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Mario der Verführer, Jerome der Spielverderber

22.07.2018  |  Manfred Gburek
Die meisten Deutschen legen ihr Geld falsch an. Jetzt schon wieder. Das geht aus einer neueren Forsa-Umfrage hervor. Warum schon wieder, ergibt sich daraus, dass sie ausgerechnet während der anhaltenden Immobilienblase kräftig zugreifen: zu 31 Prozent nach nur 28 Prozent vor fünf Jahren. Damit schlagen Immobilien zum ersten Mal nach langer Zeit die Lebensversicherungen, die es auf 30 Prozent bringen nach 32 Prozent vor fünf Jahren. Die niedrigen Zinsen machen es möglich: Wer auch nur einigermaßen über genug Sicherheiten verfügt, stürzt sich in die Baufinanzierung, und Banken, Sparkassen, Bausparkassen und Versicherer machen mit.

Ein solches Verhalten ist nicht neu, es wiederholt sich im Lauf von Jahrzehnten immer wieder. Die letzte Immobilienblase war Mitte der 90er Jahre geplatzt. Zuvor hatte der Staat die Anleger mit Wahnsinns-Sonderabschreibungen von 50 Prozent zu hochspekulativen Immobilienkäufen in den neuen Bundesländern verführt. Heute ist EZB-Chef Mario Draghi der Verführer, denn letztlich ist er es, der der mit seinen niedrigen bis Null-Zinsen die Verantwortung dafür trägt, dass Anleger prozyklisch in Immobilien investieren, nicht allein in Wohn-, sondern zunehmend auch in Gewerbeimmobilien.

Der Unterschied zwischen den 90er Jahren und heute ist nicht mal so groß, wie man auf Anhieb meinen könnte: Seinerzeit war mit der Kohl-Regierung eine hohe Instanz ausschlaggebend für die Blase, eine Instanz, die zu wenig vom Immobilienmarkt verstand. Heute ist es mit der EZB wieder eine hohe Instanz, nur dass es dieses Mal nicht um Sonderabschreibungen, sondern um jahrelang anhaltende Niedrigzinsen geht.

So, wie Helmut Kohl sich in den 90er Jahren kaum um die Konsequenzen aus der Fiskalpolitik seines Finanzministers kümmerte, so drängt Mario Draghi jetzt ganz offensichtlich alle Bedenken zu den Folgen seiner Zinspolitik beiseite - schließlich wird er den EZB-Thron ja im nächsten Jahr verlassen. Ihm böse Absichten zu unterstellen, wäre allerdings unfair. Denn die Regierungen der Eurozone, jahrelang untereinander zerstritten und unfähig, klare Entscheidungen zu treffen, haben ihm in die Rolle als Retter Europas und speziell der Eurozone geradezu aufgezwungen. Das heißt, sie haben seine Zinspolitik indirekt mitgetragen.

Welche Folgen haben die extrem niedrigen Zinsen für Anleger? Sehr viele, darunter besonders eine, wie aus der jüngsten Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hervorgeht. Die BIZ ist die Bank der Zentralbanken; sie verfügt dementsprechend über Daten wie keine andere Bank der Welt. Das entscheidende Ergebnis ihrer Studie: Lebensversicherer und Pensionskassen, also traditionelle Anbieter von Finanzprodukten zur Altersversorgung, können den Umgang mit niedrigen Zinsen weniger meistern als die viel kritisierten Banken.

Das liegt an der Langfristigkeit ihres Geschäfts mit Zinspapieren, die das Gros ihrer Anlagen bilden. Offenbar kommen immer mehr von ihnen nicht mit den niedrigen Zinsen zurecht, sodass die deutsche Finanzaufsicht BaFin sie bereits aufs Korn genommen hat. Das verheißt für Anleger, die den früheren Versprechen der Versicherer und Pensionskassen geglaubt haben, nichts Gutes.

Nun stelle man sich vor, die in der eingangs erwähnten Forsa-Umfrage an erster Stelle platzierten Immobilien und die ihnen an zweiter Stelle folgenden Lebensversicherungen würden den Schwerpunkt der Altersversorgung eines Anlegers bilden. Also die erste Investition in eine Blase, die zweite in Produkte mit schwindsüchtigen Zinsen, beide nicht liquide, und falls im Notfall doch, dann nur mit erheblichen Abschlägen.

So gesehen erhält das Schlagwort von der Altersarmut in Deutschland eine zusätzliche Bedeutung, eine ganz andere, als sie uns von den Medien immer wieder eingeredet wird: Nicht so sehr die bedauernswerten Tafelbesucher und Obdachlosen werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten das Hauptproblem für unsere Sozialsysteme bilden, sondern die Deutschen aus der Mitte der Gesellschaft.

Dies auch noch aus einem anderen Grund: Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Bilanzanalysen, die belegen, dass deutsche Konzerne viel tiefer in den Schulden stecken, als den meisten Aktionären bewusst ist. Das liegt an den Pensionsrückstellungen, die in den Bilanzen als langfristige Schulden ausgewiesen werden. Auf den Punkt gebracht: Sie müssen abgezinst werden, und je niedriger der dazu dienende Zinssatz ist – wie zurzeit –, desto höher schlagen sie negativ zu Buche.

Aktien belegen in der Forsa-Umfrage nur einen mittleren Platz. Das mag zwar unter anderem mit den Pensionsrückstellungen zu tun haben, aber entscheidend für die geringe Aktienaffinität der Deutschen sind andere Ursachen: schwankende Kurse, desinteressierte Politiker einschließlich der Finanzlobby, mangelnde Aufklärung und zu hohe Steuern. Der zuletzt genannte Punkt hat noch eine besondere Note: Seit 2009 greift die Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent zuzüglich Soli und ggf. Kirchensteuer auf Dividenden und Kursgewinne, falls der Aktienkauf seit 2009 stattfand. Da Unternehmen bereits vor der Dividendenausschüttung Ertragsteuern zahlen, handelt es sich um eine Doppelbesteuerung.

Doch das wollen linke Ideologen und ihre Freunde in der Regierung nicht einsehen. Sie drehen den Spieß um, indem sie das Ende der Abgeltungsteuer und ihren Ersatz durch eine Aktienbesteuerung nach dem persönlichen Tarif fordern. Das soll dann der vermeintlichen Steuergerechtigkeit dienen, ist jedoch allein schon deshalb Humbug, weil die Reichen mit ihrem hohen persönlichen Tarif in Deutschland immer Mittel und Wege finden, um ihr Kapital steuergünstig nach Luxemburg, in die Schweiz, nach London oder in andere Steueroasen zu verlagern.

Im ersten Satz des heutigen Beitrags heißt es, dass die Deutschen ihr Geld wieder mal falsch anlegen, bezogen auf viel zu teure Immobilien und zinsgeschädigte Lebensversicherungen. Aktien sind aktuell wegen gefährdeter Kurse – und aus den genannten anderen Gründen - zurzeit keine Alternative. Und Gold einschließlich Silber? Es dürfte den Turnaround nach nahezu sieben Jahren Frustration der Anleger endlich schaffen, und zwar allein schon als Versicherung gegen das Ungemach, das uns vor allem vom Handelskrieg und damit zusammenhängend vom Abflauen der Konjunktur droht.

Die Wirtschaftswoche vom 23. März dieses Jahres enthielt einen kurzen Beitrag über Gold mit der Überschrift "Total langweilig". Das traf damals in der Tat zu, und es spiegelt zum Teil auch die aktuelle Entwicklung des Goldpreises wider. Indes, die interessantesten Gewinne der maßgebenden Anlageklassen waren in den vergangenen Jahrzehnten allesamt geprägt durch einen langweiligen Start, wie Gold und Silber 1970 und 2001, wie Aktien und Anleihen 1982, wieAktien und Immobilien 2009.

Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum es dieses Mal anders sein soll. Das gilt erst recht nach der Preisschwäche in der vergangenen Woche, deren Auslöser der Fed-Chef Jerome Powell gewesen sein soll - mit Lobeshymnen auf die amerikanische Konjunktur und mit Andeutungen zu höheren Zinsen. Man fragt sich allerdings, warum die Kurse der meisten Minenaktien darauf kaum reagiert haben.

Da stimmt etwas nicht, denn üblicherweise schlagen diese Kurse stärker aus als die Preise von Gold und Silber. Über die wahren Preismanipulatoren und ihre Absichten darf weiter gerätselt werden. Eine Gegenbewegung kann indes nicht mehr lange auf sich warten lassen, denn die wahren Marktkräfte setzen sich bekanntlich immer durch.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.


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