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Die Zombie-Misswirtschaft der Banken

04.11.2018  |  Manfred Gburek
Wer auf YouTube das Wort Firmenkredit in Verbindung mit Crash eingibt, stößt dort seit geraumer Zeit auch auf diesen Begriff: Zombie. Das ist laut Wikipedia ein Scheintoter. Im engeren Sinn also eine nicht überlebensfähige Firma, deren Chef einfach ignoriert, dass er einem Pleitekandidaten vorsteht. Außerdem erstreckt sich der Zombie-Begriff auch auf nicht überlebensfähige Banken. Von denen gibt es trotz so mancher Pleite immer noch viel zu zu viele, und täglich werden es mehr.

Das besonders Gefährliche an Firmen- und Banken-Zombies besteht darin, dass sie auf Hoffnungen beruhen: Darauf, dass der Aufschwung der Wirtschaft noch jahrzehntelang anhalten möge, dass Regierungen und Zentralbanken uns im Fall des Falles wie vor zehn Jahren aus der Finanzpatsche helfen werden, dass die Bankenaufseher ihren Job ordentlich machen und so weiter. Alles schön und gut, aber die Realität sieht anders aus.

Ausgangspunkt weitergehender Überlegungen sei die eingangs erwähnte Firma: Angenommen, sie nahm bei ihrer Hausbank zu den aktuell besonders günstigen Konditionen einen Kredit auf. Weil ihre Kreditwürdigkeit danach scheinbar immer noch in Ordnung war, sprang die konkurrierende Sparkasse vor Ort mit einem weiteren Firmenkredit ein. Und weil der Firmenchef gerade ein neues Eigenheim gekauft hatte, folgte dem Ganzen noch ein zusätzlicher Hausbank-Baukredit.

Man mag es kaum glauben, aber dieses Szenario ist anno 2018 Realität, nur zehn Jahre nach Ausbruch von einer der schlimmsten Finanzkrisen.

Das alles ist zu einem großen Teil auf das niedrige Zinsniveau zurückzuführen, das sogar noch Investitionen mit niedrigsten Gewinnmargen rentabel erscheinen lässt, außerdem auf den enormen Konkurrenzdruck, der die Banken zum Akzeptieren ungünstiger Konditionen verleitet, und auf das vielfach anzutreffende prozyklische Verhalten sowohl der Firmen als auch der Banken und Sparkassen.

Kaum zu glauben: Ausgerechnet deutsche Landesbanken, denen vor der Finanzkrise hanebüchene Fehler unterlaufen waren, vergeben derzeit neben Auslandsbanken und neben der teilverstaatlichten Commerzbank Kredite in einem Umfang wie schon seit Jahren nicht mehr, Tendenz steigend.

In normalen Zeiten, also wenn Banken ordentliche Gewinnmargen erwirtschaften und Kredite ausreichend mit Eigenkapital unterlegen, entstehen durch das Auf und Ab der Zinsen weder bei ihnen noch aufseiten ihrer Kunden irreparable Schäden. Doch in Anbetracht der hier aufgezeigten aktuellen Entwicklung mit starkem Konkurrenzdruck und prozyklischem Verhalten ist nichts mehr normal. Oder um den dafür international gebräuchlichen Ausdruck zu verwenden: "the new normal". Er ist der amerikanischen Umgangssprache entnommen und bedeutet in Bezug auf die Finanzen, dass über längere Zeit niedrige Zinsen zur Normalität geworden sind.

Eine Normalität mit scheinbar viel Licht (siehe oben) und noch mehr Schatten - womit wir wieder bei den Zombies sind: Vor allem Firmen, aber auch Freiberufler, Angestellte und Bauherren, die sich heute mit billigen Krediten "über die Halskrause" eindecken, werden dazu durch die EZB mit ihrer Nullzinspolitik auf dem Umweg über hohe Kredite gewährende Banken animiert.

Dieses gefährliche Spiel läuft darauf hinaus, dass Kredite zunehmend auch solchen Investitionen zugute kommen, die derzeit zwar gerade so rentabel sind, aber bereits bei einem nur geringfügigen Anstieg des Zinsniveaus in die roten Zahlen geraten würden. Nebenbei sei bemerkt, dass dieses Phänomen natürlich auch in anderen Ländern zu beobachten ist.

Dass die EZB gern bei ihrer Nullzinspolitik bleiben dürfte, erschließt sich aus dem hier beschriebenen Zusammenhang von selbst. Doch damit zu riskieren, dass immer mehr potenzielle Pleitekandidaten unter den Firmen billige Kredite erhalten, kann nicht ihr Ziel sein. Folglich muss sie sich etwas Neues ausdenken. Aber was? Darüber werden die Leute aus dem EZB-Rat in den kommenden Wochen hinter verschlossenen Türen beraten. Spätestens am 13. Dezember, zur letzten Sitzung des EZB-Rats in diesem Jahr, wollen sie uns das Ergebnis präsentieren.

Bis dahin werden die Spekulationen ins Kraut schießen. Zum Beispiel darüber, wie belastbar die Banken im Euroraum wirklich sind. Welche Risikovorsorge für faule Kredite sie getroffen haben. Woher sie zusätzliches Eigenkapital berappen können. Ob die langfristige Finanzierung der Bankkunden mit kurzfristigem Geld auf Dauer gut gehen kann. Und nicht zuletzt: Welches Geschäftsmodell sie in Anbetracht der zunehmenden Konkurrenz durch Onlinebanken, Fintechs und sonstige Finanzdienstleister in die Tat umzusetzen gedenken.

Wie ernst die Lage der traditionellen Banken wirklich ist, ergibt sich besonders deutlich aus dem bisherigen Kursverlauf der Bankaktien. Denn er spiegelt den ganzen Jammer in dieser Branche wider: Deutsche Bank minus rund 90 Prozent allein in den vergangenen zehn Jahren, Commerzbank minus mehr als 95 Prozent in derselben Zeit. Und wenn man sich in Europa orientiert, sieht es mit Bankaktien nicht viel besser aus: während derselben Zeit minus rund 70 Prozent.

Woran es in erster Linie gehapert hat, ergibt sich schlüssig aus einem aktuellen Bankmagazin-Beitrag von Dieter Hein, Partner beim renommierten Analysehaus Fairesearch, zur Misere der Deutschen Bank: "Zum einen müsste der gesamte Aufsichtsrat unter dem Vorsitzenden Paul Achleitner ausgetauscht werden. Er ist dafür mitverantwortlich, dass die Deutsche Bank immer wieder ihre Ziele gerissen und Milliarden an Aktionärskapital vernichtet hat. Auch sind die IT-Systeme in einem desolaten Zustand. Die Bank muss schließlich aufhören, jedes Jahr Milliarden von Euro für Berater auszugeben, die offensichtlich wenig bringen."

Ein abschließendes Fazit zur Zombie-Misswirtschaft wird erst dann möglich sein, wenn die EZB mit einer Zinserhöhung Ernst macht oder wenn die bislang von Banken allzu leichtsinnig vergebenen Kredite zu platzen beginnen. Bis eines von diesen beiden Ereignissen - oder ein unerwartetes anderes mit ähnlicher Wirkung - eintritt, können Wochen oder Monate vergehen, nicht aber Jahre. Das gilt es im Auge zu behalten, um im Fall des Falles möglichst schnell reagieren zu können.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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