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Die Luftnummern der Zentralbanken

02.07.2017  |  Manfred Gburek
Zuerst eine vielsagende Kennzahl, die von den wenigsten Anlegern wahrgenommen wird: das Verhältnis des Gold- und Silberminenaktienindex XAU (alternativ HUI) zum S&P 500-Index für amerikanische Aktien. Es hat zur Jahreswende 2015/16 zunächst den Tiefpunkt von Anfang 2001 unterschritten, ist dann ein halbes Jahr gestiegen und jetzt fast wieder auf das 2015/16-Niveau gefallen.

Dieser Verlauf erinnert nicht nur an die Entwicklung der Kennzahl, sondern auch an die Trends der Gold- und Silberpreise vor und nach der Jahrtausendwende: Damals folgte der langen Durststrecke aus den 90er Jahren eine kurze Aufwärtsreaktion Ende September 1999, danach ein nochmaliger Preisrückgang und schließlich im Frühjahr 2001 der Beginn der zehnjährigen Gold- und Silberhausse, der auch die Minenaktien nach oben zog.

Obwohl das alles den Edelmetallfreunden unter Ihnen bewusst sein dürfte, erscheint es ratsam, nochmals darüber nachzudenken und sowohl die Preise von Gold und Silber als auch die Eskapaden der Minenaktien im Auge zu behalten. Denken Sie vor allem daran, wie die Kurse dieser Aktien allein im ersten Halbjahr 2016 rasant gestiegen sind, in Einzelfällen bis zu 500 und mehr Prozent. Das kann sich von Fall zu Fall wiederholen, wenn auch nicht im selben Tempo.

Zu Beginn der vergangenen Woche kam es zum großen Rätselraten, nachdem der Goldpreis in Sekundenschnelle wie vom Blitz getroffen gefallen war. Dazu hagelte es reichlich Interpretationen, von der versehentlichen Verwechslung des laufenden Unzenpreises mit dem Futurepreis bis zum irrtümlichen Tastendruck. Und weil besonders die Angelsachsen gern Gerüchte verbreiten, hatten auch sie eine originelle Erklärung für den Sekundenblitz: Just während dessen Einschlags habe der italienische Staat zwei marode Banken mit dem Einsatz von mindestens 15 Milliarden Euro vor der Pleite gerettet. Dadurch sei Italien gezwungen, sich von einem Teil seines Goldes zu trennen, was dessen Preis drücken würde.

Rechnen Sie damit, dass Gerüchte auch weiterhin die Preisentwicklung der Edelmetalle begleiten werden. Es fällt ja nicht gerade leicht, vor allem das Auf und Ab des Goldpreises - das Edelmetall verkörpert immerhin einen Wert an sich -, stets rational nachzuvollziehen. Versuchen Sie es trotzdem, sei es mithilfe von Kennzahlen wie der eingangs erwähnten oder schlicht und einfach mit dem gesunden Menschenverstand, der Ihnen sagen müsste, dass ein Wert wie Gold in einer Welt voller Schulden schon längst einen höheren Preis verdient hat.

In der vergangenen Woche hatte ich Gelegenheit, mit einigen erfolgreichen Anlagestrategen über ihre Favoriten zu sprechen. Interessant ist, dass sie nach wie vor europäische Aktien bevorzugen, ihr Augenmerk auch auf Aktien aus Schwellenländern richten, weiterhin den Euro gegenüber dem Dollar bevorzugen, Staatsanleihen überwiegend meiden und Engagements in physischem Gold (einschließlich Xetra-Gold) sukzessive ausbauen. Was Gold betrifft, ist ihr Motiv, wie nicht anders zu erwarten: der Wertverfall des sogenannten Papiergeldes durch die unaufhaltsame internationale Schuldenwirtschaft.

Die Gespräche landeten übrigens auffallend oft beim Thema Inflation einschließlich Inflationsziel. Meistens mit dem Ergebnis, dass die niedrige Kernrate (Inflationsrate abzüglich der zyklischen Preise für Energie und Lebensmittel) ausschlaggebend dafür ist, dass die Preise insgesamt immer noch nicht zu laufen beginnen.

Zuletzt sind die Lebensmittelpreise eher gestiegen, während die Energiepreise gefallen sind, in erster Linie zurückzuführen auf den Rückgang des Ölpreises. Dieser ist für die derzeitige und für die kommende Entwicklung der Inflation fraglos mitentscheidend - und weiterhin unbestimmt, hängt er doch von so unterschiedlichen, zum Teil unberechenbaren Förderländern ab, wie Saudi-Arabien und Russland, aber auch USA.

Lässt man das alles Revue passieren, drängt sich die Frage auf, warum führende Notenbanken wie die Fed in Amerika und die EZB in Europa angesichts der vielen Unwägbarkeiten stur an ihren Inflationszielen von 2 Prozent oder leicht darunter festhalten und warum sie zeitweise sogar mit dem Gedanken spielen, ihr Inflationsziel zu erhöhen. In Wahrheit handelt es sich nur um pseudowissenschaftliche Luftnummern, die eine Scheingenauigkeit vorspiegeln.

Doch was wird sich in der realen Welt wirklich abspielen? Auf jeden Fall dies: Die führenden Zentralbanken werden weiter Inflation anstreben, sich dabei allerdings bewusst sein, dass ihr Erfolg nicht von ihnen allein abhängt. Von wem sonst noch? Eindeutig von Politikern, die bislang gezögert haben, eine expansivere Fiskalpolitik zu betreiben – was bei der exzessiven Schuldenpolitik von Ländern wie Italien oder Frankreich nur allzu verständlich ist.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass nicht allein die extrem expansive Geldpolitik der Zentralbanken ein gewaltiges Experiment und ein Spiel mit dem Feuer ist. Auch der allmähliche Ausstieg aus dieser Politik ist ein solches. Es verunsichert zunehmend breite Anlegerkreise, denen diese Gefahr immer bewusster wird. Allein, was wir zu Beginn der abgelaufenen Woche erlebt haben, sollte uns Warnung genug sein: Der Bund Future, Terminkontrakt für langlaufende Anleihen, ist geradezu eingebrochen und hat die Anleihekurse mit nach unten gerissen.

Davon sind auch inflationsindexierte Anleihen betroffen, kurz Linker genannt. Da ihre Renditen niedriger sind als die der gängigen Bundesanleihen ohne Schutz vor Inflation, scheint ihr jüngster Kursrückgang, allein von daher betrachtet, plausibel zu sein - zumal angesichts einer Inflationsrate, die einfach nicht stärker steigen will. Man würde es sich jedoch zu einfach machen, daraus gleich auf einen kommenden Abwärtstrend der Linker zu schließen. Denn sie spiegeln derzeit vor allem die niedrigen Inflationserwartungen der Anleger wider, dagegen weniger die Inflation selbst.

Das bedeutet: Sobald die tatsächliche Inflation die in den Linkerkursen enthaltene Inflationserwartungen überrundet, werden diese Kurse steigen. Das kann schnell geschehen, etwa aus Anlass eines überraschenden Inflationsanstiegs oder falls das Experiment der Zentralbanken mit dem Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik daneben geht.

Halten wir fest: Statt Inflationsziele zu erhöhen, müssten die Zentralbanken sie eher senken. Doch das würde zwangsläufig zu einem Chaos an den Finanzmärkten führen. Also heißt es, die Ziele mit viel Wenn und Aber zu versehen. Wie das geht, hat EZB-Chef Mario Draghi erst vor wenigen Tagen gesagt: Die Inflation sei nur temporär so niedrig, und zwar bis 2019. Also temporär für zwei Jahre, ein Witz! Und danach?

Dieses Beispiel zeugt ein Mal mehr davon, wie sehr die EZB Neuland betreten hat, aus dem sie nicht so schnell wieder herauskommt. Ihre große Schwester Fed in den USA tut es ja schon viel länger. Alles in allem ist das ein Szenario, von dem Gold als Wert an sich nachhaltig profitieren wird. Einzig wie viel Zeit bis dahin vergehen wird, bleibt offen. Doch mit ein wenig Geduld lässt sie sich leicht überbrücken.

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© Manfred Gburek
www.gburek.eu


Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.



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