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Eurozonen-Pessimismus - Kür oder Pflicht?

27.02.2017  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1.0566 (07.24 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1.0552 im asiatischen Handel markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 112.20. In der Folge notiert EUR-JPY bei 118.55. EUR-CHF oszilliert bei 1.0647.

Nach einer guten Brise Alpenluft im Dreiländereck in Tirol dank des Engagements meines Jugendfreunds Jens fällt der Blick auf die Lage einfacher. Erst einmal sei betont, dass sich in Nauders (Österreich) wirklich Holländer mit Belgiern, Russen, Schweizern, Polen, Österreichern und Deutschen sehr gut verstehen. Das hat als Portion anekdotischer Evidenz bezüglich des Gedankens Europas wirklich sehr viel Mut gemacht! Briten waren nur selten anzutreffen …

Bei der Durchsicht der Nachrichten zu Wirtschaft, Politik und Märkten sticht sofort die positive Performance der europäischen Wirtschaft ins Auge.

Am Freitag war es Italien, das punktete. Laut ISTAT legte das Barometer für die gesamte Wirtschaft um 0,7 auf 104 Punkte zu und markierte den höchsten Stand seit Dezember 2015.

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Diese weitegehend unerwarteten positiven Erfolge aus der Eurozone, die faktisch sind, werden jedoch nicht angemessen diskontiert. Es gibt Marktkräfte, die seit Jahren bewußt Krisenszenarien für die Eurozone heraufbeschwören, ohne dass sie jemals dann auch eingetreten sind.

Was bedeutet dieses Phänomen? Kapitalströme, die die Eurozone dank der Reformen und der sich daraus ergebenden Resultate längst verdient hätte, werden in dritte Länder umgeleitet. Damit wird das durch Reformen forcierte Potential der Eurozone nur mit Verzögerung erschlossen. Wem nutzt das? Wir sind auf Ihre Antworten gespannt!

Das Thema, das derzeit gegen die Eurozone mißbraucht wird, liefert angeblich Frankreich. Das Risiko Le Pen steht wie das Schwert des Damokles an der pulsierenden Halsschlagader Kontinentaleuropas. Anders kann man die Bewertung des Bund-Futures, des Euros als auch der europäischen Aktienmärkte nicht erklären.

In dieser Hinsicht fragt es sich, mit welchen Vorsprung die Dame Le Pen denn nun bei der wesentlichen Stichwahl führt, dass Märkte so irrtiert und mehr noch, so ineffizient agieren?

Kommen wir zu den Fakten:

In den aktuellen Umfragen von Odoxa/Dentsu-Consulting läge der Kandidat Macron in der entscheidenden Stichwahl mit 61% vor Marine Le Pen mit 39%. In der ersten Runde der Wahl käme Le Pen auf 27%, Macron auf 35% und Fillon auf 19%. Wir stellen Ihnen erneut eine Frage und sind auf Ihre Antworten gespannt: Mit wie viel Prozent müssen Macron oder Fillon in der Stichwahl in den Umfragen führen, dass Märkte in klassischer Manier ihre sachliche Diskontierungsfähigkeit wiedergewinnen? Ist latenter Eurozonen-Pessimismus eine Pflicht oder doch nur Kür einiger Kreise?

Die Daten aus den USA lieferten keine wesentlichen Erkenntnisse. Das Land wird politisch immer geteilter. Die Wirtschaftsdaten implizieren derzeit einen Wachstumsclip, der maßgeblich auf Kreditausweitung basiert, im Dunstkreis von 2%.

Bezüglich der öffentlichen Haushaltslage wird es im März interessant. Am 15. März läuft die Periode aus, in der die Haushaltsgrenzen aufgehoben waren.

Wie sagte David Stockman, früherer White House Budget Director unter Ronald Reagan, am Wochenende so treffend:

“I think we are likely to have more of a fiscal bloodbath rather than fiscal stimulus. Unfortunately for Donald Trump, not only did the public vote the establishment out, they left on his doorstep the inheritance of 30 years of debt build-up and a fiscal policy that’s been really reckless in the extreme. People would like to think he’s the second coming of Ronald Reagan and we are going to have morning in America. Unfortunately, I don’t think it looks that promising because Trump is inheriting a mess that pales into insignificance what we had to deal with in January of 1981 when I joined the Reagan White House as Budget Director.”

Aber wer will das schon hören, mehr noch, will das jemand an Märkten diskontieren? Hier ist Permaoptimismus angesagt, so ganz im Gegenteil zu der Bewertung der Eurozone! "Food for thought!"

Das US-Verbrauchervertrauen nach Lesart der Universität Michigan sank laut finaler Berechnung per Februar von zuvor 98,5 auf 96,3 Punkte. Die Prognose lag bei 96,0 Punkten. Der vorläufige Wert per Februar war bei 95,7 Zählern.

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Der Absatz neuer US-Wohnimmobilien legte in der annualisierten Darstellung von zuvor 535.000 auf 555.000 zu. Die Prognose war bei 570.000 angesiedelt.

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Aktuell ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem USD favorisiert. Erst ein Unterschreiten des Unterstützungsniveaus bei 1.0350-1.0320 dreht den Bias zu Gunsten des USD.

Viel Erfolg!


© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank



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