich auch mit Unternehmensanleihen vollpumpen wird. Der Schritt zu Aktien wäre dann nicht mehr allzu weit.

Die Ausgabe von Anleihen mit negativen "Renditen" - sei es durch den Staat, sei es durch Unternehmen - ist Opportunismus pur: Vorratsfinanzierung zulasten der Gläubiger, also auch der Millionen von Sparern. Kann man damit die Wirtschaft stimulieren, womöglich Investitionsanreize schaffen und den Konsum in Schwung bringen? Lassen wir die Zahlen sprechen: Noch bis zur Jahresmitte gelang innerhalb der Eurozone die Stimulanz wenigstens in Deutschland, jedenfalls zum Teil gelungen, nämlich im Wohnungsbau und in einigen Konsumsparten. Zu bedenken ist indes, dass die deutsche Industrieproduktion dann im Juli um 1,5 Prozent und damit unerwartet stark sank, dass Investitionsgüter um 3,6 Prozent weniger nachgefragt wurden und dass sogar der Konsum um 2,6 Prozent abrutschte.

Die entsprechenden Daten aus den USA sind zum Abgewöhnen. Und da labern Börsianer dort ständig von der nächsten Zinserhöhung. Immer häufiger habe ich den Eindruck, das ganze Börsenwesen sei eine einzige Unterhaltungsindustrie. Dazu gehört unter anderem auch, dass Multimilliardär George Soros seit kurzer Zeit mit amerikanischen Aktien à la baisse spekuliert und dies in die weite Welt hinausposaunt. Wahrscheinlich wird er in absehbarer Zeit recht bekommen, weil die Aktien drüben noch mehr als in Europa primär von Liquidität und immer weniger von positiven Daten aus den Unternehmen getrieben sind. Nur kann absehbare Zeit bedeuten: noch in diesem Herbst oder nach der Präsidentschaftswahl - oder wenn im kommenden Jahr der Traum von Aktienkäufen durch die Notenbanken in Amerika und Europa zerplatzt.

Wie nicht anders zu erwarten, bergen die hier beschriebenen Szenarien so viel Unsicherheit und damit ein derart hohes Risiko, dass Sie für Ihre Geldanlage auch weiterhin eine Sicherheitsstrategie verfolgen sollten. Das heißt, in den kommenden Monaten auf Gold und Silber setzen (Anleger mit starken Nerven können bei einem Zwischentief wie zuletzt auch Gold- und Silberaktien kaufen), geduldig bleiben und den liquiden Teil des Vermögens - zumal bei nicht der staatlichen Einlagensicherung unterliegenden Beträgen über 100.000 Euro pro Person und Bank - in inflationsindexierten Bundesanleihen anlegen.

Letztere habe ich in verschiedenen Kolumnen schon einige Male empfohlen. Ihre Kurse schwanken leicht. In der abgelaufenen Woche sind sie erst gestiegen, dann wieder gefallen. Da ihre Wirkungsweise komplex und stark von Inflationserwartungen abhängig ist, hier nur so viel:

Die - derzeit noch vor sich hin schlummernde - Inflationsrate muss eine bestimmte Höhe erreichen, damit inflationsindexierte sich im Vergleich zu den üblichen Anleihen lohnen. Dann spricht man von der Break-even-Inflationsrate. Liegt die tatsächliche über der Break-even-Inflationsrate, lohnen sich inflationsindexierte im Vergleich zu üblichen Anleihen. Hier folgen vorsorglich noch einmal die Wertpapier-Kennnummern von vier solchen Anleihen mit unterschiedlich Laufzeiten: 103052, 103054, 103055 und 103056. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft alle vier.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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