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Achtung, Börsengewitter!

25.11.2018  |  Manfred Gburek
Die Aktienkurse drohen weltweit weiter einzubrechen. Der ifo-Geschäftsklima-Index, der auf 10.000 Daten aus der Wirtschaft beruht, ist so stark abwärts gerichtet wie seit zehn Jahren nicht mehr. - Der Brexit und Italien bleiben weiterhin Unsicherheitsfaktoren. Es wird mindestens ein halbes Jahr dauern, bis die italienische Regierung mit ihren Schulden zu potte kommt. Egal, was die EU-Kommission gegen Italien unternimmt, es wird überflüssig sein. - Die aktuelle Diskussion über das Eurozonen-Budget, angefacht von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, ist in Anbetracht von 260 Milliarden Euro an noch nicht abgerufenen EU-Mitteln unbedeutend. - US-Präsident Donald Trump wird den Handelskrieg in erster Linie gegen China führen, weniger gegen Europa. Der amerikanische Boom dürfte kaum noch weiter anhalten. - Die Inflation wird sich nicht so einfach zurückholen lassen.

So weit ein paar Thesen von Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts, aus Anlass des 5. Kapitalmarkttags der Bank Hauck & Aufhäuser am vergangenen Donnerstag in Frankfurt. Es gibt natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die das Börsengeschehen beeinflussen. Alle zusammen bilden ein Knäuel, bestehend aus Ursachen und Wirkungen, gelungenen und fehlgeschlagenen Spekulationen, rationalen und emotionalen Entscheidungen, fundamentalen und technischen Faktoren. Ihre Vielfalt macht es schwer, Vorhersagen zu treffen, Trendwenden rechtzeitig zu erkennen und wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden.

Wichtig ist mit Sicherheit das eingangs erwähnte ifo-Geschäfsklima. Allerdings kann es zumindest temporär von anderen Informationen überlagert werden. Zum Beispiel von solchen zu jederzeit noch möglichen bösen Überraschungen rund um den Brexit, von Gerüchten über Schieflagen sogenannter systemischer Banken und ihren Zombie-Krediten, von nicht enden wollenden Diesel-Diskussionen oder einfach nur vom Rückfall der Dax-Kurve unter die 200-Tage-Linie. (bzw. weniger kurstechnisch formuliert: von der Beschleunigung des Abwärtstrends)

Börsianer sprechen in diesem Kontext oft von entscheidenden Faktoren. Zweifellos würde etwa ein harter Brexit (mit zu vielen ungeklärten Fragen und ohne Übergangsfristen) dazu gehören. Oder der plötzliche Austritt eines Landes aus dem Euro. Oder ein Ereignis wie seinerzeit die Pleite der amerikanischen Bank Lehman Brothers. Oder ein zu langes Beharren der US-Notenbank Fed auf ihrer stringenten Geldpolitik. Solche Ereignisse sind jederzeit möglich - viele andere aber leider auch.

Warum also lange darüber nachdenken, ob das eine oder das andere relevant sein könnte, statt in erster Linie Charts zu verfolgen (im Internet massenweise zu haben), um danach zu handeln? Jetzt also von den meisten Aktien und Aktienfonds Abschied nehmen und viel Cash anhäufen. Der sich beschleunigende Abwärtstrend an den Weltbörsen spricht dafür, das Einknicken des ifo-Geschäftsklima-Index ebenfalls.

Bei einer aus solchen Überlegungen abgeleiteten Anlagestrategie sind jedoch die üblichen Feinheiten zu beachten, etwa die für das Recherchieren erforderliche Zeit, die persönlichen Finanzziele (zyklischer Anleger oder Daueraktionär) und die Differenzierung unter den Aktien (solche mit relativer Schwäche verkaufen, mit relativer Stärke dagegen zumindest teilweise halten).

Lassen Sie sich in nächster Zeit weder von Dax-Gesundbetern unter den Volkswirten noch von irgendwelchen Crash-Propheten einlullen. Denn die einen müssen Rücksicht auf die Fondsmanager ihres Hauses nehmen, sodass sie sich gern in Einerseits-Andererseits-Sprüchen ergehen, statt auf den Punkt zu kommen. Und die anderen prophezeien so lange einen Crash, bis dieser eintritt - dann allerdings meistens aus Gründen, die im Propheten-Vokabular erst gar nicht vorkommen.

In einem Umfeld wie dem aktuellen - und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch potenziellen - ist es naturgemäß ziemlich schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren. Denn zum einen sprechen gravierende Argumente (siehe oben) für Aktien- und Aktienfondsverkäufe. Zum anderen heißt es: "Hätte ich doch verkauft, als die Kurse höher standen als heute." Die meisten Anleger begehen dann den Fehler, statt konsequent wenigstens die Luschen aus dem Depot zu werfen, auf hohe Kurse zu hoffen, wie sie noch vor einem oder vor einem halben Jahr an der Tagesordnung waren.

Das alles ist psychologisch verständlich - aber gerade jetzt und mit Blick auf die kommenden Jahre besonders gefährlich. Denn falls nicht alles täuscht, erleben wir zurzeit wirtschaftliche und soziale Umbrüche, wie sie gewaltiger kaum sein könnten.

Nur ein paar Beispiele: Die Digitalisierung macht althergebrachte Geschäftsmodelle kaputt, die Künstliche Intelligenz lässt die Zahl der Arbeitsplätze schrumpfen, die zunehmende Cyberkriminalität erfordert gigantische Investitionen in die Software, die Autoindustrie ist der Konkurrenz von Tesla, Google & Co. ausgesetzt, China verschärft das Innovationstempo, die Schuldenberge wachsen unaufhörlich, und nicht zuletzt muss Deutschland ebenso wie das übrige Europa die Zuwanderung aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika bewältigen.

Allein schon anhand dieser wenigen Beispiele wird klar: Auch die Aktienkurse erleben einen Umbruch, sie werden ihn demnächst sogar noch mehr widerspiegelen. Und zwar einen Umbruch, der die Anleger jahrelang beschäftigen wird, mit allen Tiefen und Höhen, in dieser Reihenfolge. Warum also nicht jetzt Aktien der „old economy“ lieber verkaufen, als sie so lange zu behalten, bis die hinter ihnen stehenden Unternehmen zu Sanierungsfällen werden? Nichts spricht gegen solche Verkäufe.

Fazit: Das internationale Börsengewitter wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weiter anhalten. Die Aktienfavoriten der vergangenen Jahre werden zwar insgesamt Federn lassen, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Um nur zwei Beispiele aus den USA zu nennen: Der innovative Konzern Amazon dürfte den einstigen Vorzeige- und jetzt Problemkonzern General Electric in puncto Ertragsentwicklung weit hinter sich lassen. Zu guter Letzt: Viel spricht dafür, die aus dem Verkauf von Aktien und Aktienfonds stammenden liquiden Mittel nicht allein in Cash, sondern auch in Gold und Silber zu investieren.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

Neu bei gburek.eu: Börsenprofi ist man am besten selbst


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