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Das Goldpreismanagement in Zeiten der Finanzrepression (Teil1/3)

24.08.2017  |  Lars Schall
Teil Eins: Der Schlüssel zur Goldpreisbeeinflussung

Ein Phänomen namens Finanzrepression


Anfang April 2001 schrieb der britische Ökonom Peter Warburton in einem Essay, der den Titel The Debasement of World Currency - It Is Inflation, But Not As We Know It trug, dass westliche Zentralbanken die ihnen zu Diensten stehenden Investmentbank-Agenten und das Instrumentarium der Derivate nutzen würden, um die Rohstoffpreise allgemein niedrig zu halten. So ließe sich verhindern, dass Rohstoffe zur Absicherung gegen eine monetäre Inflation zum Einsatz kämen. (1)

"Was wir derzeit sehen", schrieb Warburton damals, "ist eine Schlacht der Zentralbanken gegen den Zusammenbruch des Finanzsystems, die an zwei Fronten geführt wird." An der einen Front säßen "die Zentralbanken an den Schalthebeln für die Schaffung zusätzlicher Liquidität für das Finanzsystem, um die Flutwelle fauler Kredite zurückzuhalten, die ansonsten [über die Märkte] hereinbrechen würde.“ An der anderen Front stachelten die Zentralbanken "die Investmentbanken und andere bereitwillige Parteien dazu an, gegen einen Preisanstieg bei Gold, Öl, Basismetallen, weichen Rohstoffen oder allen möglichen sonstigen Werten zu wetten, die als Indikator für inhärenten Wert betrachtet werden könnten.

Ihr Ziel ist es, den unabhängigen Beobachter jeder verlässlichen Benchmark zu berauben, anhand derer der erodierende Wert nicht nur des US-Dollars, sondern aller Papierwährungen gemessen werden kann." Im gleichen Maße versuchten die Zentralbanken "dem Anleger die Gelegenheit zu nehmen, sich gegen die Fragilität des Finanzsystems abzusichern, indem er in einen frei gehandelten Markt für nicht-finanzielle Vermögenswerte wechselt."

Die Schlacht an der zweiten Front fiele den Zentralbanken leichter, urteilte Warburton. "Vergangenen November [November 2000] schätzte ich die Größe des Bruttobestands an globalen Schuldeninstrumenten zur Mitte des Jahres 2000 auf 90 Billionen US-Dollar. Wie viel Kapital bräuchte man, um die kombinierten Gold-, Öl- und Rohstoffmärkte zu kontrollieren? Bei Einsatz von Derivaten vielleicht nicht mehr als 200 Milliarden US-Dollar." Überdies müssten die Zentralbanken die Schlacht nicht selbst schlagen, "wenngleich ihre Goldverkaufs- und Goldleasinggeschäfte sicherlich ursächlich dazu beigetragen haben.

Die meisten großen Investmentbanken haben ihr Kapital so schamlos überstrapaziert, dass, sollten die Zentralbanken den Kampf an der ersten Front verlieren, die Bestände der Investmentbanken wertlos wären. Weil ihr Schicksal mit dem der Zentralbanken verflochten ist, sind die Investmentbanken bereit, sich am Kampf gegen steigende Gold-, Öl- und Rohstoffpreise zu beteiligen." (2)

In neuerer Zeit ist für den beschriebenen Vorgang ein Begriff gefunden worden; er nennt sich "finanzielle Repression / Finanzrepression" (financial repression). Kevin Warsh, der von Februar 2006 bis März 2011 dem Board of Governors des U.S. Federal Reserve Systems angehörte, gab eine Definition des Begriffs Ende 2011 im Wall Street Journal. Er schrieb dort: "(D)ie politischen Entscheidungsträger finden es verlockend, 'Finanzrepression' zu betreiben - die Unterdrückung von Marktpreisen, die sie nicht mögen." Er fügte hinzu: "Anstrengungen, um Asset-Preise zu managen und zu manipulieren, sind nicht neu." (3)

Ein Jahr später versuchte ich im Zuge meiner Recherchen zum Goldmarkt einige Fragen an Warsh zu stellen. Meine Fragen reichte ich bei den Pressestellen der Stanford University und der Hoover Institution ein, wo Warsh (ein damals aktuelles Mitglied der Group of 30 und des Steering Committee der Bilderberg-Gruppe) als Lehrkraft tätig war. In meinem Schreiben kam ich auf den bewussten Artikel im Wall Street Journal zu sprechen, um anschließend zu fragen: "Welche Preise meinten Sie, die der 'finanziellen Repression' unterliegen? Welche früheren 'Anstrengungen, um Asset-Preise zu managen und zu manipulieren', meinten Sie? Haben Sie von der 'finanziellen Repression' während und aufgrund Ihres Dienstes bei der Fed erfahren?"

Bis heute habe ich auf diese Fragen keinerlei Antworten erhalten. (4)

Philippa Malmgren, die 2001-2002 als oberste Wirtschaftsberaterin des US-Präsidenten ein Mitglied des sogenannten Plunge Protection Teams war, pflichtete ihrem früheren Kollegen bei, als ich sie in einem Interview gezielt zu Warshs Aussagen befragte.

Philippa Malmgren: Nun, ich stimme Kevin zu, und wir haben im Weißen Haus zusammengearbeitet. Ich bin absolut seiner Meinung. Ich würde es etwas anders ausdrücken. Ich würde zwei Dinge sagen. Das eine ist, dass wir verstehen müssen, wie Verluste weitergereicht werden. Wenn zum Beispiel die Regierung zu den Pensionsfonds sagt: "Ihr solltet nur sichere Vermögenswerte halten, weil Ihr die Ersparnisse der allgemeinen Öffentlichkeit repräsentiert, aber als "sicher" gelten nur unsere Staatsanleihen", dann müssen all die Pensionsfonds die Staatsanleihen oder staatlichen Schuldverschreibungen von Großbritannien kaufen.

Und wenn deren Wert real sinkt, weil, wenn Rekordniedrigzinsen herrschen und Sie versuchen, Inflation zu erzeugen, und wenn das an einem bestimmten Punkt funktioniert, die Anleihen letztendlich viel weniger wert sind als zuvor, wer trägt dann den Verlust? Das sind die Pensionäre. Das heißt, es ist eine Art finanzielle Repression, die das Ziel hat, einen Verlust von der Haushaltsbilanz des Staates in Ihre persönliche Haushaltsbilanz zu verschieben. Das ist eine Variante, und wir müssen sorgfältig auf die Art und Weise achten, in der Regierungen versuchen, die Verluste auf die Schultern der Durchschnittsbürger zu verlagern.


Das andere ist jedoch, dass Regierungen zurzeit definitiv interventionsorientierter sind. Man hat das Gefühl, dass die Federal Reserve und andere Zentralbanken tatsächlich glauben, dass sie das Niveau des Marktes steuern, am Temperaturregler drehen und entscheiden können, was das richtige Zinssatzniveau oder das richtige Niveau am Aktienmarkt ist. Wenn also der Aktienmarkt nachzugeben beginnt, lassen sie verlauten, dass sie eine weitere Runde der quantitativen Lockerung einläuten könnten, um den Markt wieder in die Höhe zu treiben. Dieser Ansatz ist meiner Meinung nach sehr gefährlich.

Ich meine, wir wissen aus der Vergangenheit, dass sich die Dinge nicht gut entwickeln, wenn Regierungen versuchen, die Preise zu kontrollieren, und heute höre ich, wie die politischen Entscheidungsträger sowohl in Russland als auch China zu mir sagen: "He, wer ist jetzt kommunistischer? Bei wem gibt es mehr staatliche Intervention, bei uns oder bei euch?" Angesichts dessen, dass die Federal Reserve 75% der emittierten US-Treasuries kauft, wer ist stärker an der Gestaltung der Preise beteiligt? Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der die Preisfindung durch den Markt erfolgt. Die Regierungen oktroyieren dem Markt die Preise auf. Ich halte das für gefährlich, wir sollten versuchen, so schnell wie möglich davon wegzukommen. (5)


Bezogen auf den Prozess der "Finanzrepression" schauen wir im Folgenden einmal, ob es (verdeckte) Eingriffe westlicher Zentralbanken im Goldmarkt gegeben haben könnte.

Jelle Zijlstra, der damalige Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), empfahl in einer Rede, die 1981 im IWF-Hauptquartier in Washington DC gehalten wurde, die "Regulierung des Goldpreises im freien Markt." Zijlstra versprach sich von "relativ kleinformatigen Eingriffen" im Goldmarkt bessere Konditionen für das Goldmanagement seitens westlicher Zentralbanken. (6) In seinem Memoiren, die 1992 erschienen, schrieb Zijlstra dann, dass der Goldpreis seit längerem gedeckelt worden sei: "Gold wird künstlich auf einem viel zu niedrigen Preis gehalten." (7)

Dass die BIZ im Goldmarkt interveniert, ließ ihr leitender Ökonom William R. White im Juni 2005 durchblicken. Für White zählte zu den "unmittelbaren Zielen der Zusammenarbeit von Zentralbanken", dass man mit "vereinten Anstrengungen" die Preise für Vermögenswerte beeinflussen könne, "wo dies als nützlich erachtet wird" - und das gälte insbesondere für Gold und Devisen. (8) White umriss die Ziele der Zentralbanken-Zusammenarbeit dergestalt:

"Erstens, bessere gemeinsame Entscheidungen in den relativ seltenen Fällen, in denen solche koordinierten Maßnahmen vonnöten sind. Zweitens, ein klares Verständnis für die politischen Fragen, da sie Zentralbanken beeinflussen. Hoffentlich spiegelt dies gemeinsame Überzeugungen wider, aber auch ein klares Verständnis von Meinungsverschiedenheiten kann manchmal nützlich sein. Drittens, die Entwicklung von robusten und effektiven Kontaktnetzen. Viertens, die effiziente internationale Verbreitung sowohl von Ideen als auch von Informationen, die die nationale Politikgestaltung verbessern können. Und zuletzt die Bereitstellung von internationalen Krediten und gemeinsame Anstrengungen, um Vermögenspreise (vor allem Gold und Devisen) in Fällen zu beeinflussen, in denen dies als sinnvoll erachtet wird." (9)


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