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Finanzkrieg: Deutschland gegen den Rest der Welt

23.10.2016  |  Manfred Gburek
Welch ein paradoxer Wahnsinn: In diesen Tagen begibt ein Land nach dem anderen Anleihen, deren Rückzahlung wegen extrem langer Laufzeiten fragwürdig oder sogar unmöglich erscheint. Und Großanleger reißen sich um sie! Polen ist mit einer Euroanleihe dabei, obwohl das Land nicht zum Euroraum gehört - eine Art Zinsdifferenzgeschäft (geht im Regelfall daneben).

Argentinien hat milliardenschwer zugegriffen, und das nicht zum ersten Mal - das Land wurde in den vergangenen Jahrzehnten von Banken geradezu geschunden. Auch Saudi-Arabien hat es mit Milliarden - was andere klamme Ölstaaten als Einladung betrachten dürften, es ähnlich zu versuchen. Und kaum denkt man, das alles müsste erst einmal reichen, da nimmt Italien am Milliardenpoker teil: mit einer 50-jährigen Anleihe zu 2,85 Prozent Verzinsung.

Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds oder Lebensversicherer haben sich geradezu auf die neue Italien-Anleihe gestürzt. Denn ihnen wird es dadurch etwas leichter gemacht, ihren langfristigen Pensionsverpflichtungen gerecht zu werden. Dass die Anleihe in 50 Jahren womöglich nichts mehr wert sein wird, weil Italien bereits heute hoch verschuldet ist und die Schulden später überhaupt nicht mehr zurückzahlen kann, stört sie kaum - schließlich geht es ja darum, den Schein der Zahlungsfähigkeit solange wie möglich zu wahren.

Wie ist so etwas möglich, ohne dass ein Protestschrei durch Europa geht? Ganz einfach: Die EZB wird es richten. Sie kauft bekanntlich Anleihen auf, was das Zeug hält, und hat es damit bisher schon auf ein Volumen von 1,74 Billionen Euro gebracht. Nur mangelt es mittlerweile an Anleihen mit Laufzeiten bis zu 30 Jahren, der jetzigen Laufzeit-Obergrenze. Also liegt es nahe, diese Grenze auszudehnen.

Ob dabei 50, etwas weniger oder sogar mehr Jahre herausspringen werden, ist nur von sekundärer Bedeutung - dann passen Euroländer mit hohem Kapitalbedarf, wie Italien, Portugal, Irland und einige andere, die Konditionen ihrer nächsten Anleihen eben entsprechend an. Die Laufzeit-Entscheidung durch den EZB-Rat könnte bereits bei dessen nächster Sitzung am 8. Dezember fällig werden.

Und danach? EZB-Chef Mario Draghi höchstpersönlich hat bei der Zusammenkunft des EZB-Rats am vergangenen Donnerstag mit der folgenden Aussage ein Signal gesetzt: "Ein jähes Ende der Anleihekäufe ist unwahrscheinlich." Doch was ist wahrscheinlich? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Käufe werden in der bisherigen Größenordnung über den kommenden März hinaus fortgesetzt, dann womöglich unter Einbeziehung von Laufzeiten über 30 Jahre hinaus, oder sie fallen geringer aus. Welche Alternative infrage kommt, wird von der Entwicklung der Konjunktur und der Inflation abhängen.

Aber sind damit die Weichen wirklich gestellt, oder kann alles noch ganz anders kommen? Tatsache ist: Deutschland hat erhebliche Bedenken gegen die - nach den Worten von Draghi zu urteilen, praktisch beschlossene - Fortsetzung der Anleihekäufer über den kommenden März hinaus. Daraus dürfte sich erheblicher Zoff mit dem Großteil der anderen Euroländer entwickeln. Wohin das führen wird, bleibt derweil offen. Jedenfalls ist es nicht allein Bundesbank-Präsident und EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann, der sich gegen die ultralockere Geldpolitik der EZB mit ihren gigantischen Anleihekäufen stemmt.

Auch große Teile der Bundesregierung unter Führung von Finanzminister Wolfgang Schäuble haben etwas dagegen. Kurzum, wir befinden uns hier in einem Finanzkrieg. Überspitzt formuliert: Deutschland gegen den Rest der Welt.

Wenn dazu noch ein Beweis nötig gewesen wäre, er hätte nicht eindeutiger kommen können als aus Anlass des Jahrestreffens der Notenbanker und Finanzminister vor zwei Wochen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Da wurde Deutschland - zwar nicht zum ersten Mal, aber jetzt mit vereinten Kräften - wegen seiner Erfolge an den Pranger gestellt. Doppelte Begründung: zu wenig Schulden und zu hoher Handelsbilanz-Überschuss.

Wundern Sie sich nicht, genau so lautete die Begründung. Das Perfide an dieser Kritik: Deutschland war nicht ausdrücklich genannt, doch eindeutig gemeint. Und wer gehörte zu den Kritikern? Neben einigen anderen ausgerechnet auch EZB-Präsident Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde. Ihr gemeinsames Plädoyer: Deutschland solle mehr Verantwortung für die Weltwirtschaft übernehmen und so zum politischen Frieden beitragen.

Das ist dumm und dreist. Dumm, weil Deutschland nicht die ganze Welt retten kann, und dreist, weil Draghi, Lagarde & Co. sich dessen bewusst sind. Daraus folgt: Es geht längst nicht mehr allein um Wirtschaftswachstum und Beschäftigung, Handelsbilanzen und Schulden, sondern um die unter Einsatz äußerst fragwürdiger Argumente zu erzwingende schiere Umverteilung von Ländern mit halbwegs soliden Finanzen (wie Deutschland) zu den chronischen Defizitsündern (wie Italien, aber auch Frankreich u.a.). Erzwingen, das bedeutet unter anderem, sich auch des IWF zu bedienen, der dann nur allzu gern die moralische Keule schwingt.

Kann Deutschland seinen eigenen Weg gehen, sich also der internationalen Schuldenorgie und dem Druck vonseiten anderer Länder einschließlich EZB und IWF entziehen? Als die Bundesbank in Sachen Geldpolitik noch etwas zu sagen hatte, war ein deutscher Sonderweg möglich. Aber seit sie über die EZB in das Eurosystem integriert ist, bleibt ihr, ebenso wie der Bundesregierung, nichts anderes übrig, als sich wenigstens den allzu abstrusen Forderungen von anderer Seite entgegenzustellen, aber ansonsten dem Druck von außen Stück für Stück nachzugeben.

Zum Entgegenstellen hat der sichtlich angeschlagene deutsche Finanzminister in Washington tapfer seinen Beitrag geleistet. Das schützt ihn ebenso wie den an seiner Seite kämpfenden Bundesbank-Präsidenten Weidmann allerdings nicht vor weiteren Anfeindungen - spätestens am 8. Dezember, wenn der EZB-Rat erneut tagen und die Modalitäten zum weiteren Aufkauf von Anleihen verkünden wird.

Welche Erkenntnisse gewinnen wir aus dem hier beschriebenen Szenario für die Geldanlage?

1. Finger weg von Anleihen (mit Ausnahme inflationsindexierter Bundesanleihen, sofern sie als Liquiditätsersatz dienen), Finger weg auch von Rentenfonds sowie von langfristig bindenden Anlagen, wie Kapitallebensversicherungen und Riester-Renten.

2. Wohnimmobilien taugen derzeit nur für den Eigenbedarf, nicht zur Vermietung. Gewerbeimmobilien sollten den auf sie spezialisierten Profis überlassen werden.

3. Aktien profitieren noch von der überschüssigen Liquidität an den Börsen, sind jedoch im großen Ganzen schon zu hoch bewertet. Das gilt im Prinzip auch für die meisten Aktienfonds einschließlich der viel gepriesenen börsengehandelten ETF. Also abwarten!

4. Gold und Silber in Form von Anlagemünzen und Barren dienen vor allem als Schutz vor den absehbaren negativen Folgen der extrem hohen Schulden auf der ganzen Welt. Ihr prozentualer Anteil am Vermögen sollte vorsorglich zweistellig sein.

Wie steht es um das Timing? Wir wissen, dass fast alle Anlageklassen sich in den vergangenen fünf Jahren erfreulich entwickelt haben (Ausnahme: die meisten Rohstoffe, außerdem Gold und Silber, die erst seit der letzten Jahreswende in Schwung gekommen sind). Wir können zwar nicht in die Zukunft blicken, aber wir wissen aus Erfahrung, dass Aktien und Gold sich nach jedem größeren Kursrückschlag wieder berappeln.

Daraus folgt: Das Timing kann in beiden Fällen noch so schlecht sein, am Ende kommen Anleger mit dem Schrecken davon. Oder um ein konkretes Fazit zum Timing zu ziehen: Aktien weiter nur verfolgen und mit Käufen auf viel niedrigere Kurse warten, weil Bewertungsabschläge kommen werden. Dagegen den Goldanteil am Gesamtvermögen, falls noch nicht geschehen, jetzt endgültig auf die individuell abgestimmte Höhe bringen.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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