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Die verdrießliche Wahrheit über den Euro

20.04.2019  |  Prof. Dr. Thorsten Polleit
Soll der Euro bewahrt werden, ist ein großangelegtes Subventionieren des überdimensionierten Euro-Bankenapparates wohl unausweichlich, möglicherweise verbunden mit einer Verstaatlichung.

"Bringst du Geld, so findest du Gnade; sobald es dir mangelt, schließen die Türen sich zu", so schrieb Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Die Räte der Europäischen Zentralbank (EZB) wissen darum. Der Euro wäre längst Makulatur, wäre in einem gewaltigen Crash gescheitert, hielte die EZB nicht strauchelnde Staaten und Banken mit Null- und Negativzinsen und einer fortwährenden Ausweitung der Euro-Geldmenge über Wasser. Durch diese "Rettung" verschleiert die EZB die wirtschaftlichen und politischen Übelstände, für die der Euro sorgt, vor den Augen der größtenteils ahnungslosen und desinformierten Öffentlichkeit und schwächt deren Widerstand gegen die Einheitswährung.

Der Zweck heiligt die Mittel, und so bietet die EZB ab September bis 2021 den Euro-Banken neue Kredite an. Im "EZB-Sprech": TLTROs, das steht für "Targeted Longer-term Refinancing Operations". Diese Darlehen wird die EZB den Banken zum Nullzins beziehungsweise zu minus 0,4 Prozent pro Jahr bereitstellen. Das Manöver zeigt schon jetzt Wirkung: Es beruhigt die Investoren, lässt sie erwarten, dass die Euro-Banken zahlungsfähig bleiben - und so kaufen die Investoren wieder eifrig Bankschuldpapiere und Staats- und Unternehmensanleihen.

Das treibt die Rendite der Schuldpapiere nach unten, und das gesamte Zinsspektrum wird in Richtung des Null- und Negativzinses gezogen.

Doch was soll aus den Euro-Banken werden, wenn die Zinsen derart niedrig sind? Dass es vielen Banken schon jetzt nicht gut geht, ist bekannt - und zeigt sich unmissverständlich in den Aktienkursen: Seit Anfang 2006 bis heute sind die Kurse der Euro-Banken um 73 Prozent gefallen (während die der US-Banken um 20 Prozent gestiegen sind). Anhaltend niedrige Zinsen setzen den Geldhäusern heftig zu: Die Zinsgewinne schwinden. Und weil der Euro-Bankenmarkt sich nicht konsolidiert, es zu viele Banken gibt, geraten die Gebühreneinnahmen unter Druck. Der Wettbewerb, der von den FinTechs ausgeht, und die steigenden Regulierungskosten schmälern die Bankgewinne zusätzlich.

Doch Scheitern ist keine Option: Der Euro steht und fällt mit dem Euro-Bankenapparat - übrigens der größte seiner Art auf der Welt -: Er hat eine Bilanzsumme von 31,6 Billionen Euro. Das Bankeigenkapital beträgt nur 2,5 Billionen Euro. Weitere Kreditausfälle wären daher brisant: Die ohnehin dünne Eigenmittel der Banken könnte rasch aufgezehrt werden.

Doch das Eigenkapital der Banken muss erhalten bleiben, es muss sogar wachsen, damit sich das Verschuldungskarussell weiterdrehen kann. Mehr Kredite verlangen aber mehr Eigenkapital. Woher nehmen? Aus den kümmerlichen Gewinnen der Banken in einem Null- und Negativzinsregime wird nicht viel zu holen sein. Und Investoren werden sich mit neuen Eigenkapitalspritzen vermutlich zurückhalten.

Man ahnt, wie eine solche Unpässlichkeit "gelöst" würde: Richtig, die Staaten springen im Fall der Fälle auf Kosten der Steuerzahler ein und versorgen die Banken mit dem benötigten Eigenkapital. Wie das gehen soll? Die Staaten geben zum Beispiel Anleihen aus, die die EZB kauft. Die dadurch neu geschaffenen Euro werden als Eigenkapital in die Banken eingezahlt - und damit sind die Banken aufgepolstert und auch gleich noch (teil-)verstaatlicht. Ein Alptraum für die Bankaktionäre. Sie wären die ersten, deren Vermögensillusion verpufft, wenn das Bankgeschäft im Euroraum vollends an die bürokratisch-regulative Leine gelegt ist.

Mit den Verbindlichkeiten der Banken wird man jedoch vorsichtig(er) umgehen müssen. Denn Zahlungsausfälle sind heikel, sie können leicht eine Massenpanik (einen „Banken-Sturm“) auslösen, die die Euro-Kreditpyramide zum Einsturz bringt. Pleiten kann jedoch die EZB abwehren: Strauchelnde Banken erhalten im Notfall neues Geld, aus dem Nichts geschaffen. Einzelne kleine Banken wird man zwar hier oder da schließen können. Aber eine Bankenabwicklung in großem Stile ist nicht möglich, ohne dass die Euro-Geldmenge schrumpft und die Euro-Wirtschaften geradewegs in die politisch ungeliebte Deflation schlittern.

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Quelle: Thomson Financial; Berechnungen DEGUSSA. (1) Januar 2006 = 100.


Wird der Drang der Euro-Eliten und ihrer Anhängerschaft, den Euro mit allen Mitteln zu bewahren, nicht gestoppt, ist das Ergebnis absehbar: ein großangelegtes Durchsubventionieren des überdimensionierten Euro-Bankenapparates, möglicherweise verbunden mit einer immer unverhohleneren Verstaatlichung des Euro-Bankgeschäftes.

Die Politiker dürfte das gefallen: Sie kommen dadurch in den Genuss eines ungeahnten Machtzuwachs, können bestimmen, wer wann wo und wieviel Kredit zu welchen Konditionen bekommt. Und über allem thronen die Räte der EZB - der parlamentarischen Kontrolle enthoben in ihrem supra-nationalen Reich, gut gesichert in der Frankfurter Turmfestung. Wer da marxistische Fingerabdrücke erkennt, wird vermutlich auf Ungläubigkeit stoßen: "Die Menschen verdrießt's, daß das Wahre so einfach ist", so sagte es Goethe.


Zentralbanken kaufen Gold

Die Zentralbanken sind weltweit die bedeutendsten Goldhalter. Im Januar 2019 befanden sich (so man den IWF-Zahlen Glauben schenken mag) 33.710 Tonnen Gold in den Kellern der Geldbehörden. Ab etwa 1991 begannen viele Zentralbanken, das Gold zu verkaufen. Ihre Goldreserven fielen bis auf 29.921 im März 2009. Seither sind sie wieder erhöht worden. Vor allem China und Russland haben ihre Goldreserven merklich aufgestockt.

Der zentrale Grund liegt auf der Hand: Man will die Abhängigkeit vom US-Dollar verringern. Dies ist umso verständlicher, weil die Erwartung sich nicht zu erfüllen scheint, der Euro werde zu einem ernsten Herausforderer des Greenback; und auch der japanische Yen drängt sich nicht mehr als Währungsreserven auf. Gold ist gewissermaßen die "natürliche" Alternative.


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Quelle: Thomson Financial, IWF; Graphik Degussa.


Wie die nachstehende Graphik eindrücklich zeigt, beträgt der Marktwert der offiziellen Goldreserven derzeit nur noch 10,6 Prozent. In der Spitze lag dieser Anteil bei fast 74 Prozent, das war im Herbst des Jahres 1980. Die geringe Gewichtung des Goldes in den internationalen Währungsreserven ist in der Tat auffällig. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich das in den kommenden Jahren ändern würde: durch weitere Goldkäufe der Zentralbanken und/oder herbeigeführt durch einen Anstieg des Goldpreises in den ungedeckten Währungen der Welt.

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Quelle: Thomson Financial, IWF; Berechnungen Degussa.


© Prof. Dr. Thorsten Polleit
Quelle: Auszug aus dem Marktreport der Degussa Goldhandel GmbH


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