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EZB, was muss noch geschehen? US-Daten wenig erbaulich…

28.04.2017  |  Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1.0858 (07.38 Uhr), nachdem der Tiefstkurs der letzten 24 Handelsstunden bei 1.0852 im europäischen Handel markiert wurde. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 111.17. In der Folge notiert EUR-JPY bei 120.75. EUR-CHF oszilliert bei 1.0807.

Die EZB hat den Erwartungen entsprechend keine Veränderungen beim Leitzins (0,0%), der Einlagenfazilität (-0,40%!) und den quantitativen Maßnahmen vorgenommen. Ein Satz des EZB-Rats fasst die Zinsentscheidung als auch die Aussagen während der Pressekonferenz zusammen: "Die Leitzinsen werden länger und weit über die Zeit der Anleiheankäufe hinaus auf aktuellem Niveau oder tiefer liegen!"

Damit ist an der Zinsfront nach oben zum jetzigen Betrachtungszeitpunkt definitiv nichts vor 2018 auf der Agenda. Mehr noch belegt diese Einlassung implizit die Tatsache, dass unerwartet positive Konjunkturdaten mit dem dahinter stehenden Inflationsimpuls für den EZB-Rat unerheblich sind (Chancen). Nur negative Daten bieten der EZB offensichtlich Handlungsspielräume. In wie weit ein solcher Ansatz dem Gebot der Sachlichkeit und Nüchternheit entspricht, könnte diskutiert werden. Muss die Eurozone mit 3% (aktuell knapp 2%) wachsen, um die EZB zu bewegen?

Erneut redet der EZB-Rat via Herrn Draghi maßgeblich über Risiken, die verbesserte Lage zunächst laut, aber letztlich doch nur widerwillig anerkennend, ohne den Begriff Chance in sein Repertoire aufzunehmen. Damit folgt er dem Skript, das seit 2013 dominiert. Fakt ist, dass dieser Aufschwung der Eurozone nur geringfügig mit Kreditexpansion zu tun hat. Es sind wiederkehrende Einkommen als Folge der Strukurreformen, die das Wachstum maßgeblich forcieren.

Ergo ist es nicht die EZB-Politik, die das Wachstum wesentlich treibt. Die Zins- und Geldpolitik ist flankierend aber fraglos unterstützend bei jedoch hohem strukturellem Risikopotential im Finanzsektor (LV, Versicherungen Depot A).

Der Verweis während der Pressekonferenz, dass die aus der EZB-Politik resultierenden negativen Folgen bisher begrenzt sind, ist für einen klassischen Zentralbanker "sportlich", denn der sollte vor und nicht hinter der Kurve sein! Das solitäre Anliegen des EZB-Rats ist die Preisinflation. Das Ziel bei knapp 2% ist nahezu erreicht. Es könnte daher heissen, "Mission Accomplished". Das Gegenteil ist der Fall.

Die "Inflationsdoktrin" des EZB-Rats hat sich verändert. Sie ist offensichtlich nicht fest verankert, sondern recht schwankend. Dennoch ist sie gemäß der gestern erlebten Wortwahl sakrosankt. Nun bezieht sich die "Inflationsdoktrin" des EZB-Rats auf die Kernrate, die übrigens geflissentlich in der Deflationsdebatte ignoriert wurde. Diese aus der eigenen Volkswirtschaft generierte Preisinflation (nur darauf sollte eine ZB reagieren) lag auch in der Phase der negativen Gesamtrate im Dunstkreis bei +1%.

Heute steht die Veröffentlichung der ersten Schätzung der Verbraucherpreise der Eurozone per April an. Die Kernrate soll bei 1% liegen. Die Gesamtrate bei 1,8%. Mit Deflationsgefahren, die Grundlage der Implementierung der aktuellen Zinspolitik und Geldpolitik waren, hat das aktuelle Umfeld der Eurozone nichts, nein, hat das gar nichts zu tun!

Diese asymmetrische Interpretation seitens der EZB, sich jetzt solitär auf die Kerninflation zu projizieren, nachdem man sich zuvor solitär auf die Gesamtrate fokussiert hatte, wirft Fragen auf, wenn man den EZB-Rat nicht dem Vorwurf der Beliebigkeit aussetzen will. Ist es Politik nach Gutsherrenart oder verfolgt die EZB andere Ziele als Preisstabilität, die nach dem Textbuch übrigens nicht bei 2% Preisinflation liegt, sondern laut Adam Riese bei 0%.

Losgelöst von der aktuellen Verbalakrobatik sind wir auf die kommenden Sitzungen gespannt. Denn Worte sind eben nur Worte. Konrad Adenauer hatte diesbezüglich eine klare Ansage …


Fassen wir zusammen:

Die EZB verweigert sich einer realistischen Bewertung der quantiativen und qualitativen (auf Einkommen basierend) makroökonomischen Performance und redet latent über Risiken. Damit wird der Aufschwung in der globalen Wahrnehmung schwach geredet. "Chapeau!" Stellen Sie sich das mal seitens eines CEO bei Bayer oder BASF vor!

Mit dieser Haltung der Beibehaltung der Null- und Negativzinsen wird die Kaufkraft der Geldvermögen (Zinspolitik als Steuer) geschmälert. Das schadet der Reputation der Eurozone, es schadet bezüglich der internationalen Kapitalströme, es schadet der Kaufkraft des Euros. Hochwertiger Kapitalstock (Unternehmen) kann so recht günstig in Hände Dritter gelangen. Eine geschätzte Kollegin ruft gerade Kuka, Kuka ….

Die Federal Reserve redet ein von nicht selbsttragenden Kräften durch Kredit alimentiertes makroökonomisches Gebilde stark, um Zinsen zu erhöhen. Die Kaufkraft des USD ist stark. So etwas kann genutzt werden um im Vergleich unterbewerteten Kapitalstock (KGV DAX 13,9 versus S&P 500 18,2) Dritter auzukaufen (Blackrock …). Kapitalstock ist übrigens auch ein Machtinstrument. Beide Zentralbankansätze sind fragwürdig und damit denkwürdig.

Damit kommen wir zu den Datensätzen der Eurozone, die gestern veröffentlicht wurden. Der Economic Sentiment Index (quasi IFO-Index der Eurozone) der Eurozone stieg unerwartet per Berichtsmonat April von zuvor 108,0 (revidiert von 107,9) auf 109,6 Punkte. Die Prognose war bei 108,1 Zählern angesiedelt. Damit markierte der Index das höchste Niveau seit September 2007.

Muss man derartige unerwartet positive Daten als Zentralbank ernst nehmen? Nein, man muss es nicht. Dann sollte man aber auch nicht auf die negativen Daten einer solchen Reihe agieren …


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