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Europa und die drohende Implosion der Rentensysteme

29.06.2018  |  John Mauldin
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Einige Studien lassen die obenstehenden Zahlen noch optimistisch erscheinen. Die meisten europäischen Staaten sind bereits massiv verschuldet und haben hohe Steuersätze. Die Mitglieder der Währungsunion können zudem nicht einmal ihr eigenes Geld drucken.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und einige andere scheinen den Grundstein für eine Vergemeinschaftung aller Schulden der Eurozone legen zu wollen. Ich schätze, dass diese Schulden in der Bilanz der EZB landen würden. Damit wäre das Problem der nicht gedeckten Leistungszusagen jedoch nicht gelöst. Wird man einfach noch mehr Schulden aufnehmen? Der Plan scheint derzeit darin zu bestehen, das Problem weiter aufzuschieben. Darin werden die Europäer langsam richtig gut.

In der nächsten Grafik sehen Sie die Altersvorsorgeverbindlichkeiten als Prozentsatz des BIP. In Italien liegt der Wert bereits bei mehr als 150%, doch der Chart ist schon einige Jahre alt. Aktuellere Daten wären noch erschreckender.

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Das Problem ist viel zu groß, als dass es selbst von den diszipliniertesten und am stärksten zukunftsorientierten Regierungen und Unternehmen gelöst werden könnte. Es ist auch nicht auf ein Land oder einen Kontinent begrenzt, sondern existiert weltweit, in verschiedenen Schweregraden und Ausprägungen.


Wunschdenken

Sehen Sie sich an, was wir sowohl in den USA als auch in Europa versuchen: Wir glauben, dass immer mehr Menschen 35-40 Jahre lang arbeiten, dann in Ruhestand gehen und weitere 20, 30 oder 40 Jahre bei gleichen Lebensstandard zubringen können, während gleichzeitig immer weniger Erwerbstätige in das System einzahlen. Tut mir leid, aber das ist reines Wunschdenken. Das ist nicht das, was die Rentensysteme ursprünglich vorsahen.

Ihr Ziel war es, einer relativ geringen Anzahl älterer Menschen, die nicht mehr arbeiten konnten, eine grundlegende Sicherung zu bieten. Die Lebenserwartungen waren damals so gering, dass die meisten Arbeiter dieses Alter ohnehin nicht erreichten oder nach dem Erreichen des Ruhestands nur noch wenige Jahre zu leben hatten.

Tatsache ist, dass die ausgedehnte Familie, die sich früher um diejenigen kümmerte, die das Glück hatten, ein solches Alter zu erreichen, heute verschwunden ist. Mit der steigenden Lebenserwartung und dem Schrumpfen der Familien seit den 1950er Jahren ist der Staat zunehmend zum Betreuer derjenigen geworden, die das magische Alter von 65 überschritten haben.

Wie ich in früheren Artikeln bereits erwähnt hatte, schuf Franklin Roosevelt das soziale Sicherungssystem in den USA für Menschen über 65 in einer Zeit, als die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 56 Jahren lag. Wäre das Rentenalter parallel zur Lebenserwartung gestiegen, würde es heute bei etwa 82 liegen. Versuchen Sie mal, das Ihren Wählern zu verkaufen.

Schlimmer noch, Generationen von Politikern haben die Öffentlichkeit nicht nur davon überzeugt, dass das Unmögliche möglich ist, sondern dass es garantiert ist. Viele glauben selbst daran. Sie lügen gar nicht unbedingt, sondern ignorieren nur die Realität. Und das verschafft ihnen Wählerstimmen. Oft überbieten sie sich im Wahlkampf gegenseitig an Großzügigkeit, und das nicht nur auf landesweiter Ebene.

Auch in der Lokalpolitik ist diese Rhetorik immer öfter zu beobachten: Man verspricht immer bessere öffentliche Dienstleistungen und das Ausbessern aller Schlaglöcher. Es werden Versprechungen gemacht, die unmöglich zu halten sind, und die Bürger organisieren ihr Leben in der Annahme, dass das Unmögliche eintreten wird. Wird es aber nicht.

Wie befreien wir uns nun aus diesem Schlamassel? Wir werden uns alle an die grundlegenden Veränderungen anpassen müssen. Wenn, wie ich erwarte, in der Alterungsforschung bald (d. h. in den nächsten 10-15 Jahren) ein Durchbruch erzielt wird, könnte der Prozess für uns leichter werden, aber wir werden unsere Lebensweise dennoch radikal ändern müssen. Der Ruhestand wird kürzer, aber besser sein, weil wir gesünder sein werden.

Das ist zumindest noch das beste Szenario. Ich denke, dass unsere Chancen auf dieses Szenario nicht allzu schlecht stehen, aber zunächst wird es eine Zeit der tiefgreifenden Umwälzungen und Anpassungen geben. Wie wir diesen Prozess bewältigen, ist die entscheidende Frage.

Ich bin ehrlich gesagt nicht besonders optimistisch, weil die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, allmählich abhanden kommt. Die Politik verkommt sowohl in den USA als auch in Europa immer mehr zu einer Echokammer, in der nur Gleichgesinnte noch miteinander reden. Wir ignorieren die andere Seite und behandeln sie wie Aussätzige, die in der Gesellschaft keinen Platz haben. Wir haben die Fähigkeit verloren, freundschaftlich und auf rationale Weise unterschiedlicher Meinung zu sein.

Ronald Reagan und Tip O'Neill haben sich noch zusammengesetzt und am sozialen Sicherungsnetz gearbeitet. Bill Clinton und Newt Gingrich konnten zusammenarbeiten und haben dabei nicht nur die Sozialleistungen angepasst, sondern auch noch den Staatshaushalt ausbalanciert. Diese Tage sind offenbar vorüber und die Qualität des öffentlichen Diskurses verschlechter sich rapide. Das gefällt mir gar nicht.


© John Mauldin
www.mauldineconomics.com


Dieser Artikel wurde am 22. Juni 2018 auf www.mauldineconomics.com veröffentlicht und exklusiv für GoldSeiten übersetzt.


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