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Wie Sparer doppelt bestraft werden sollen

03.03.2019  |  Manfred Gburek
Eine Personalie, hinter der viel mehr steckt als nur die zum 1. Juni fällige Ablösung des Belgiers Peter Praet durch den Iren Philip Lane als EZB-Chefvolkswirt. Während Praet dafür bekannt ist, seine Meinung - im Zweifel auch gegen die von EZB-Präsident Mario Draghi - offen auszusprechen, muss Lane das erst unter Beweis stellen. Sein tadelloser Ruf kann ihm dabei sicher helfen. Doch das allein reicht nicht aus, wenn es darum geht, eine härtere Geldpolitik durchzusetzen. Für die steht Lane nämlich nicht, sondern eher im Gegenteil, wie aus EZB-Kreisen zu hören ist.

Noch vertrackter wird die Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass Draghi ein ausgesprochener Fan von Lane ist. Ob das auch umgekehrt gilt, dazu hat Lane sich noch nicht konkret geäußert. Das Vertrackte besteht darin, dass Draghis EZB-Tage ebenfalls gezählt sind: Ende Oktober wird er das EZB-Präsidentenamt übergeben. An wen? Zur engeren Auswahl stehen sieben Kandidaten. Das Pikante daran ist, dass die Mehrzahl von ihnen eher für eine weiche Geldpolitik steht, also für das, was deutschen Sparern seit Jahren Geld aus den Fingern saugt: Null- bis Negativzinsen, de facto also Enteignung.

Diese Geldpolitik hat Draghi allerdings schon derart auf die Spitze getrieben, dass für seine Nachfolge zumindest theoretisch eher ein Hardliner infrage käme, von der Qualifikation her an erster Stelle Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Doch weil es sich hier nicht nur um ein ökonomisch, sondern auch politisch brisantes Amt handelt, dürfte entweder ein Vertreter aus den südlichen Euroländern einschließlich Frankreich oder ein Kompromisskandidat infrage kommen. Zur Erinnerung: Der erste EZB-Präsident von 1998 bis 2003 war der als kompromissbereit geltende Niederländer Wim Duisenberg.

Nun könnte man sich mit alldem - zumindest in der Hoffnung auf eine Wende in nicht allzu ferner Zukunft - mangels Alternative einfach abfinden. So eine Wende erscheint aus aktueller Sicht jedoch illusorisch. Lane hat schon in einem Interview der Börsen-Zeitung am 10. November 2017 angedeutet, dass der Schwenk zu einer strafferen Geldpolitik viel mehr erfordert als das Wissen um die internationalen Finanzströme oder die Hoffnung auf eine bessere Konjunktur: "An einem Wendepunkt braucht man genug Belege, dass die Zeit für einen solchen Schritt wirklich reif ist."

In dieser Hinsicht hat Lanes Vorgänger Praet erst kürzlich noch kräftig nachgelegt, indem er in der Börsen-Zeitung vom 19. Februar wie folgt auf spezifische Schwachpunkte eingegangen ist: "Die Risiken für die Wirtschaft im Euroraum haben zuletzt deutlich zugenommen. Die Konjunkturabkühlung ist breiter und hartnäckiger als gedacht. Im Euroraum schlagen sich die Unsicherheiten zunehmend in der Stimmung der Unternehmen nieder. Der Finanzsektor neigt häufig dazu, prozyklisch zu handeln. Nehmen Sie die Banken, die dazu neigen, zyklische Entwicklungen zu verstärken. Wenn die Wirtschaft gut läuft, geben sie bereitwillig Kredit. Wenn sie schlecht läuft, tun sie das weniger gern."

Besonders spannend wird es, wenn Praet sich in Andeutungen ergeht, die für die Zinsen der Sparer nichts Gutes verheißen: "Wenn sich die Eurowirtschaft stärker abschwächt, können wir unsere Forward Guidance zu den Zinsen anpassen, und das könnte durch andere Maßnahmen ergänzt werden. Das bedeutet auch, dass die Wahrscheinlichkeit, die Zinsuntergrenze zu erreichen, sehr viel größer ist als früher gedacht. Dann braucht es andere Instrumente. Wir sind in jedem Fall bereit, falls nötig alle unsere Instrumente anzupassen, um sicherzustellen, dass sich die Teuerungsrate weiter auf nachhaltige Weise unserem Inflationsziel nähert."

Das alles ist zweifellos viel Stoff zum Nachdenken - und für Anleger, konsequent danach zu handeln. Forward Guidance bedeutet sinngemäß: Vorgabe zur kommenden Geldpolitik. Es handelt sich sowohl um eine psychologische als auch um eine quantitative Maßnahme. Das heißt im konkreten Fall: Die Zinsen können weiter abrutschen, sich also im negativen Bereich regelrecht austoben. Was eine Zinsuntergrenze konkret bedeutet, bleibt offen. Was sind "andere Instrumente"?

Im Zweifel gehört die Bestrafung der Sparer durch negative Zinsen dazu. Mehr noch, "alle unsere Instrumente anzupassen", um die Inflation herbeizuzwingen, das läuft im Endeffekt darauf hinaus, dass Sparer von zwei Seiten um ihr Geld gebracht werden: durch negative Zinsen und durch die Inflation. Wobei das Inflationsziel von gebetsmühlenartig vorgetragenen unter, aber nahe 2 Prozent nur scheinbar eine feste Größe ist. In Wahrheit gleicht sie einem dynamischen Prozess. Aktueller Stand im Euroraum per Februar: 1,5 Prozent.

Was das hier beschriebene Szenario für Anleger so undurchsichtig macht, ist die Komplexität: Sie haben eine Währung namens Euro vor die Nase gesetzt bekommen, einem in der Geldgeschichte einmaligen Experiment mit offenem Ausgang. 19 Euroländer von unterschiedlicher Größe, Geldkultur und Mentalität der Bevölkerung rudern mal mit-, mal gegeneinander. Die EZB dient ihnen als lockere Klammer. Sie hat kein politisches, sondern nur ein nicht klar definiertes Währungsmandat.

Trotzdem mischt sie sich zunehmend in die Politik ein, indem sie etwa mit ihrem geldpolitischen Instrumentarium Maßnahmen zur Belebung der Konjunktur ergreift. Denn die zerstrittenen Regierungen der Euroländer sind nicht in der Lage, sich in Sachen Fiskalpolitik zu einigen. Markantes Beispiel: die gegensätzlichen Interessen von Deutschland einerseits sowie Frankreich und erst recht Italien andererseits. So kommt es dazu, dass alle ihr eigenes Süppchen kochen, von der viel beschworenen Konvergenz keine Spur.

Gemessen an Bundesanleihen ist der deutsche Zins erst ab zehn Jahren Laufzeit positiv. Damit bleibt er im Euroraum die große Ausnahme. Hier drängt sich die Frage auf, wie die von Peter Praet angedeuteten, demnächst womöglich noch niedrigeren Zinsen im negativen Bereich allseits zu verkraften sind, ob dann die Sparer endlich revoltieren oder ob sie weiterhin kuschen. Die Antwort hängt von den Alternativen ab:

Euroanleihen mit längeren Laufzeiten sind entweder uninteressant oder, wie zum Beispiel generell italienische oder spanische, nur zur Spekulation geeignet. Für Anleihen in anderen Währungen gilt im Prinzip dasselbe. Aktienkurse schwanken so stark, dass sie für den klassischen deutschen Sparer kaum infrage kommen. Die Immobilienpreise bilden eine immer größere Blase, also ist hier Vorsicht angebracht. Gold und Silber sind vor allem für den Fall eine interessante Alternative, dass das zerbrechliche Finanzsystem weitere Risse zeigt. Die Wetten darauf nehmen seit einige Wochen überhand.


© Manfred Gburek
www.gburek.eu



Manfred Gburek ist neben seiner Funktion als Kolumnist privater Investor und Buchautor.

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