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Im Fegefeuer der Absurditäten

24.11.2017  |  John Mauldin
Im aktuellen Newsletter werde ich den Blick auf die wachsende Zahl an lächerlichen, dummen und anderweitig sinnfreien Absurditäten richten, die täglich die Schlagzeilen der Wirtschaftsnachrichten bestimmen. Während ich angesichts dieser Wunderlichkeiten vor noch nicht allzu langer Zeit hin und wieder schmunzeln musste, begann ich immer öfter die Stirn zu runzeln und erlebe mittlerweile mehrere "Was-zum-Teufel"-Momente in der Woche.

Weil ich mich fragte, ob das nun nur an mir liegt, bat ich viele Freunde, Analysten und andere Autoren, mir Beispiele für diese paranormalen Wirtschaftsaktivitäten zu schicken, wenn ihnen etwas auffiel. Ich habe so viele Antworten bekommen, dass ich diesen Newsletter in den nächsten zwei oder drei Wochen womöglich fortsetzen werde. Immerhin bin ich nicht der einzige, der die seltsamen Vorkommnisse wahrnimmt.

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Manches von dem, was Sie in den folgenden Charts sehen werden, hat seinen Ursprung in der globalen Finanzkrise oder in den Reaktionen der Zentralbanken auf diese Krise. All die schockierenden, früher unvorstellbaren Handlungen der Notenbanker und der Regierungen haben uns wahrscheinlich so betäubt, dass wir sie heute einfach akzeptieren, ohne viel darüber nachzudenken. Das war unser Fehler. Wir müssen das Undenkbare konfrontieren, wird dürfen angesichts der Absurdität nicht einfach die Schultern zucken. Denn wenn die nächste Krise kommt, wette ich mit Ihnen, dass die Zentralbanken und die Regierungen auf noch undenkbarere Weise reagieren werden.


Scheiterhaufen unserer Erkenntnisse

Wenn Sie in der Finanzindustrie arbeiten, haben Sie vielleicht den Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe gelesen oder zumindest davon gehört. Ein großartiges Buch, aber nicht das, worauf sich der Titel dieses Newsletters bezieht. Ich dachte dabei vielmehr an den Ursprung der Wendung, der im Florenz des 15. Jahrhunderts zu finden ist.

Im Jahr 1490 brachte die herrschende Familie der Medici den dominikanischen Prediger Girolamo Savonarola nach Florenz, wo er als Lektor arbeiten sollte. Nach wenigen Jahren hatte er allerdings mehr oder weniger die Herrschaft über die Stadt übernommen.

Während des Karnevals vor dem Beginn der Fastenzeit im Jahr 1495 ließ Savonarola erstmals ein "Fegefeuer der Eitelkeiten" errichten: einen Scheiterhaufen, auf dem die Bürger Gegenstände verbrannten, die zur Todsünde der Eitelkeit verleiten: Spiegel, Kosmetika, Musikinstrumente usw. Da man sich in Florenz befand, wurden damals auch tonnenweise Kunstgegenstände, Wandteppiche, Bücher, Möbel und andere kostbare Schätze zerstört. Hat das die Florentiner weniger eitel gemacht? Wahrscheinlich nicht, aber die großen Feuer waren sicher beeindruckend.

Auf ähnliche Weise "verbrennen" wir in diesem Jahrhundert hart erkaufte Lehren und Einsichten (oder verbannen sie zumindest aus unseren Gedanken), weil uns jemand mit Hintergedanken und versteckten Zielen davon überzeugt, dass sie nutzlos oder schädlich wären. Das ist nur selten wirklich der Fall, wie wir oft zu spät und zu unserem Nachteil feststellen, und dann müssen wir die gleiche Lektion erneut lernen.

Denken Sie einmal kurz darüber nach. Wie oft machen Zentralbanker, Regulatoren, Unternehmenschefs, Anwälte, Politiker und ganz normale Anleger den gleichen Fehler, immer wieder? Das passiert ständig. Wenn wir aufhören würden, unsere Erinnerungen und Erkenntnisse zu verbrennen, würden wir vielleicht schneller Fortschritte erzielen. Aber nein, wir müssen unsere Leuchtfeuer haben. Und so setzen sich die Absurditäten fort.

Zu Beginn unserer Tour durch das Gruselkabinett der Wirtschaft möchte ich Ihnen diesen Chart zeigen, den mir Michael Lebowitz von 720 Global geschickt hat. Zu sehen sind die Assets der US-Notenbank Federal Reserve als Anteil am BIP. Vielleicht werden Sie um das Jahr 2008 eine leichte Trendwende erkennen:

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Um es ganz klar auszudrücken: Das ist völlig meschugge. Mir ist klar, dass wir uns damals in einer beispiellosen Krise befanden und ich denke tatsächlich, dass die erste Runde der quantitativen Lockerungen (QE) eine rationale Reaktion darauf war. Aber QE2 und 3 waren schlicht und ergreifend der Versuch der Fed, die Märkte zu manipulieren.

Die keynesianischen Ökonomen der Notenbank, die Präsident Reagans Theorie vom "Durchsickern" des Wohlstandes innerhalb einer Gesellschaft von oben nach unten ablehnend gegenüberstanden, scheinen die Ironie der Tatsache noch nicht begriffen zu haben, dass sie die Trickle-down-Strategie in der Geldpolitik nun selbst angewendet haben - in der Hoffnung, dass sie durch eine Anhebung der Assetpreise Wohlstand erzeugen würden, der anschließend zu den unteren 50% der US-Bevölkerung oder zur Realwirtschaft durchsickern würde. Ist er aber nicht.

Die Fed hat ihre aufgeblähte Bilanz fast zehn Jahre lang in Ruhe gelassen. Und jetzt haben die Notenbanker aus irgendeinem Grund das Gefühl, dass sie ihre Bilanzsumme dringend reduzieren müssen, während sie gleichzeitig die Zinsen erhöhen. Das ist keine modellbasierte Geldpolitik, dass ist ein geldpolitisches Experiment basierend auf Gefühlen. Ich verstehe die Zinserhöhungen; ich wünschte nur, sie hätten schon vor vier Jahren damit begonnen. Ich verstehe sogar, dass sie die Bilanz kürzen wollen. Aber beides zur gleichen Zeit? Obwohl es so viele "unbekannte Unbekannte" gibt?


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