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Das ganze Ausmaß der globalen Rentenkrise

17.10.2017  |  John Mauldin
- Seite 3 -
"Innenminister Alain Berset sagte, die Ablehnung der Reform sei 'nicht leicht zu interpretieren', doch es fehle nicht viel zu einer Mehrheit für die Maßnahmen. Die Reformverschläge sollen nun noch einmal überarbeitet werden.

Bern hatte versucht, die zusätzlichen Belastungen aufgrund der Änderungen im Rentensystem gleichmäßig zu verteilen, so Daniel Kalt, Chefökonom der UBS in der Schweiz. 'Es ist allerdings schwierig, einen Kompromiss zu finden, zu dem alle Ja sagen können.' Der Reformdruck sei 'noch nicht groß genug', meint Kalt. 'Das Bewusstsein, dass etwas getan werden muss, wird jetzt aber wachsen.'"


Diese Beschreibung charakterisiert die Haltung in allen Industriestaaten. Kompromisse sind immer schwierig. Sowohl die Politiker als auch die Wähler ignorieren die langfristigen Probleme und denken nicht weiter als bis zur nächsten Wahl, obwohl sie wissen, dass diese Herausforderungen auf uns zukommen. Die Bemerkung, dass nun ein wachsendes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reformen entsteht, mag richtig sein, aber zwischen Bewusstsein und Handlungsbereitschaft klafft eine große Lücke, in der Schweiz ebenso wie in anderen Ländern.

Sowohl die Schweiz als auch das UK haben eine verpflichtende Privatvorsorge und moderate staatliche Sicherheitsnetze. Das Gleiche gilt für Dänemark, die Niederlande, Schweden, Polen und Ungarn. Die Rentensysteme dieser Länder sind keineswegs frei von Problemen, aber trotz allem befinden sie sich in einem weitaus besseren Zustand, als das in einigen anderen Ländern der Fall ist.

(Anmerkung: Die negativen oder extrem niedrigen Zinssätze in zahlreichen Länder machen es für private Rentenfonds praktisch unmöglich, ihre Ziele auch nur annähernd zu erfüllen. Viele Fonds sind gesetzlich verpflichtet in Staatsanleihen zu investieren, deren Renditen entweder minimal oder negativ sind.)


Umlagefinanzierung in Schwierigkeiten

Die oben genannten europäischen Staaten haben bei Weitem nicht das gleiche Krisenpotential wie die nächste Gruppe: Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich und Spanien finanzieren ihre Renten alle über ein Umlageverfahren. Das bedeutet, dass in den Staatskoffern keine Rücklagen für künftige Leistungen gebildet werden und die nötigen Mittel jedes Jahr über den allgemeinen Haushalt finanziert werden. Die Krise in diesen Ländern ist abzusehen, denn die Zahl der Rentner steigt, während die Zahl der Arbeitnehmer, die in das System einzahlen, sinkt. In all diesen Ländern werden außerdem unglücklicherweise auch zu wenig Kinder geboren, was die demografische Lage zusätzlich verschärft.

Sehen wir uns einige Aspekte genauer an.

Spanien war von der Finanzkrise schwer betroffen, hat sich aber besser erholt als einige andere Mittelmeeranrainer, wie z. B. Griechenland. Das Gleiche gilt auch für die staatliche Altersvorsorge des Landes, die bis vor Kurzem tatsächlich einen Überschuss verbuchen konnte. Leider hat die Regierung beschlossen, diesen Überschuss zu anderen Zwecken zu "leihen" und nun wird er sich bald in ein stattliches Defizit verwandeln.

Wie auch in den USA wird das spanische Programm als "soziale Sicherheit" bezeichnet, aber in Wirklichkeit ist es weder sozial noch sicher. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Spanien hat die Regierung angeblich unantastbare Rentenkassen geplündert und beide Länder tolerieren nun die Verwendung der Mittel für andere Vorhaben - je nachdem, aus welcher Richtung der politische Wind gerade weht.

Der spanische Rücklagenfonds umfasste einmal 66 Milliarden €. Diese werden Schätzungen zufolge jedoch bis Ende dieses Jahres oder Anfang 2018 völlig aufgebraucht sein. Der Grund? Die Zahl der Rentner hat sich in den letzten zehn Jahren um 1,1 Millionen erhöht. Wenn die Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht, wird es noch mehr Pensionäre und noch weniger Arbeitnehmer geben, die für ihre Renten aufkommen. Die Jugendarbeitslosigkeit von 25% trägt auch nicht gerade dazu bei, die Beiträge zum Rentensystem zu erhöhen.

Dagegen könnte ein vergleichbares System in den USA sogar funktionieren, weil wir unsere eigene Währung kontrollieren und sie nach Bedarf abwerten können, um die Regierung über Wasser zu halten. Die Schecks der Sozialsysteme können immer eingelöst werden, aber ihre Kaufkraft wird unter Umständen abnehmen. Spanien hat diesen Vorteil nicht, solange das Land den Euro behält. Das ist einer der Gründe dafür, dass wir die Möglichkeit eines Auseinanderbrechens der Eurozone ernst nehmen müssen.

Im Durchschnitt zahlen die umlagefinanzierten Rentensysteme derzeit Leistungen in Höhe von 60% des vorherigen Einkommens. In einigen Ländern können die Menschen zudem bereits mit 60 in den Ruhestand gehen und in den meisten Ländern zahlen weniger als 25% der Arbeitnehmer in eine Altersvorsorge ein. Dieser Anteil müsste sich innerhalb der nächsten 30 Jahre verdoppeln, um die Programme nachhaltig zu machen. Aber versuchen mal, das den jüngeren Arbeitnehmern zu verkaufen.

Das Wall Street Journal hat kürzlich einen ziemlich desolaten Bericht über die staatlichen Rentenfonds in Europa verfasst. Ich zitiere:

"Schon heute leben in Europa im weltweiten Vergleich die meisten Personen im Ruhestand und ihre Zahl wächst stetig. Auf 100 Arbeitnehmer kommen aktuell 42 Personen im Alter von 65 Jahren oder mehr, die nicht mehr arbeiten. Bis 2060 werden es nach Angaben des Statistikamtes der EU 65 Rentner je 100 Arbeitnehmer sein. Zum Vergleich: In den USA kommen dem Bureau of Labor Statistics zufolge auf 100 Arbeitnehmer nur 24 nicht berufstätige Personen über 65. Eine Prognose für 2060 existiert nicht."

Das Wall Street Journal konzentriert sich in dem Beitrag zwar auf Polen und die Schwierigkeiten, mit denen sich die dortigen Pensionäre konfrontiert sehen, aber die Daten und Grafiken illustrieren gut die zunehmend angespannte Situation in fast ganz Europa.

Im Gegensatz zu den meisten finanziellen Problemen des Kontinents handelt es sich hier nicht um eine Nord-Süd-Frage. In Österreich, Slowenien und Griechenland sind die demografischen Herausforderungen am größten. Im Griechenland ist zudem der gleiche Trend festzustellen wie in Polen: Zahlreiche junge Menschen sind in andere Teile der Welt ausgewandert. Der nächste Chart vergleicht den Anteil der über 65-Jährigen und der 20- bis 64-jährigen Arbeitnehmer in Europa mit den anderen Regionen der Welt. Das sind wahrlich keine schönen Zahlen.


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