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Desaster am High-Yield-Markt

05.06.2018  |  John Mauldin
Meine aktuelle Artikelreihe scheint eine Menge Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das sind zwar keine wirklich guten Nachrichten, aber zumindest scheinen die Leute die Warnungen zu beachten.

Einige Leser charakterisieren die Krise, die ich prognostiziere, als eine Wiederholung des Fiaskos von 2008. Das entspricht teilweise der Wahrheit, zumindest in dem Sinne, dass wir uns einem schmerzhaften Wirtschafts- und Marktrückgang gegenübersehen werden, aber die Ursachen werden komplett verschiedenen sein.

Das letzte Mal lag die Wurzel allen Übels in den exzessiven Schulden des Wohnimmobilienmarktes. Leichtsinnige Kreditgeber gaben unkluge Kredite aus, damit unqualifizierte Kreditnehmer überteuerte Wohnungen kaufen konnten. Diese Kredite wanderten zu den Wertpapieren und Derivaten, und dann explodierte alles. Ich denke nicht, dass dasselbe Szenario genauso erneut auftreten wird. Die nächste Krise wird ihre Ursache bei den Unternehmensschulden haben, die ähnlich leichtsinnig aufgenommen wurden, jedoch strukturell anders beschaffen sind.

Das kommende Desaster wird der letzten Krise jedoch in einem Aspekt ähneln. Die ersten Zahlungsausfälle werden am unteren Ende des problematischen Marktes stattfinden: bei den hochverzinslichen Anleihen oder auch "Schrottanleihen". Sie werden eine vergleichbare Rolle wie die Subprime-Hypotheken in der letzten Krise spielen. Wir werden uns ebenso Problemen am Hypothekenmarkt gegenübersehen, aber ich denke, dass Unternehmen mit zu viel Fremdkapital das Kernproblem darstellen werden.

Bevor wir uns damit näher befassen, finden Sie hier die beiden vorherigen Artikel, um diese noch einmal zu überfliegen oder zu lesen.

Heute befassen wir uns mit einem nicht ganz so hervorragenden Beispiel leichtsinniger Investitionen in hochrentierliche Anleihen. Im Folgenden werden wir dann evaluieren, wie groß das Problem werden kann.

Aber beginnen wir mit einer kleinen Geschichtsstunde.


Was verkaufen sie?

Ältere Leser werden sich an ein in Houston ansässiges Unternehmen mit Namen Enron erinnern, das sich selbst, seine Angestellten und seine Investoren während der Rezession von 2001 bis 2002 zerstörte. Einige Mitglieder der Managementetage wanderten ins Gefängnis (was vollkommen gerechtfertigt war).

In den späten 1990er Jahren engagierte Enron Peggy Noonan, die ehemalige Redenschreiberin Reagans und Kolumnistin beim Wall Street Journal, um sich mit deren Hilfe der Welt zu erklären. Noonan, möglicherweise die beste Business-Autorin ihrer Generation, war dazu nicht in der Lage. Sie beschrieb die Erfahrung in einer Kolumne von 2002:

"Lassen Sie mich Ihnen erzählen, was ich dort sah. Ich konnte riesige Räume mit großen Monitoren an den Wänden und auch auf den Tischen sehen. Auf den Monitoren und Computern blinkten Zahlen auf. Ich kann mich daran erinnern, dass die Zahlen und Wörter auf den Bildschirmen hellgrün waren. Junge und zukünftige Masters of the Universe standen im Raum mit Telefonen an den Ohren, prüften Zahlen, sagten etwas, kauften und verkauften.

Ich habe mich mit einer Frau getroffen, die im Unternehmen dafür bekannt war, verantwortlich für die Einrichtung von Erdgaspipelines in Zentral- oder Südamerika und Indien zu sein. Sie schien zielstrebig und intelligent zu sein und, wie die Männer, sehr Armani, aber irgendwie Texas-Armani - jeder maßgeschneidert eingekleidet, aber mit mehr Gold, mehr Farben als die Leute an der Wall Street, die alle irgendwie in Grautöne gekleidet zu sein scheinen ..."

Und ich dachte mir, dass sie dafür wohl eine Menge Geld ausgeben müssen. Das war die eine Tatsache, die mich in Houston deutlich traf: Sie "verprassten Geld!" wie Tom Wolfes Sherman McCoy sagte. Sie bauten jenes und zerstörten dieses. Sie sprachen, wie man mir erzählte, mit Gesetzgebern in verschiedenen Parlamentsgebäuden und betrieben Lobbyarbeit, um Deregulierungsgesetze zu verabschieden. Alles machte einen sehr teuren, aber auch arbeits- und zeitaufwendigen Eindruck.

Und all dies schien so temporär, so provisorisch. Das Enron-Gebäude war riesig; das Enron-Schild draußen, das große schräge E, war riesig; die goldenen Ohrringe der weiblichen Führungskräfte waren riesig; die Armbanduhren der Männer waren riesig; das Gehalt war riesig; die Bestrebungen des Unternehmens waren riesig. Aber all dies schien auf Dingen zu beruhen, die nur provisorisch waren. Falls sie die große Pipeline in Indien zu bauen, wäre das großartig und profitabel - vorausgesetzt, das geschieht auch.

Wenn sie den Staat dazu zu bringen könnten, den Strommarkt zu deregulieren und Enron in der Lage ist, Strom einzuspeisen, und und alles gut läuft, wird das alles großartig und profitabel sein - wenn es so abläuft. Wenn die Pipelines in Zentral- oder Südamerika gebaut werden und funktionieren und einen Gewinn erzielen, wird das großartig sein - wenn dies tatsächlich der Fall ist. Ein Reich, das auf "wenn" und "falls" aufgebaut ist. Es scheint alles so provisorisch ...

Ich zog mich einige Wochen zurück, arbeitete hart und versuchte eine Rede zusammenzuschreiben und einen Beitrag zum jährlichen Geschäftsbericht zu leisten, aber nichts davon funktionierte wirklich... der entscheidende Punkt war, dass ich ihnen nicht helfen konnte, ihre Mission zu erklären, da ich nicht vollständig verstand, was ihre Mission überhaupt war. Ich verstehe, was das Schuhunternehmen Kenneth Cole bezweckt. Es produziert Schuhe und verkauft diese in Läden. Firestone stellt Reifen her. Ich konnte nicht herausfinden, wie Enron Geld verdiente, was genau es verkaufte. Und jedes Mal, wenn ich fragte, erhielt ich eine Art nichtssagende oder kryptische Antwort wie "Die Zukunft!".


Kommt Ihnen das bekannt vor? So würden Sie oder ich heutzutage wahrscheinlich Unternehmen im Silicon Valley beurteilen. Diese sind äußerst selbstbewusst und haben große Träume. Ob die Träume jemals Geld erwirtschaften werden, ist eine andere Frage.

Enron war jedoch nicht nur heiße Luft. Die Leute, die Peggy Noonan beobachtete, handelten wirklich mit Strom. Vor dem Zusammenbruch gliederte das Unternehmen eine Tochtergesellschaft mit Namen Enron Oil & Gas aus, die in der heutigen Zeit als EOG Resources überlebt, eines der großen Schieferölunternehmen. Aber die meisten Träume gingen nicht in Erfüllung und waren verschleiert durch eine erfundene Buchhaltung, die letztlich in sich zusammenbrach.


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