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Gelogen wird querbeet

19.02.2017  |  Manfred Gburek
Vom Großinvestor Warren Buffett stammt der Satz: "Nur bei Ebbe sieht man, wer nackt badet." Auf die Finanzen hoch verschuldeter großer Euroländer übertragen - Frankreich, Italien, Spanien -, bedeutet das: Solange Geldflut statt Geldebbe herrscht, erkennt man nur schemenhaft bis gar nicht, welches Land eines Tages bei Ebbe seinen wahren Finanzstatus zu erkennen geben wird. Bis dahin profitieren die Schuldenländer, indem sie munter Staatsanleihen mit niedrigen Kupons ausgeben, von der Geldflut seitens der EZB.

Sie sorgt dafür, dass die damit einhergehenden extrem niedrigen Zinsen vorrangig diesen Schuldenländern zugute kommen und sie zur Disziplinlosigkeit im Umgang mit den Schulden geradezu einladen.

Dadurch ist längst Wirklichkeit geworden, was rechtlich und vertraglich nicht sein darf: Die EZB betreibt auf Umwegen Fiskalpolitik, mag ihr Präsident Mario Draghi einschließlich Anhang im EZB-Rat dies noch so sehr abstreiten. Und die drei genannten großen Euroländer sind mit ihrer Verschuldung beileibe nicht allein. Man denke nur an Griechenland, wo sich Schulden aufgetürmt haben, die nie und nimmer zurückgezahlt werden können. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner, und gelogen wird querbeet. Spätestens nach der Bundestagswahl dürfte ein Großteil der Wahrheit ans Tageslicht kommen.

Aus alldem folgt: Eher über kurz als über lang muss Abhilfe geschaffen werden. Nur wie? Ausgerechnet da kommt dem alten Europa - oder treffender formuliert: dem Schlendrian in den meisten Euroländern - jemand zu Hilfe, mit dem bis zur US-Präsidentschaftswahl nur wenige gerechnet hatten: Donald Trump, der aus der Art geschlagene Strippenzieher im Weißen Haus . Denn sein Slogan "America first" bedeutet ja mehr, als Importzölle zu erheben oder einen Einreisestopp für unerwünschte Migranten zu verfügen.

Er bedeutet auch: Europa viel intensiver als bislang an der militärischen Aufrüstung zu beteiligen. Europa, das heißt in erster Linie die Eurozone mit Deutschland als hartem finanzkräftigem Kern. Bis zur gemeinsamen Fiskalpolitik ist es dann nicht mehr weit.

Gerade in jüngster Zeit fiel auf, dass Politiker immer häufiger von der Notwendigkeit einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik schwadronierten. Ganz nach dem Motto: Ein Nato-Land allein schafft es nicht, Russland die Stirn zu bieten, nur gemeinsam sei das möglich. Dass damit die Verlagerung der finanziellen Lasten von Amerika nach Europa einhergehen würde, war dann meistens nur eine Randnotiz wert. Und die Mainstream-Medien waren sich nicht zu schade, die Notwendigkeit einer solchen Verlagerung hervorzuheben.

Mehr noch, ein Großteil der darüber geführten öffentlichen Diskussion lenkte zusätzlich vom eigentlichen Problem ab. Da wurde ein Abwertungswettlauf der Währungen bis zum Währungskrieg prophezeit (der kommt erst später), verbunden mit weiterem Protektionismus und der Warnung vor der Gefahr, bald werde ein riesiger Geldstrom aus Europa nach Amerika abfließen (einstweilen sprechen wichtige Indikatoren dagegen).

Dabei mischte Donald Trump kräftig mit, indem er die Debatte anheizte, um sich die Pole Position während der jetzt folgenden Verhandlungen um die Verteilung der Lasten zu sichern. Aus amerikanischer Sicht ganz schön clever - oder durch die europäische Brille betrachtet: Der alte Kontinent wird sich der Aufforderung des US-Präsidenten zwangsläufig beugen.

Warum? Weil Europa ohne politische Führung dasteht und sie auch nicht bekommen wird. Insofern ist Mario Draghi eine Art Führungsersatz. Dass er in dieser Funktion neben der Geld- auch Fiskalpolitik betreibt, ist nur eine allzu logische Konsequenz. Und wenn er ständig vom geldpolitischen Mandat der EZB spricht, kann er sich nie die Bemerkung verkneifen, die EZB handle im Rahmen ihres Mandats - ohne allerdings zu präzisieren, was im Einzelnen dazu gehöre und was nicht.

Derweil wird der amerikanische Druck auf Europa immer größer. Und wieder bekleckern sich die Mainstream-Medien nicht gerade mit Ruhm, indem sie viel zu viel Verständnis für die Belange der Amerikaner aufbringen. So lesen und hören wir: Der deutsche Exportüberschuss sei im Verhältnis zu den USA seit dem Krisenjahr 2009 von 15 auf 50 Milliarden Euro gestiegen.

Davon entfällt übrigens nahezu die Hälfte auf Autos und ein weiterer großer Brocken auf den Maschinenbau. So könne es nicht weiter gehen, Abhilfe müsse her. Und prompt meldet sich der Internationale Währungsfonds zu Wort, in dem seit je her die USA das Sagen haben, und leiert die alte Forderung herunter, die deutsche Bevölkerung solle mehr konsumieren statt zu sparen und Deutschland sich höher verschulden, damit alles ins Gleichgewicht komme.

Deutschland wird sich dessen kaum ganz erwehren können, zumal Politiker aller Parteien die Zeit vor der anstehenden Bundestagswahl nutzen dürften, um unhaltbare Wahlversprechen zu machen. Dazu wird sicher auch eine gewisse Arbeitsplatzgarantie für den Großteil der Beschäftigten in deutschen Schlüsselindustrien gehören, von der Autoindustrie samt Zulieferern über den Maschinenbau bis zur chemischen und Elektro-Industrie. Währenddessen wird der US-Präsident ständig "America first" anmahnen, ohne sich indes darüber im Klaren zu sein, dass er seinen Parolen schon bald Taten folgen lassen muss, um glaubwürdig zu erscheinen.

Dass Europa in den nächsten Jahren mächtig aufrüsten wird, kann bereits als beschlossen gelten. Ebenso, dass europäische und im Besonderen auch amerikanische Rüstungskonzerne davon stark profitieren werden. Was außerdem feststeht und im Kreis der Eurokraten längst als ausgemachte Sache gilt, jedoch noch nicht an die große Glocke gehängt wird, sind die sozialen Kosten. Sie werden in den Etats der Euroländer bis auf Weiteres dominieren.

Kluge Volkswirte haben ausgerechnet, dass international aufgestellte US-Konzerne im Durchschnitt nur einem Steuersatz von gut 25 Prozent unterliegen. Das ist, global wie auch historisch gesehen, extrem niedrig. Das amerikanische Repräsentantenhaus schlägt nun eine Senkung auf 20 Prozent vor, das Team um Donald Trump sogar eine auf 15 Prozent. Vor allem diese Zahlenspiele sind es, die den jüngsten Höhenflug der amerikanischen Aktienkurse ausgelöst haben. Und was soll für das Haushaltsdefizit herhalten, das durch niedrigere Steuern zwangsläufig entstehen wird? Natürlich noch mehr Schulden, die Uncle Sam zu machen gedenkt.

Haben Anleger also konsequent gehandelt, als sie die amerikanischen Aktienkurse zuletzt nach oben trieben? Rückwärts betrachtet, ja. Aber auch mit Blick in die Zukunft? Diesbezüglich gilt es zu unterscheiden: Auf Sicht von etwa zwei Jahren, bis zur Halbzeit von Trumps Regentschaft (falls er überhaupt durchhält), werden die Ausgaben für das voluminöse Konjunkturprogramm zur Verbesserung der Infrastruktur steigen, ohne dass ihnen adäquate Einnahmen gegenüberstehen. In dieser Zeit dürften die Aktienkurse einen Dämpfer erhalten. Erst in der Zeit danach ist mit Kursimpulsen vonseiten der Konjunktur zu rechnen.

Übergangsphasen der hier beschriebenen Art lassen Anleger erfahrungsgemäß vorsichtig werden. Das wird dieses Mal nicht anders als sonst sein. Folglich sind jetzt Alternativen zu Aktien gefragt. Anleihen taugen dafür, wenn überhaupt, nur in sehr begrenztem Umfang und nicht über längere Zeit, allein schon wegen der internationalen Schuldenwirtschaft. Immobilien in Anbetracht der hohen Preise, in Amerika wie in Europa, ebenfalls nicht. Also bleiben als Alternativen: Geld auf der hohen Kante, nicht zuletzt für die spätere Schäppchenjagd, und Gold einschließlich Silber. Die beiden Edelmetalle sind gewissermaßen lügenresistent, und das ist in diesen Zeiten der politischen Lügen sehr viel wert.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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